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46/2012 - Im Sumpf der Vorurteile (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 13:19
l Im Sumpf der Vorurteile

Europa ist gerade dabei, sich neu zu definieren. Es sieht sich „fiskalisch“. Die Konzentration auf Daten und Zahlen, auf das Ökonomische – schafft aber keineswegs eine neue Objektivität – sie hierarchisiert, verblendet und schafft böses Blut.

Von Oliver Tanzer

Der gute Ruf von Völkern hat sich eigentlich zu keiner Zeit über die Zahl ihrer Staatspleiten definiert. Dazu war die übrige Politik wohl bisher zu wichtig – und Finanznöte ohnehin ein periodischer Normalzustand für alle. Dass wir ausgerechnet heute mit solchen Rechenspielen die Moral ganzer Länder und ihrer Bewohner bemessen wollen, spricht Bände über unsere zunehmend enge Weltsicht, die sich neuerdings aus Budgetstatistiken und endlosen Defizitchiffren zusammensetzt.
Historische Staatspleiten passen da gut ins Bild. Jene Griechenlands etwa. Es entsteht da leichterhand eine scheinbar fundierte Darstellung traditioneller Korruptheit des griechischen Wesens. In Deutschland wies jüngst ein FDP-Politiker auf gezählte fünf Pleiten hin, die Griechenland in den letzen 200 Jahren „hingelegt“ habe und forderte darob, der Rest Europas dürfe den Griechen nicht beständig ihre Schulden zahlen.

Zu Lasten der Pleitiers

Ach, wenn Statistik so einfach wäre. Hingegen ist sie kompliziert. Würden sich etwa die vorgeblich „Anständigen und Tüchtigen“ Europas einmal selbst im Bankrott-Spiegel betrachten, sie würden staunen: Deutschland (Vorgängerstaaten mitgerechnet) hatte in den nämlichen 200 Jahren gezählte sieben, Österreich sechs Pleiten zu verzeichnen. Was sagt uns das also über uns?
Nun gibt es ganz andere Taten europäischer Geschichte, die auf seltsame Weise aus dem Gedächtnis gerutscht sind. Es sind nicht Geschichten von Vorurteilen, sondern von Solidarität. Im Jahr 1953, so schreibt Robert Menasse in seinem Essay „Der Europäische Landbote“, ereignete sich Folgendes. Da „kroch eine deutsche Delegation auf Knien nach London, um in einer internationalen Konferenz um Schuldenerlass zu betteln“. Auf Antrag Griechenlands beschlossen die Staaten einen Schuldenerlass für Deutschland, mit ein Grund für das deutsche Wirtschaftswunder.
Warum aber vergisst das Europa von heute diese Geschichten des gegenseitigen Beistands während es jene des Ressentiments hevorkramt? Es gibt Gründe anzunehmen, dass diese Haltung mit der neuen „fiskalischen“ Weltsicht zu tun hat. Diese Sicht kennte keinen gleichberechtigten Chor von Staaten mehr, sondern schafft eine Hierarchie von Gebern und Nehmern, Herren und Dienern, Guten und Minderwertigen. Die Herren helfen nun den Minderwertigen, aber wie tun sie das?
Sie denken in fiskalischen Mustern, die ausschließlich die Interessen von Finanzmärkten und Banken berücksichtigen. Nach Griechenland flossen so mehr als 300 Milliarden Euro – um dort wie Luftgeld zu verpuffen. Das führt zu schlagenden Absurditäten. So gab die Europäische Zentralbank Griechenland im August einen Milliardenkredit, den Griechenland postwendend benutzte um Staatsanleihenforderungen eben jener EZB zu bedienen.

Das Mindestmaß an Gemeinsinn

Das Europa der Solidarität war anders: Es war nicht der Finanz-, sondern der Realwirtschaft verpflichtet. Das ist ein großer Unterschied: Denn die Realwirtschaft verlangt ein Mindestmaß an Gemeinsinn. Wer in der Realwirtschaft Reichtum schöpfen will, kann nicht einfach ein Portfolio kaufen und darauf warten oder wetten, dass sich das Vermögen von selbst vermehrt. Er muss investieren, um Arbeitsplätze zu schaffen und Käufer zu finden. Er muss solidarisch denken, weil es den Unternehmen nur dann gut geht, wenn es Menschen gibt, denen es gut genug geht, um zu kaufen.
Was tun wir in Griechenland? In den kommenden Wochen wird die EU weitere Milliarden nach Athen überweisen, die – siehe Beispiel EZB – dort eigentlich nie ankommen. Währenddessen starten in der griechischen Hauptstadt die Winterkollekten damit Tausende Kinder zumindest eine warme Mahlzeit bekommen, ärztliche Behandlung oder beheizte Wohnungen. Die fiskalischen Bemerkungen des reichen Europas dazu: „Was sind uns die Griechen wert?“ (Die Zeit) und „Alle wollen unser Geld“ (Die Zeit). Das bringt uns zur Haupteigenschaft dieser Weltsicht: Sie ist schamlos.

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