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14/2012 - Das Richtige im Falschen (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 12:29
l Das Richtige im Falschen

Von Gebet, Zeitunglesen und Social Media, von Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen der Zeit Jesu und heute. Und vom Versuch, Theodor W. Adorno durch die Brille der österlichen Botschaft der Auferstehung zu lesen.

Von Rudolf Mitlöhner

Würde Jesus heute Zeitung lesen statt zu beten? Diese provokante Frage stellte die evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929–2003) vor bald fünfzig Jahren. Gebet sei – wie Zeitung lesen – so etwas wie eine Vergewisserung über den Gesamtzusammenhang, schrieb Sölle. Sie meinte damit, so darf man es wohl interpretieren, ein Sich-Sammeln und -Öffnen für das Ganze der Wirklichkeit.
Dem liegt wohl ein schon für damalige Verhältnisse etwas zu idealistisches Verständnis von Medienkonsum zugrunde; Sölle mag dabei an großformatige deutsche Qualitätsblätter gedacht haben, nicht an den seither noch aggressiver gewordenen Boulevard. Gleichwohl gehört zum „Gesamtzusammenhang“ natürlich alles, was Menschen umtreibt, samt Niederungen und Abgründen, dazu. Und so möchte man, den Gedanken für die heutige Zeit fortspinnend, sagen, dass Jesus heute auch die Umsonstzeitungen durchblättern würde sowie auf Facebook und Twitter präsent wäre und vermutlich dort zahlreiche Freunde und Followers hätte: im Sinne des Gesamtzusammenhangs bzw. des Ganzen.

Zerrissener Gesamtzusammenhang

Was aber ist dieses Ganze? „Jerusalem um das Jahr 30 – Wiederholungen waren und sind möglich“: mit diesem Satz schließt Susanne Heine jedes Mal ihre dieswöchigen Ö1-Morgenbetrachtungen. Bei aller Kontinuität in den Grundmustern menschlichen Denkens und Handelns ist indes der Gesamtzusammenhang in den zwei Jahrtausenden seither noch um einiges komplexer und undurchschaubarer geworden. So verworren stellen sich die Dinge dar, dass viele wohl gar nicht erst von einem Gesamtzusammenhang sprechen würden. Vielmehr ist dieser längst zerrissen, einzelne Fetzen, von denen wir gelegentlich einen zu fassen bekommen, fliegen uns um die Ohren; je nach subjektivem Temperament und objektiver Lage nehmen es die Menschen irritiert, gelangweilt oder belustigt hin.
„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, postulierte Theodor W. Adorno in seinen „Minima Moralia“, entstanden 1944 bis 1947 unter dem Eindruck des Totalitarismus in Europa. Im falschen Gesamtzusammenhang kann das einzelne Leben nicht gelingen, ließe sich das paraphrasieren. Der Satz, viel zitiert, scheint zwingend. Gleichzeitig ist es ein niederschmetternder Befund. Aber verhält es sich tatsächlich so?
Adornos Diktum hat eine antitotalitäre Stoßrichtung – aber genau besehen ist es tendenziell selbst totalitär. Denn es impliziert, dass es ein Richtiges geben könnte, in dem einzig ein „richtiges Leben“ möglich wäre. Das aber gibt es nie und hat es nie gegeben – nicht in „Jerusalem um das Jahr 30“ und nicht seither bis in unsere Tage. Was wir indes wissen, ist, dass alle Versuche das „Richtige“ zu institutionalisieren, in die Katastrophe mündeten. Das Richtige, das Stimmige, auch das Wahre, Gute, Schöne erfahren wir immer nur punktuell, als Momentaufnahme, im Modus der Annäherung oder Ahnung. Das Ganze aber ist immer falsch.

Die eine große Hoffnung

An diese existenzielle Menschheitserfahrung knüpft auch das Christentum, insbesondere die Ostergeschichte an. Im Kern besagt sie, dass das Richtige im Falschen beginnt, ja, schon begonnen hat; dass, so heißt es in biblischer Sprache, „das Reich Gottes schon zu euch gekommen“ ist (Mt 12,28). Als intellektuelle Zumutung wird die Osterbotschaft oft bezeichnet, von einem „Fest gegen die Logik“ spricht Heinz Nußbaumer (siehe Seite 10).
Das stimmt alles: Aber Ostern ist – nicht im Widerspruch dazu – auch ein Fest gegen das Falsche, genauer gesagt: ein Fest für das Richtige im Falschen; für das richtige Leben, das sich ungeachtet des „Gesamtzusammenhangs“ immer wieder Bahn bricht; für die vielen kleinen Zeichen und Taten der Hoffnung, die sich aus der einen, großen Hoffnung speisen: dass das Richtige das letzte und endgültige Wort behält; dass sich die zahllosen „Fetzen“ schlussendlich doch zu einem großen und ganzen, „heilen“ Gewebe fügen mögen.

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