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51/2011 - Von Licht und Finsternis (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 12:57
l Von Licht und Finsternis

Die biblischen Texte der Advent- und Weihnachtszeit dürften den Nerv unserer Tage in besonderer Weise treffen. Die Übersetzung der weihnachtlichen Botschaft in die Lebenspraxis ist die entscheidende Herausforderung.

Von Rudolf Mitlöhner

Weihnachten, das ist nicht der Glanz, der Schönes, Gelungenes veredelt und in noch hellerem Licht erstrahlen lässt. Weihnachten, das ist ein Lichtstrahl in der Finsternis. Nicht der Aufputz, die Dekoration, sondern eine Gegengeschichte, ein Ereignis wider den Augenschein. Nicht umsonst konfrontiert die Liturgie die Gläubigen in diesen Tagen und Wochen mit der Wucht der jahrtausende*alten Worte aus dem Buch Jesaja: „Tröstet, tröstet mein Volk, …“ (40,1), hieß es am zweiten Adventsonntag. „Das Volk, das im Dunkel lebt, / sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, / strahlt ein Licht auf“ (9,1), wird in der Heiligen Nacht rezitiert. „Brecht in Jubel aus, jauchzt alle zusammen, / ihr Trümmer Jerusalems!“ (52,9), lautet der Ruf am Christtag.

Die Trümmer der Gegenwart

Das sind Worte, die auch in unsere krisengeschüttelte, orientierungslose, ihrer Selbstgewissheit vielfach verlustig gegangene Zeit hineingesprochen sein könnten. Wir sehen jede Menge Trümmer herumliegen: die Trümmer eines Lebens auf Pump, überzogener Ansprüche, mangelnder Ehrlichkeit und Eigenverantwortung … Und es ist viel Dunkel, viel Ratlosigkeit und Unsicherheit in und um uns. Der Befund gilt vom Mikrokosmos von Partnerschaft, Beziehungen und Kindererziehung über Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, über die Zukunft Europas bis hin zu den großen geopolitischen Entwicklungen zwischen China, den USA und Russ*land.
So treffen diese Texte den Nerv unserer Tage vielleicht in besonderer Weise – und eröffnen uns solcherart auch einen heutigen Blick auf Weihnachten. Denn die christliche Tradition deutet die Prophetenworte ja in letzter Perspektive auf die Person des Jesus von Nazaret hin und von ihr her, baut sie gewissermaßen in den weitgespannten Erzählbogen von Weihnachten ein. Der aber will der jeweiligen Zeit gemäß gelesen, in die Gegenwart hinein übersetzt werden, soll er nicht bloß als erratisches literarisches Dokument aus der Landschaft ragen. In diesem Sinne ließe sich vielleicht auch der viel zitierte, gleichwohl heute etwas antiquiert-fromm anmutende Satz des „schlesischen Boten“ (angelus silesius) Johannes Scheffler aus dem 17. Jahrhundert interpretieren: „Wär’ Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, doch nicht in dir: du bliebst noch ewiglich verloren.“
Eine künstlerische Übersetzung der weihnachtlichen oder auch allgemein christlichen Botschaft bietet der Künstler Markus Wilfling (geb. 1966) an: An die Wand neben dem Portal der frühgotischen Grazer Leechkirche hat er den Satz „Wir sind da“ in unscheinbarer Schreibschrift gekritzelt. Das lässt sich als Antwort auf die in der (Vor-)Weihnachtszeit allgegenwärtige Frage „Ist da jemand?“ verstehen: Ja, da ist jemand; besser: jemand ist da, anwesend, gegenwärtig. Der Sakralbau als solcher, aber auch seine diversen künstlerischen Darstellungen (Figuren, Glasfenster etc.) geben davon in traditioneller Formensprache Zeugnis. Noch vertiefend: nicht einfach jemand ist da, sondern „Wir“. Das bezieht sich auf das von Philipp Harnoncourt initiierte Trinitätsprojekt „1+1+1=1“ – also auf den einen Gott, der sich in Jesus auf Augenhöhe mit den Menschen begeben hat und dessen Geist den „Menschen guten Willens“ verheißen ist. Dieses Da-Sein Gottes bedeutet freilich eine erst im Modus des Glaubens sich erschließende Zusage, keine Verfügbarkeit oder zwingende Evidenz.

Wir sind da – in der Welt

„Wir sind da“ ist aber für Christen auch die gebotene Antwort auf das göttliche „Wir sind da“. Es meint dann eine Gegenwärtigkeit in der Welt, die etwas von der Weihnachtsbot*schaft vermittelt und in die Lebenspraxis hinein übersetzt. Die etwas an Licht im Dunkel aufstrahlen lässt und die umherliegenden Trümmer beiseite räumen hilft. Das ist in Wahrheit viel prosaischer als es klingt; es hat viel mit den „Mühen der Ebenen“ zu tun, mit Ausdauer, Verbindlichkeit und Treue zu Menschen und zu Werten, sehr wenig mit Glanz. Und es gilt grosso modo für den privaten Mikrokosmos ebenso wie für die große weite Welt.

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  04:00:53 07.19.2005