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35/2010 - Der Ruf des Sarrazin (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:31
Der Ruf des Sarrazin

Mit „Deutschland schafft sich ab“ ist dem SPD-Politiker und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin die erwartete und kalkulierte Provokation gelungen. Für die eigentlichen Probleme interessiert sich freilich kaum jemand.


Von Rudolf Mitlöhner

Wieder einmal ein Buch, das medial schon „abgefrühstückt“ wurde, bevor oder kaum dass es erschienen ist (in Österreich ist es bislang noch immer nicht ausgeliefert). Aber das ist Teil unserer Erregungsdemokratie. Sie zwingt zur Überzeichung, Polemik und Provokation. Sie ruft Leute wie Thilo Sarrazin auf den Plan, die ihrerseits virtuos auf diesem Klavier spielen und das ritualisierte Procedere kühl befeuern. Darüber zu klagen hat wenig Sinn. Auch Bemerkungen wie jene von Frau Merkel, Sarrazins Buch sei „überhaupt nicht hilfreich“, sind wenig hilfreich. Dahinter steht die Behauptung, Sarrazin und Co. verhinderten eine seriöse Auseinandersetzung mit der Thematik. Aber wer hat eigentlich all die Moderaten, die Bedenkenträger, die Wohlmeinenden in Politik und Medien daran gehindert, jene seit Langem bekannten Probleme, die Sarrazin nun beschreibt, seriös zu diskutieren und, vor allem, anzupacken?

„Ghostwriter der Gesellschaft“

„Man wünschte sich, nur ein Bruchteil dieser gewaltigen Erregungsenergie flösse in den Versuch, die Probleme eines alternden, in Parallelgesellschaften zerfallenden Einwanderungslandes zu lösen, die Sarrazin auf den Punkt brachte wie jedenfalls kein Politiker vor ihm“, schreibt FAZ-Herausgeber Berthold Kohler. Dem ist wenig hinzuzufügen. Mit Sicherheit aber das, was Kohlers Herausgeberkollege Frank Schirrmacher in der Sonntags-FAZ (FAS) festgehalten hat: Sarrazin sei der „Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“, heißt es in dem vielleicht luzidesten Beitrag, der zu dieser Causa bisher erschienen ist. Denn das wissen auch Sarrazins heftigste Kritiker: dass er einer Mehrheit aus der Seele spricht, dass er die Befindlichkeit vieler Menschen nicht nur in Deutschland auf den Punkt bringt. Vor allem mit dem – nicht von ungefähr am meisten zitierten – Satz: „Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird.“ Dass diese Sorge nicht nur medial genährt und populistisch geschürt ist – das ohne Zweifel –, sondern auch einen realen Grund hat, wird inzwischen auch von liberalen Kommentatoren nicht mehr bestritten (siehe auch „Presse international“, Seite 10).
Fatal wird diese Sorge erst dadurch, dass ihr aufseiten der Politik und Bürokratie eine „Mischung aus Lethargie, politischer Korrektheit und Furcht“ gegenübersteht, wie es in der Süddeutschen Zeitung unter Bezugnahme auf die kürzlich aus dem Leben geschiedene deutsche Jugendrichterin Kirsten Heisig heißt. Solcherart entsteht eine gefährliche Eigendynamik: Die Menschen trauen den Politikern immer weniger zu, weswegen diese jenen, ihren Wählerinnen und Wählern, immer weniger zumuten, was das allgemeine Misstrauen weiter nährt …
Das bildet das Substrat jener „verängstigten Gesellschaft“, von der Schirrmacher spricht. Im Kern aber geht es um einen Mangel an Selbstgewissheit, um den Verlust von Fundamenten, Maßstäben und Orientierung.

Neubesinnung auf Grundlagen

Was früher ungefragt und unhinterfragt von Kirchen, weltanschaulichen Gruppierungen und politischen Parteien zur Verfügung gestellt wurde, gilt heute nicht mehr und kann auch nicht mehr in dieser Weise gelten. Der schwierigen Aufgabe Identität und eigene Überzeugung nicht trotz sondern in einer pluralen Welt zu definieren und zu leben, wollen oder können sich indes viele nicht unterwinden. Wer es aber versucht, dem weht bisweilen recht heftig der Wind des Zeitgeistes entgegen, der nur als liberal gelten lässt, wenn alles gleich gültig ist.
So gesehen lässt sich Sarrazin tatsächlich als gesellschaftliches Symptom begreifen. Die Erregungs- und Empörungsrhetorik, die diese und ähnliche Debatten prägt, kann die Auseinandersetzung mit den aufgezeigten Problemen ebenso wenig ersetzen wie, schwieriger noch, eine Neubesinnung auf die Grundlagen unseres Gemeinwesens.
  #2  
Ungelesen , 10:34
Musikant Musikant ist offline
 
Registriert seit: 18.04.2009
Beiträge: 43
Schon seit etlichen Jahren ist davon die Rede, dass in einer globalisierten Wirtschaft alle wenig qualifizierten Tätigkeiten in Schwellenländer auszulagern seien, während Bildungsoffensiven Europas Arbeitnehmer/innen in die Führungsetagen zu katapultieren hätten. Seit damals frage ich mich, wie all diese liebenswürdigen Tolpatsche, Legastheniker und Dyskalkuliebetroffenen, denen man in Schulen laufend begegnet, solche Ansprüchen akzeptieren sollen, ohne zu verzweifeln. Jetzt gibt Sarrazin eine Antwort darauf: Sie müssen sich „auswachsen“, müssen daran gehindert werden, ihre schlechten Gene weiterzugeben, weil die Ökonomie sie sich nicht weiter leisten könne. Solche Ideen machen wohl gerade den Intelligentesten unter uns, die um die Komplexität menschlicher Vererbungsgänge Bescheid wissen, am meisten Angst! EIN Denkverbot nämlich kennt auch Sarrazin: Der absolute Wert höchstmöglicher Bildungsabschlüsse darf nicht in Frage gestellt werden – alle müssen Abitur machen und nach Möglichkeit studieren. Dieses Ziel rechtfertigt es dann auch, Kinder ihren bildungsfernen Eltern zu entfremden.
Wir haben zwar klare Begriffe für geistige und körperliche Behinderung, und wir schaffen geschützte Werkstätten, um betroffenen Menschen zu vermitteln, dass sie für die Gemeinschaft wertvoll sind. Wenn aber Menschen am unteren Rand des normalen Begabungsspektrums unsere hochgespannten Erwartungen nicht erfüllen, dann gelten wahlweise sie als bildungsunwillig, oder die Lehrer werden pauschal als pädagogisch mangelhaft ausgebildet diffamiert.
Ist es nicht so, dass eine menschenwürdige Arbeitswelt auch wenig qualifizierte Aufgaben braucht? Und solche müssen auch in Europa nicht erst wieder neu erfunden werden. Beispielsweise geht in Zeiten einer sich zuspitzenden Welternährungskrise hierzulande immer mehr landwirtschaftlich kultivierte Fläche verloren, weil sie nicht maschinell bearbeitet werden kann. Wir müssen lernen, den Wert der Arbeit wieder mehr an ihrem Sinn als an ihrer Komplexität zu messen! Dann wird Geld für solche Aufgaben besser investiert sein als beispielsweise für fragwürdige AMS-Schulungen, welche den Menschen nur ihre Zeit stehlen.
Was schließlich übrigbleibt von Sarrazins Anregungen, ist eine überfällige harte Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam. Unser Glaube an den menschgewordenen Gott, an Gewaltfreiheit und an die Möglichkeit, schon in diesem Leben selig zu werden, hat sich zum Agnostizismus und zum Atheismus gesteigert, mit welchem wir selber uns zu überschätzen und zu überfordern drohen. Der Islam dagegen ist die Religion des Fatalismus, die auch in den großartigsten menschlichen Leistungen der westlichen Zivilisation, in den Errungenschaften der Technik und des Humanismus einzig das Werk Allahs erblickt, der dies alles letztendlich zum Nutzen seiner eigenen Anhänger geschaffen hat. Wie wir aus diesem für uns nachteiligen Rollenspiel aussteigen werden, das ist eine spannende Frage!
Ebenso spannend ist die Frage, wie der unaufhaltsam wiedererstarkende Nationalstolz der Deutschen als Effizienz-Elite Europas sich diesmal konkret umsetzen wird. Wird Sarrazins Nazi-Biologismus sich als homöopathische Giftgabe erweisen, welche die geistige Abwehr auf den Plan ruft, um endlich das Gesunde vom Krebs zu heilen? Und was wird solchen Auseinandersetzungen in absehbarer Zeit in Österreich entsprechen?
Elisabeth Ertl

Geändert von Musikant ( um 17:36 Uhr).
  #3  
Ungelesen , 18:13
nasenbaerli nasenbaerli ist gerade online
 
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Beiträge: 26
Mir bscheint, all die politisch korrekten Aufreger sind komplett daneben. In der Hinsicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung spürt und auch weiss, dass seitens der Politik - und dies seit Jahren - keinerlei Gestaltungswille mehr kommt. Da wird lediglich auf die nächste Wahl geschielt. Das Buch ist abzuwarten, darüber zu reden, bevor man es gelesen hat, halte ich für unseriös oder anders formuliert für sinnloses Gerede. Wir können nicht einerseits davon reden, den grössten wissensbasierten Wirtschaftsraum schaffen zu wollen, wenn andererseits die Bildung drastisch abnimmt, die Ausbildung mangelhaft ist und immer mehr Menschen keinen Schulabschluss erreichen, der ihnen eine Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglicht.
Dabei ist es völlig egal, welcher Nationalität diese Menschen dann sind.
Vielmehr bedarf es einer gewaltigen _Anstrengung, um noch zu retten, was zu retten ist, vor allem aber, um soziale Unruhen zu vermeiden.

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  08:40:04 07.18.2005