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42/2011 - Echte Kinderfreunde (Claus Reitan)
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Ungelesen , 12:49
l Echte Kinderfreunde

Entsetzen und Empörung über die Misshandlung von Kindern in einem Wiener Heim verleiten die Politik zu teils falschen Schlussfolgerungen. Eine Gesellschaft, die sich wirklich zu Kindern bekennt, hätte bei deren Förderung anzusetzen.

Von Claus Reitan

Der Atem stockt: Die Schilderungen der Zustände im früheren Kinderheim Wilheminenberg in Wien wirken atemberaubend. Um es schlicht und einfach zu sagen: Die Erzählungen heute erwachsener Personen über die dort als Kinder erlittenen Qualen und Ängste brechen einem das Herz. Vorrangig geht es jetzt um die Schicksale der Opfer, aber dann umgehend um jene Umstände und Widerwärtigkeiten, die derartiges überhaupt erst möglich machten – in der Hauptstadt der Kinderfreunde.
Was in der langen Geschichte Österreichs geschah, hat uns wegen der Folgen heute noch zu beschäftigen. Bis in die 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts – den Zeitpunkt der jetzt zu erhebenden Schandtaten – lag ein schwerer, drückender Mantel über Öster*reich. Nicht die Befreiung, nicht die Freiheit hatten hier ihre Tradition, sondern die Unterdrückung, der Zwang, das Brechen von Menschen.

Üble Traditionen wirkten lange nach

Die historische Kontinuität lag nicht in der Meinungsfreiheit der Bürger, sondern in deren Verbot und in der Zensur durch die Obrigkeit. Nicht die Ausübung des freien Willens, nicht das Führen eines selbstbestimmten Lebens hatten hier ihre breite Basis und feste Verankerung in Bildung und Erziehung, sondern das Ruhig-Sein, das Sich-Fügen, das Anpassen. In diesem Milieu gediehen Denunzianten und Vernaderer, Intriganten und Verschwörer, sind anonyme Anzeigen und andere Hinterhältigkeiten notorisch. Unter solchen Umständen haben es die Schwachen noch schwerer, Kinder erst recht. Es gibt zu viele Personen, die erlebte Unterdrückung weitergeben – was niemanden exkulpiert, aber manches verständlich und damit erst änderbar macht. Denn es liegt eine doppelte Katastrophe, ein zweifacher Skandal vor.
Zu den horriblen Missetaten an anvertrauten Minderjährigen gesellt sich die Unterdrückung der Information genau darüber. Einige wenige couragierte und wissende Personen haben auf das Schicksal der Kinder im Schloss Wilheminenberg aufmerksam gemacht. Doch die Berichte wurden nur unvollständig an die Öffentlichkeit gebracht, die ganze Wahrheit landete in daraufhin versperrten Schubladen. Nach den Aufsichtspersonen hat der Machtapparat Wien nochmals zugeschlagen. Die Art und Weise, wie die nötige Vergangenheitsbewältigung in Österreich doch sehr selektiv vorgenommen wurde, ist erbärmlich.
Aus diesen Gründen geht es um das mit Blick auf Gegenwart und Zukunft Wichtigste, nämlich einen Lernprozess mitsamt Ergebnis. In der Pädagogik, in der Aufsicht über und in der Erziehung von Jugendlichen, die mangels familiären Umfeldes einer von Staats wegen eingerichteten Betreuung bedürfen, hat sich im Laufe der letzten Generation einiges zum Besseren gewendet. Doch hinsichtlich weiteren Fortschrittes wirkt manches an der Politik hilflos bis deplatziert.

Wo eine lernfähige Politik anzusetzen hätte

Die Fristen für Verjährungen aufzuheben, neue Straftatbestände einzuführen oder bestehende Strafen hinaufzusetzen – das löst nichts und ergibt nichts außer einer kurzen Befriedigung unmittelbarer politischer Reflexe. Geboten ist eine unabhängige Untersuchungskommission des Bundes, selbst wenn die Republik oder das Land Wien im Wege der Amtshaftung belangt werden könnten. Erforderlich ist, wie Wiens Opferanwältin Eva Plaz deutlich macht, eine Klärung bei den bestehenden Verjährungsfristen und vor allem mehr an Rechtssicherheit. Viele Opfer scheuen das Risiko eines zivilrechtlich zu führenden Prozesses auf Schadenersatz, wenn keine strafrechtliche Verurteilung vorliegt.
Mehr als 11.000 Kinder leben nicht bei ihren Eltern, sondern anderswo. Die Eltern von rund 26.000 Minderjährigen werden bei der Erziehung extern unterstützt. Sie alle benötigen mehr an Hilfe, an Zuwendung, an angewandter Sozialarbeit als gegenwärtig geboten wird. Eine Politik, die lernfähig ist, und eine Gesellschaft, die sich zu Kindern bekennt, würden hier ansetzen.

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