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01/2012 - Diesseits von Gut und Böse (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 13:24
l Diesseits von Gut und Böse

Ob private Affären öffentlicher Personen oder politische und wirtschaftliche Sachverhalte: Die Auseinandersetzungen darüber sind vor allem von (medialer) Erregung bestimmt. Doch diese hilft nicht wirklich weiter.

Von Otto Friedrich

Die ganze Welt ist ein beständiger Kampf zwischen Gut und Böse. Die*se einst vom persischen Religionsstifter Mani (216–276 n. Chr.) verbreitete Sicht feiert in der medialen Wirklichkeit von heute fröhliche Urständ: Schwarz und Weiß, Licht und Dunkel, Heilige und Teufel – die mani*chäischen Gegensatzpaare beleben und beherrschen auch die Gegenwart. Wobei die Medienmacher ein bisschen mehr auf die Teufel denn auf die Heiligen setzen.
Die diesbezüglichen Protagonisten des eben verblichenen Jahres 2011 bieten beredte Zeugnisse: Jörg Kachelmann, Schweizer Ex-Wetterfrosch im deutschen TV, erregte monatelang, nicht zuletzt befeuert von Moralapostolinnen wie Alice Schwarzer, die Gazetten. In der dazugehörigen Vergewaltigungscausa gab es Freispruch im Zweifel. Der nächste Hype folgte auf dem Fuß – Dominique Strauss-Kahn – mit ähnlichen Begleitumständen und Ergebnissen. Dann war doch auch noch der ertappte Plagiator im Ministerrang, der zuerst zum Heiligen, sprich: Kanzler der Zukunft, hochgeschrieben wurde, und dann doch auch als tollpatschiges Teufelchen endete.

Schicksale und Sachverhalte auf der Strecke

Das alte Jahr ist längst nicht vergangen – 2012 hat gleich die nächste Affäre geerbt: Ob der deutsche Bundespräsident die nächsten Tage im Amt überlebt, ist ungewiss. Das mediale Sperrfeuer weitet und weitet sich aus.
Und Österreich? Das mag zwar klein sein, aber in Sachen Gut und vor allem: Böse steht es dem Nachbarn um nichts nach. Karl-Heinz Grasser kann ein Lied davon singen: Der einstige Lieblings-Schwiegersohn der Nation wird auch 2012 im besten Fall als Lieblings-Schlawiner reüssieren.
Um nicht missverstanden zu werden: In den angesprochenen Beispielen geht es natürlich auch um die Klärung von Recht und Unrecht. Und von Grasser bis zu Guttenberg haben die Protagonisten lange Zeit selber genug dazu getan, Medien für ihre Interessen einzusetzen.
Aber all die Hypes, die sich um diese Personen ranken, bedienen auch ein Bedürfnis der Medien – und ihrer Konsumenten. Dass dabei Schicksale und Sachverhalte zu bedenken sind und dass es dafür gerichtliche Verfahren gibt, spielt in den Mechanismen dieser Hypes eine viel zu geringe Rolle.
Der öffentliche Manichäismus dieser Gegenwart lässt sich mit den Erregungen um Personen am anschaulichsten illustrieren. Aber auch wenn es in die unübersichtlichen Sachverhalte von Politik und Ökonomie geht, bleibt der Befund aufrecht – und wird sogar brisanter, weil ungleich mehr Menschen betroffen sind.
Dass 2011 etwa die Aufregung um die EHEC-Keime ganze Gemüseernten von Norddeutschland über Wien bis ins wirtschaftlich am Boden liegende Spanien unverkäuflich machte, war ein warnendes Beispiel. Und rund um die Euro- und Schuldenkrise sollte sich langsam herumgesprochen haben, dass das Geschnatter der Untergangsszenarien erst recht Unheil anrichtet, unabhängig davon, wie nah oder wie fern der beschworene Untergang tatsächlich ist.

An der Eskalationsschraube täglich drehen

Die Reduktion der Welt auf Gut und Böse und die täglich unternommene Eskala*tion öffentlicher Erregung ist nicht allein den Medien anzulasten. Diese mögen Player und auch Getriebene im Krieg um Aufmerksamkeit sein. Aber auch die hohe und die kleine Politik dreht hier an den Schrauben, Akteure der Wirtschaft gleichfalls.
Nicht einmal der Mann und die Frau „von der Straße“ sind auszunehmen: Wenn Information heutzutage so zugänglich ist wie nie zuvor, sie aber dennoch immer mehr über die vorgekauten Häppchen der Kurzmeldungen in einer Gratis-Zeitung oder in mundgerechten Twitter-Botschaften am Smartphone konsumiert wird, dann liegen die Gefahren auf der Hand.
Das private wie öffentliche Leben kann nicht auf einen manichäischen Dualismus reduziert werden. Die Sachverhalte, um die es geht, bleiben komplex. Ihnen ist mit immer größerer Erregung nicht beizukommen. Der frömmste Wunsch für 2012 wäre, sich darauf zu besinnen.

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