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Schuld oder Verhängnis ?
  #1  
Ungelesen , 21:15
Franz Graf-Stuhlhofer Franz Graf-Stuhlhofer ist gerade online
 
Registriert seit: 28.01.2008
Beiträge: 31
(zu: Die Wahrheit erstickte im Schweigen, in: Furche Nr. 7, S.21f.)
Ein kleines Dorf im Lungau, eine dort lebende ledige Mutter wird eines Verhältnisses mit einem polnischen Zwangsarbeiter verdächtigt, wird deportiert und in Auschwitz ermordet. Sind die damaligen Dorfbewohner daran schuld? Lastet ein Unrecht auf diesem Dorf, trägt nun die nächste Generation in diesem Dorf noch immer diese Schuld? (Regine Bogensberger – um deren Großmutter es geht – bejaht diese Fragen.)
Ich tue mir schwer, die damaligen Dorfbewohner zu verurteilen. Ich weiß nicht, welchen Einblick sie hatten. Aber setzen wir einmal voraus, diese Bewohner wussten, dass diese ledige Mutter sich in Lebensgefahr befand. Was hätten sie tun sollen? Lautstark protestieren, so wie eine empörte Frau das tat, die dafür selbst ein Jahr lang ins KZ kam? (Wohl eine Art Bockerer-Typ ...) Die männlichen Dorfbewohner waren zu einem Großteil an der Front, zurück blieben Alte und Kinder, und Mütter. Ich würde es verstehen, wenn z.B. eine Mutter zögerte, sich hier zu engagieren – im Hinblick auf das damit verbundene eigene Risiko.
Wenn wir von der Schuld sprechen, die seither auf dem Dorf lastet: Vielleicht urteilen wir da zu leichtfertig – aus sicherer Warte - über eine Generation, die nur einen geringen Handlungsspielraum hatte?
Bei solchen Vorgängen wird etwas vom Verhängnis sichtbar, in dem die Menschheit steckt: Erkennbar daran, welche dramatischen Folgen eine Verbindung von – im Einzelfall nachvollziehbarer – Verblendung, Feigheit usw. hat.
  #2  
Ungelesen , 09:55
MartinaBogensberger MartinaBogensberger ist gerade online
 
Registriert seit: 17.02.2008
Beiträge: 1
„Die Wahrheit erstickte im Schweigen“

Sehr geehrter Herr Graf-Stuhlhofer,
Die Erklärung „Verblendung-Angst-Feigheit“ für Verbrechen der NS-Zeit ist mir etwas zu einfach. Die „Schuld“, die dem Dorf „anhaftet“, bezieht sich auf verschiedene Bereiche. Einerseits auf den Akt der Denunziation. Diese Art der Kontrolle war nicht gesetzlich verankert. Es bestanden also Handlungsspielräume für die Denunziant/inn/en. Die „Schuld“, die Regine Bogensberger aber vordergründig meint, bezieht sich auf das Verschweigen und das Verstecken. Es hat bisher nicht eine/n einzelne/n Beteiligte/n, die in den Prozess der Ermordung (auch) meiner Großmutter verstrickt waren, gegeben, die offen und direkt über das Geschehene reflektiert hätte, um beizutragen, dass Menschen im Klaren über ihre Vergangenheit sind. Besonders in kleinen Dörfern gibt es auch ein politisches Hemmnis, NS-Vergangenheit aufzuarbeiten. Befürchtet wird, dass im Dorf Zwistigkeiten gestiftet werden, und dass man sich doch lieber „gegenwärtigen innovativen“ Dingen zuwenden sollte. Das tragische daran ist, dass die NS-Zeit und ihre Verbrechen so zu einer „restricted area“ werden, und dass das Argument von „Verblendung-Angst-Feigheit“ als Allzweckmittel herangezogen wird. Ich bin der Ansicht, dass soviele Schicksale wie möglich im Detail aufgearbeitet werden müssen, da dann die Frage nach Täter/inne/n und Opfern klarer wird. Die „Schuld“ des Dorfes bleibt solange bestehen, bis wir uns von der kollektiven Opfersicht verabschieden und dem Täter „da Kriag woas“ Gesichter zuschreiben.
Beste Grüße
Martina Bogensberger
1180 Wien
  #3  
Ungelesen , 17:38
Franz Graf-Stuhlhofer Franz Graf-Stuhlhofer ist gerade online
 
Registriert seit: 28.01.2008
Beiträge: 31
Unrecht lastet auf dem Dorf

Sehr geehrte Martina Bogensberger,
ich stimme dem, was Sie geschrieben haben, im Wesentlichen zu.
Wer denunzierte, machte sich schuldig – das ist völlig klar.
Mein Vorstoß betraf jene Mitbewohner, die nicht aktiv wurden. Inwieweit können wir auch als Kollektiv (z. B. als Dorfgemeinschaft) schuldig werden? Mitunter ergibt das Zusammenwirken von mehreren, von denen jeder einzelne sich als nicht wesentlich schuldig fühlt, doch ein tragisches Ergebnis.
Die Formulierung von Regine Bogensberger, so scheint mir nach längerem Nachdenken, passt: „Dieses Unrecht lastet auf dem Dorf“. Also nicht: Jeder einzelne der Zeitgenossen ihrer Großmutter ist anzuklagen, weil er sich nicht stärker engagiert hat. Die Beurteilung des einzelnen und seiner – eventuell nicht genützten – Möglichkeiten setzt eine genaue Kenntnis seiner Situation voraus. (Den oft gehörten Vorwurf an jene, die um 1940 lebten, dass sie doch viel mehr gegen das Hitler-Regime hätten tun müssen, halte ich für leichtfertig; nur dagegen richten sich meine Aversionen.)
Das Unrecht oder die Schuld lastet auf jenem Dorf, und diese Belastung bleibt, solange sich die derzeitige Dorfgemeinschaft damit nicht befasst – dieser Einschätzung stimme ich zu. Dass die mögliche Mitschuld des einzelnen, seiner Nachbarn oder seiner Vorfahren so lange Zeit verdrängt wurde, ist schade. Womit diese Neigung zum Tabuisieren zusammenhängt, wäre eine wichtige Frage. Sie geben dafür Anhaltspunkte. Die Veranlassung zu solchem Tabuisieren gibt es ja oft, auch bei Massenmorden in neuerer Zeit (Kambodscha, Jugoslawien, Ruanda).

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  02:07:07 07.19.2005