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12/2008 - Österliche Freiheit (Rudolf Mitlöhner)
  #1  
Ungelesen , 13:58
Österliche Freiheit

Passion und Auferstehung als Kontrastprogramm zum „Osterspaziergang“.
Von Rudolf Mitlöhner


Die Passion ist kein Spiel, Ostern kein Spaziergang – auch wenn Passionsspiele ihren fixen Platz im heimischen Brauchtum haben und der Osterspaziergang, von Goethe literarisch in lichte Höhen gehoben, für viele zum Ritual dieser Feiertage dazugehört: „Jeder sonnt sich heute so gern“, stellt schon Faust fest. Gewiss, die Dramaturgie der Karwoche knüpft an allgemein menschliche Erfahrungen an: Das Kreuz als Symbol menschlichen Leids in all seinen Formen erschließt sich auch dem Nichtglaubenden; und gerade die wieder erwachende Natur gilt vielen als Gleichnis für die immer wiederkehrende Möglichkeit eines Neubeginns, des Abstreifens alter, eng gewordener „Häute“, der Befreiung schwerer, lange mit geschleppter Lasten: „… denn sie sind selber auferstanden“, sind „alle ans Licht gebracht“ („Faust I“). Wer wollte das nicht! Und ohne zumindest die Hoffnung darauf kann der Mensch nicht leben. Aber das Christentum versteht sich nicht als (religiöse) Deutungsweise menschlicher Existenz, auch nicht einfach als individuelle Heilslehre, sondern als Zumutung und Zuspruch für den konkreten Menschen in seiner jeweiligen Lebenswelt. Vor genau 30 Jahren hat der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl in dieser Zeitung vor einem Christentum gewarnt, dass sich in „Passionsspielen“ und „Osterspaziergängen“ erschöpft (s. auch „Anno dazumal“, S. 8). Nun soll man zwar die Prägekraft eines so genannten „Kulturchristentums“ nicht zu gering veranschlagen, etwa im Sinne des Bacher’schen Diktums, er sei „katholisch, aber nicht religiös“. Doch ein solches Kulturchristentum ist, soll es Bestand haben, auf einen inneren Glutkern angewiesen, der in die alten Gewölbe und Mauern ausstrahlt. Ohne dieses Kraftzentrum bleiben über kurz oder lang nur bröckelnde Fassaden – immer noch imposant, aber doch Zeugen einer vergangenen Zeit, die nur mit enormem finanziellen Aufwand für das kulturinteressierte Publikum vor dem Verfall gerettet werden können.

Nein, Ostern ist kein Spaziergang – und von Jesus ist auch kein Ausruf wie das Faustische „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ überliefert, sondern ein Verzweiflungsschrei am Kreuz und dann die Worte des Auferstandenen: „Fürchtet euch nicht!“ Keine Frage aber, dass uns Heutigen Goethe näher ist. Das Lebensgefühl wohlstandsverwöhnter, wohlig blinzelnder Europäer lässt sich als eine Art Light-Version des Goethe’schen „Osterspaziergangs“ lesen (mag man damit auch dem Geheimrat selbst Unrecht tun): ein esoterisch angehauchtes, naturmystisch grundiertes Wohlfühlprogramm, das nichts abverlangt und niemandem wehtut. Der innerste Grund, weswegen dies dem Zeitgeist so sehr entspricht, dürfte in einer grassierenden „Freiheitsmüdigkeit“ liegen, welche die Neue Zürcher Zeitung unlängst konstatiert hat: „Selbstbestimmung macht Arbeit, der fortgesetzten Anstrengung wird auch das an sich freiheitsliebende Tier namens Mensch gelegentlich überdrüssig“, schrieb dort Uwe Justus Wenzel (unter dem Subtitel „Wie Hirnforscher und Juristen dem Fatalismus zuarbeiten“). Das biblische „Fürchtet euch nicht!“ ist das klare Gegenprogramm dazu. Denn das Fürchten hat auch etwas ungemein Entlastendes: Wir sind ständig (auf hohem Niveau) bedroht – von der Globalisierung, vom Kapitalismus, von der EU, von der Gentechnik, vom internationalen Terror, von den Ausländern … Und niemand schützt uns, weil „die da oben“ unfähig und/oder abgehoben sind. Verantwortlich und schuld sind die anderen. Deswegen flüchten wir gerne in „Osterspaziergänge“ oder suchen Trost in Heilslehren aller Art. Noch einmal: Das Christentum kann und will damit nicht dienen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“, heißt es dort schroff (Lk 24,5). Das will den Blick auf die Gegenwart lenken. Ostern, das ist ein gleißendes Licht, das zunächst mehr Verstörung, Irritation auslöst als Zuversicht schafft. Erst nach und nach, mit viel Mühe begriffen die Jünger das Geschehene – nicht indem sie darüber meditierten oder sich in klugen Debatten ergangen, sondern indem sie versuchten, im „Geiste“ Jesu als „neue Menschen“ zu leben.
  #2  
Ungelesen , 13:55
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Geisterfüllt

Danke für diesen wunderschönen, erfrischenden Leitartikel der Osterausgabe der FURCHE! Von „Die Passion ist kein Spiel, Ostern kein Spaziergang …“ bis hin zu „Ostern, das ist ein gleißendes Licht …“ ein mitreißender, geisterfüllter Artikel – mehr: eine begeisterte Osterpredigt! Danke für diese klaren Worte!
Wenn nur von allen Kanzeln unserer Kirchen solche klaren, kompromisslosen Worte klingen könnten – so unüberhörbar wie Osterglocken sein sollten!
Veronika Fischer
veronika.fischer@brz.gv.at
  #3  
Ungelesen , 11:42
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Danke …

… für den guten und anspruchsvollen Leitartikel!
Mag. Margarethe Baminger
1130 Wien, Schweizertalstraße 41/3
baminger@hotmail.com
  #4  
Ungelesen , 15:15
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Fürchten wir uns nicht vor anderen Formen der Religiosität!

In seinem Leitartikel reagiert Rudolf Mitlöhner skeptisch auf ein „Kulturchristentum“ mystisch-wohlgefühlerzeugender Osterspaziergänge und religiöser Heilslehren – warum? Weil sie sich verbinden mit einer „Freiheitsmüdigkeit“, die Verantwortung „nach oben“ abschiebt, anstatt sie im gleißenden, irritierenden Licht des „Fürchtet euch nicht“ zu übernehmen. Mitlöhner polemisiert gegen Formen neuer „Religiosität“, weil sie von der aufrüttelnden Osterbotschaft ablenken und diese als Wohlfühlprogramm verweichlichen. Er vermischt Formen neuer Religiosität mit den Formen eines auf Äußerlichkeiten reduzierten „Kulturchristentums“.
Ich glaube, in diesem Artikel werden zwei wichtige Lebensadern des Christentums gegeneinander ausgespielt, die gerade zu Ostern aufeinander verweisen könnten: der tief empfundene menschliche Kontakt mit Gottes Schöpfung und die göttliche Auferstehung in Christus.
Verlegen wir den „Osterspaziergang“ in die nach Gülle/Schweinemist stinkenden, monotonen Agrarsteppen intensiver landwirtschaftlicher „Nutzung“, gehen wir vorbei an überfüllten Tierfabriken, wandern wir durch die kontaminierte Wüste, die heute Teile des Aralsees ersetzt, in die degradierten ehemaligen Regenwaldgebiete Brasiliens oder in die natur- und kulturentfremdeten Elendsviertel Südamerikas, Asiens oder Afrikas. Dies sind nur einige Resultate des mangelnden Empfindens der Menschen für die Natur.
Vielleicht wartet der „Glutkern“ eines furchtlosen Christentums nicht nur hinter den um Millionen restaurierbaren Fassaden, sondern entfacht sich in der Auseinandersetzung mit den geschändeten Lebensgrundlagen von Gottes Schöpfung, die uns als Menschen trägt. Indem wir unsere Lebensgrundlagen misshandeln, misshandeln wir unsere Mitmenschen, die Mitwelt und uns selbst.
Vielleicht sind Naturbewusstsein (das früher in der Sprache der Mythen ausgedrückt wurde), meditativer und liebevoller Umgang mit natürlich-lebendigen Vorgängen (anstatt unter Zeit- oder Konkurrenzdruck und Sachzwängen) und die Auseinandersetzung mit dem Absterben und Zerbröseln der Fassaden einer materialistischen Kultur (die Beherrschung der Natur mit Unterdrückung ihrer Lebendigkeit verwechselt) ein ebenso tiefer Weg, Ostern zu begehen, wie das Aufgerütteltwerden durch einen Gekreuzigten, dessen Leiden am Kreuz wir von Tausenden unserer Mitmenschen verlangen, indem wir ihnen empfindungslos durch reale und wirtschaftliche Kriegführung ihre Lebensgrundlagen versagen.
Fürchten wir uns nicht vor anderen Formen der Religiosität, in ihnen liegt Potential, uns aufzurütteln und grelles Licht zu werfen auf unsere Art, die Auferstehung Christi zu begehen.
Mag. Birgitta Kogler
5221 Lochen, Schulstraße 3
birgitta.kogler@edumail.at
  #5  
Ungelesen , 10:15
Rudolf Mitlöhner Rudolf Mitlöhner ist offline
 
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Beiträge: 21
Antwort auf „Fürchten wir uns nicht …“ (B. Kogler)

Ich glaube, Sie haben mich schon richtig verstanden – und wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann trennt uns einiges in der Sichtweise der Dinge. Natürlich sind Christen verpflichtet, sich für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen (wobei es über die Wege dorthin auch unter Christen sehr unterschiedliche Ansichten gibt). Und natürlich kann ich das Kreuz oder den Gekreuzigten auch als Symbol der geschändeten Natur und, wichtiger noch, der davon betroffenen Menschen sehen. Das habe ich ja auch angedeutet („Das Kreuz als Symbol menschlichen Leids …“). Aber das ist ja noch nicht Ostern. Für ein christliches Osterverständnis entscheidend ist, erstens, das Bekenntnis des Hauptmanns „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ und, zweitens, dass der Gekreuzigte der Auferstandene ist. Das sind freilich beides Glaubensfragen. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich will eine Sicht wie die Ihre nicht abqualifizieren, das stünde mir ja auch überhaupt nicht zu – aber es hat mit Ostern nur ansatzweise zu tun; etwa so, wie – in anderer Weise – Goethes rein humanistischer Ansatz.
Rudolf Mitlöhner

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  09:08:49 07.15.2005