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47/2012 - Die Angst, die sie machen (Veronika Dolna)
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Ungelesen , 14:06
l Die Angst, die sie machen

Die Bundesländer müssen ihr Versprechen halten und bis Monatsende 1000 Asylwerber aus Traiskirchen aufnehmen. Das kommt viel zu spät – und gleichzeitig zu schnell. Die Bedürfnisse der Flüchtlinge spielen dabei keine Rolle.

Von Veronika Dolna

Vor einem Monat hat die Regierung den Bundesländern das Versprechen abgerungen, bis Ende November 1000 Asylwerber aufzunehmen, die momentan im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen warten. Dieser Tage werden in ganz Österreich alternde Hotels und leer stehende Pensionen in Flüchtlingsquartiere umfunktioniert. Ein Problem scheint gelöst, doch neue tauchen auf. Denn willkommen sind die Verschickten in ihren neuen Wohnorten nicht. Von Arnoldstein in Kärnten über Altmünster in Oberösterreich bis nach Batschuns in Vorarlberg werden Bürgerinitiativen gegründet und Unterschriften gegen die neuen Unterkünfte gesammelt.
Seit Jahrzehnten kommen Flüchtlinge nach Österreich, aus den unterschiedlichsten Gründen. Manche werden politisch oder religiös verfolgt, bei manchen geht die Heimat in Kriegswirren unter, andere kommen aus blanker Not. Alle aus einem Leben ohne Perspektiven. Das Elend, das ihre Flucht verursacht, wird täglich in den Nachrichten dokumentiert. Und trotzdem wird in manchen österreichischen Gemeinden auf Fremde reagiert wie auf Außerirdische.

Weit weg von den Menschen

Diese beschämende Reaktion hat auch eine verfehlte Asylpolitik zu verantworten. Seit Jahren erfüllen alle Bundesländer außer Wien und Niederösterreich die vereinbarten Aufnahmezahlen nicht. Gleichzeitig steigen seit zwei Jahren die Asylanträge. Gekümmert hat diese Schieflage aber niemanden, bis sie akut wurde. Jetzt soll sie im Eilverfahren begradigt werden. Die Flüchtlinge müssen rasch aufbewahrt werden, ziemlich egal, wo. Von Kasernen ist die Rede, von Containern. Nur einen Kilometer von der eben geschlossenen „Sonderanstalt“ auf der Saualm öffnet ein neues Quartier. Weit weg von Schulen und Ärzten, Deutschkursen und Geschäften. Weit weg von den Menschen.
Aus Zeitnot (oder Kalkül) wurde die Bevölkerung in vielen Orten nicht über die neuen Wohnheime informiert. Viele fühlen sich überfahren, sind unsicher, wie man den neuen Bewohnern begegnen soll. Es geht nicht um die Bedürfnisse, die Flüchtlinge haben, sondern um die Angst, die sie machen.
Dass Armut und Schutzbedürfnis zunehmend als Bedrohung wahrgenommen werden, ist in unserer Gesellschaft an vielen Ecken zu beobachten. Auch gegenüber sozialen Verlierern wird verstärkt Verachtung ausgedrückt. Ihre Bedürftigkeit macht sie zu Ausbeutern, die den Staat und seine Steuerzahler schröpfen. Bei Flüchtlingen kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Wer es drauf anlegt, kann die Angst vor dem und den Fremden leicht instrumentalisieren, um ein funktionales Zusammenhörigkeitsgefühl in der Bevölkerung zu schaffen.
Um diese Angst zu nehmen, hilft Interaktion. Wer eine einzige Flüchtlingsfamilie kennt, wird nicht mehr pauschal urteilen. Deshalb ist es unerlässlich, dass Asylwerber schnell in der Gesellschaft ankommen. Und zwar in der Mitte, nicht auf der Alm.

Am Ende bleiben sie noch

Der Integrationsfaktor schlechthin ist die Erwerbsarbeit. Dabei kommt man mit Menschen in Kontakt, lernt die Sprache, bekommt Bestätigung, kann etwas beitragen. In Österreich sind Asylwerber aber per Gesetz zu Arbeitslosigkeit verurteilt. So wird ihre Teilhabe verhindert, ihre Armut einzementiert. Eine Arbeitserlaubnis für Asylwerber könnte zumal die Unterkunftsfrage lösen: Wer sich selbst erhalten kann, besser darf, ist nicht auf organisierte Unterkünfte angewiesen, sondern kann in eine private Wohnung übersiedeln.
Aber zu gut, so scheint es, sollen es Asylwerber bei uns nicht haben. „Am Ende“, befürchten Bevölkerung und Politiker, „am Ende bleiben sie noch.“ Welche Folgen das hätte, sieht man am kalabrischen Fischerdorf Riace. Mitten in der strukturschwächsten Region des Landes drohte das Dorf auszusterben. Bis der Bürgermeister eine Sondergenehmigung für die unbürokratische Aufnahme von Migranten beantragte, ihnen Arbeit und Wohnungen gab. Heute ist jeder Dritte der 1500 Bewohner ein ehemaliger Flüchtling. Das Dorf floriert, kulturell und wirtschaftlich. Doch Riace ist von Österreich weit weg.

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