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41/2012 - Sie ist doch von dieser Welt (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 14:35
l Sie ist doch von dieser Welt

Die katholische Kirche und ihre Leitung lassen sich auf die Welt von heute viel weniger ein, als sie es tun müssten. Ein politischer Kommentar zur Weltkirchenlage fünfzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Von Otto Friedrich

Mit dem II. Vatikanischen Konzil hat sich die katholische Kirche der Welt geöffnet. Kaum jemand würde dies nicht konzedieren – unabhängig davon, ob man dies für gut hält oder nicht. Ebenso evident ist, dass die katholischen Kernländer von einer Kirchenkrise ungeahnten Ausmaßes heimgesucht werden. Der konservative Kirchenflügel pflegt hiefür das Konzil verantwortlich zu machen, durch das der „Rauch Satans“ (so ein oft missbrauchtes Zitat Pauls VI.) in die Kirche eingedrungen sei.
Tatsächlich handelt es sich bei solcher Kritik einmal mehr um eine Henne-Ei-Diskussion. Und eigentlich muss man bei der politischen Analyse gegenwärtiger Weltkirchenlage sogar feststellen, dass die katholische Kirche sich viel weniger auf die Welt einlässt, als sie es tun müsste. Das Konzil, ein Sprung in diese Richtung, ist in dieser Perspektive ganz und gar unvollendet geblieben.
Die Kirche hat sich in ihrer Geschichte auch an den jeweiligen politischen Umständen orientiert. Das ist nicht anrüchig; das oft bemühte Schlagwort von der Inkulturation besagt nichts anderes.

Immer noch viel zu viel feudale Monarchie

Die Bedrängung kommt daher, dass sich die Kirche in ihrer Struktur noch viel zu sehr in vergangenen Zeiten aufhält: Man muss sich vor Augen halten, dass etwa die Organisation in Diözesen eine Fortschreibung der Administration des Chris*tenverfolgers Diokletian aus dem 3./4. Jahr*hundert darstellt. Auch dass diese Kirche noch immer viele Elemente einer feudalen Monarchie in sich birgt, ist alles andere als zeitgemäß. Die VatiLeaks-Affäre ist dafür bezeichnend, entpuppen sich hier Vorgänge an der Kirchenspitze als höfischer Intrigenstadl, der einer Institution, die sich das Heil der Menschen auf die Fahnen schreibt, unwürdig ist. Auch die Missbrauchsskandale – erst am Dienstag musste ein lateinamerikanischer Bischof deswegen den Hut nehmen – sind eine Folge kirchlichen Unwillens, sich der Erfahrungen der Zeit zu bedienen.
Das Konzil hat hier viel aufgebrochen und jedenfalls totalitäre Auswüchse entfernt: Noch vor 50 Jahren war es einem Katholiken untersagt, etwa ein Buch von Heinrich Heine zu lesen: Denn dieser stand auf dem sogenannten „Index“ , der die Gläubigen vor schädlicher Lektüre bewahren sollte. Der Index wurde im Gefolge des Konzils abgeschafft. Aber es gibt noch viel mehr an „weltlichem“ Wissen, dessen sich die Kirche bis heute begibt. Hier wäre das Prinzip der Gewaltenteilung zu nennen, auf dem heutige Gemeinwesen aus der Erfahrung fußen, dass es essenziell ist, die Formulierung von Regeln (Gesetzen), deren Durchführung und deren Überwachung zu trennen. Zu ihrem Schaden ist in der katholischen Kirche solche Trennung nicht einmal angedacht. Paul VI., der zweite Konzilspapst, hatte dazu noch die Entwicklung einer Kirchenverfassung in Auftrag gegeben. Nachfolger Johannes Paul II. stoppte dies jedoch wieder …

Kirche hält sich nicht an eigene Soziallehre

Der Befund setzt sich fort, wenn es um Partizipation und Transparenz geht. Man kann in diesem Zusammenhang nicht mehr hören, dass die Kirche „keine Demokratie“ sei: Mit diesem Totschlagargument wird von Bewahrern des Status quo jede Diskussion darüber abgewürgt, wie die Beteiligung der Gläubigen und der Ortskirchen sowie die Transparenz von Entscheidungen heute aussehen können.
Wenn aber die Kirche Strukturen des antiken Kaiserreichs in sich integrieren kann, muss dies erst recht für institutionelle Formen, die heute als die bestmöglichen identifiziert werden, der Fall sein. Genau deswegen hatte das Konzil dafür plädiert, die „Zeichen der Zeit“ wahrzunehmen.
Die katholische Kirche hat dazu in ihrer Sozial*lehre längst Ansatzpunkte entwickelt: Sie propagiert dort die Subsidiarität, dass also so viel wie möglich auf unteren Ebenen entschieden werden soll. Die Kirchenspitze handelt aber immer noch nicht danach.
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Dieses Jesus-Wort überliefert das Neue Tes*tament. Die Kirche hat dies zu verkünden. Sie selber ist aber doch von dieser Welt. Es wäre fatal, wenn sie das nicht beherzigte.

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