ro ro

Themen-Optionen Ansicht

40/2011 - Beruhigt euch! (Otto Friedrich)
  #1  
Ungelesen , 12:14
l Beruhigt euch!

Keine Frage: Die (Wirtschafts-)Lage ist besorgniserregend. Ob Katastrophen- und Untergangsszenarien zur Lösung der Probleme beitragen, darf bezweifelt werden. Plädoyer für eine unaufgeregte Auseinandersetzung.

Von Otto Friedrich

Vor genau einem Jahr erblickte Stéphane Hessels Essay „Empört euch!“ das Licht der Öffentlichkeit. Der ehemalige Résistance-Kämpfer hatte mit dem Pamphlet für zivilgesellschaftlichen Widerstand den Nerv des Lebensgefühls getroffen. Beileibe nicht nur in Frankreich. Das sich nun seit Jahresfrist etablierende Wutbürgertum ist aber nur eine der Seite der Medaille.
Denn Empörung oder deren kleinere Schwester, die Aufregung, ist bekanntlich eine Klaviatur, auf der die Medien (bzw. die Politik via Medien) schon lang spielen. Zu jedem Thema und zu jeder Debatte liegen Beispiele dazu längst auf der Hand. Da initiierte etwa die populistische Politik Italiens eine europaweite Aufregung über Flüchtlingshorden aus Nordafrika, die im Zuge der dortigen Revolutionen Europa überschwemmen würden. Doch die prognostizierten Massen bleiben aus (vgl. dazu die letztwöchige FURCHE).

Wie alles nur noch schlimmer wird

Mittlerweile kann sich der Bürger und Medienkonsument auch der öffentlichen Empörungsrituale zum Thema Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Schuldenkrise, Eurokrise nicht mehr erwehren. Der Normalsterbliche findet sich in den Katastrophenszenarien kaum mehr zurecht, praktisch Tag für Tag wird an der Eskalationsschraube gedreht. Wen wundert es dann noch, wenn der Leitartikler eines hiesigen Nachrichtenmagazins seine dieswöchige Enunziation mit „Es kommt noch schlimmer“ übertitelt.
Für den Medienkritiker mag das alles ein Ergebnis der Boulevardisierung sein, die eine fatale Folge des Konkurrenzkampfes der Medien um Aufmerksamkeit darstellt. Die Botschaften und Aussagen müssen immer schneller, immer schriller, immer empörter, immer reduzierter werden.
Und die Katastrophen – zuletzt eben jene im wirtschaftlichen Bereich – beschleunigen sich und entpuppen sich als selbsterfüllende Prophezeiungen. Auch Otto Normalverbraucher wird vom Untergangsfieber angesteckt, achtet den ganzen Tag lang besorgt auf die Berichte vom Auf und Ab der Börsenkurse und geht mit entsprechendem Schauder schlafen, wenn Armin Wolf am Ende der ZIB 2 verkündet hat, um wie viele Prozentpunkte der Dow Jones Index diesmal hinuntergerasselt ist.
Keine Frage: Die Wirtschaft entwickelt sich besorgniserregend. Aber das Hinauflizitieren von Katastrophenstimmung und Erregungspotenzial dient der Bewältigung der Situation überhaupt nicht. Es mag Symptom für diesen Befund sein, dass Information mehr und mehr auf leicht fassliche Twitter-Länge (140 Zeichen!) verkümmert. Da bleibt für Differenzierung und für Diskussion kein Platz mehr.
Vor wenigen Tagen gab Alfred Gusenbauer dem Kurier ein Interview, in dem er nüchtern und nuanciert die Wirtschaftslage und die daraus folgenden demokratiepolitischen Konsequenzen analysierte. Ein diskussionswürdiger Beitrag des Exkanzlers.

Fahrlässige Verkürzung nötiger Diskussion

Die heimische Nachrichtenagentur titelte dazu: „Gusenbauer warnt vor ‚Expertendiktatur‘ in Europa.“ Dieser Ausdruck war wohl gefallen, den Inhalt des Gesprächs auf solches Reizwort zu reduzieren, stellt eine fahrlässige Verkürzung dar. Genau das geschah aber landauf landab.
Auch dieses Beispiel zeigt, wie sehr der nötige öffentliche Diskurs einer komplexen Lage durch Verkürzung und Beschleunigung hintangehalten wird. Dabei wäre nichts dringlicher als eine unaufgeregte Auseinandersetzung jenseits von Katastrophe und Untergang. Das erscheint angesichts angeblicher oder tatsächlicher medialer Mechanismen als frommer Wunsch. Dennoch gibt es keine Alternative dazu.
Stéphane Hessels Aufschrei mag als Weckruf für eine verschlafene Zivilgesellschaft durchgehen. Gleichzeitig muss man den medialen und politischen Kurzatmigen wie den aufgeregt Gackernden ein „Beruhigt euch!“ ins Stammbuch schreiben. Das klingt nur scheinbar gegensätzlich.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  11:05:34 07.21.2005