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19/2008 - Verschärfte Kinderrechte (Regine Bogensberger)
  #1  
Ungelesen , 14:44
Verschärfte Kinderrechte

Man kann eine Verschärfung von Strafmaßnahmen für Sexualstraftäter erwägen, aber nur wenn vor allem in umfassende Prävention, die auch Täterarbeit einschließt, investiert wird.

Von Regine Bogensberger

Der Missbrauchs-Fall von Amstetten mache sprachlos, heißt es. All zu viele fanden aber recht schnell ihre Sprache wieder und hätten lieber noch eine Weile innehalten sollen, bevor sie lautstark loslegten. Wie etwa Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, dem der Ruf des Landes zur dringenden Sorge wurde. Oder jene Law-and-Order-Vertreter, angeführt vom BZÖ und der FPÖ, die, fast im Sinne einer Lynchjustiz, eine radikale Verschärfung des Strafrahmens für Sexualstraftäter fordern. Die ÖVP spricht sich ebenso für eine härtere Gangart aus. SP-Justizministerin Maria Berger ist aber Recht zu geben, wenn sie gegenüber dem ORF bekräftigt, dass eine Verschärfung der strafrechtlichen Maßnahmen zwar zu erwägen sei, aber kein „Allheilmittel“ darstellen würde. Prävention sei das Gebot der Stunde. Bevor man bestehende Höchststrafen weiter erhöhe, werde geprüft, ob diese bereits ausgeschöpft würden. Tilgungsfristen sollten ebenso verdoppelt werden, Berufsverbote bei bedingter Freilassung ausgesprochen werden, auch im Freizeitbereich. So einige der Eckpunkte, die Berger im Gewaltschutzpaket umsetzen will.
Mit diesen Maßnahmen soll der Opferschutz gestärkt werden. Denn Opferschutz bedeutet auch Täterarbeit, und Hilfe für Opfer Täterprävention. Das bedeutet nicht, dass man irgendein Fünkchen Verständnis für die Tat aufbringt, gewiss nicht, sondern es wird der Grundsatz vorausgesetzt, dass auch ein Täter, so abscheulich seine Tat auch ist, ein Recht auf einen fairen Prozess und auf menschenwürdigen Umgang in einem Rechtsstaat haben muss, der Resozialisierung und Prävention zur Maxime erklärt und nicht von Rachegedanken und Wegsperren getrieben wird. Denn sonst wäre die Antwort des Justizsystems nur jene: Du kennst nur Gewalt, wir antworten mit deinen Mitteln.
Es muss für Täter langfristige Therapieangebote geben. Bei (bedingter) Freilassung muss es ausreichend Kontrolle und Betreuung geben. Für jene Menschen, die mit ihren Aggressionen und sexuellen Phantasien nicht mehr zurecht kommen und dies einsehen, was selten genug sein wird, soll es ebenso Möglichkeiten für Therapie geben. Das kostet und ist unpopulär, aber das muss es uns wert sein. Denn eines sollte uns bewusst sein: Jährlich werden ca. 600 Menschen, großteils Männer, wegen Sexualverbrechen verurteilt. Die Dunkelziffer ist um etliches höher. Härtere Strafen, Sexualstraftäterdateien und vor allem Lynchrhetorik schrecken solche Menschen kaum ab, ihr/ein Kind oder ihre/eine Frau zu misshandeln und zu missbrauchen. Die beschränkte Wirksamkeit der Abschreckungsthese müsste doch auch zu den heimischen Rechtspopulisten vorgedrungen sein. Wer nur auf dieser radikalen Schiene fährt, dreht ungewollt an der Gewaltspirale weiter. Aber genau diese Spirale muss durchbrochen werden, um langfristig Kinder vor ihren Eltern zu schützen, oder Erwachsene, die in Gewaltbeziehungen leben, voreinander. Der Fall Josef F. – und all die anderen ähnlichen Täter, auch im Rest der Welt – macht auf extreme Weise unsere Herrschaftsstrukturen und unseren Umgang mit Kindern und Schwächeren deutlich. Es muss umfassend dahingehend gearbeitet werden, dass Kinder nicht von Geburt an mit freundlichem bis gewalttätigem Drill umgeformt werden, sondern in ihren Bedürfnissen ernst genommen und als vollkommen gleichwertige Menschen anerkannt werden. In diesem Bereich ist schon einiges Positive geschehen, nicht genug. Hier liegt der Schlüssel.
Würde dies gelingen, könnte man zu hoffen wagen, dass immer mehr Kinder und Erwachsene ihre eigenen Grenzen spüren und damit auch jene der anderen; lernen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen, auch ohne psychische Gewalt; Nein-Sagen können, und nicht damit als frech abgetan werden. Erwachsene würden dieses Nein auch hören und respektieren. Ein naiver Wunsch? Der einzige, der langfristig und nachhaltig etwas bringen könnte, wenn wir nicht länger zuschauen wollen, wie da draußen hinter oder vor Vorhängen Kindern eingebläut wird: Gehorche, sei still – oder es gibt was! Genau so eine Sprache verwenden auch jene, die nun nach härteren Strafen rufen, weil Strafen immer schon die scheinbar einzige Antwort war. Davon haben wir alle genug gehört.
  #2  
Ungelesen , 18:30
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Es fehlen Vorbilder

Was nützt alles, wenn die Erwachsenen – natürlich nur ein Teil davon – total auslassen? Unterstreiche viele Ihrer Gedanken, z. B. wie sich die „Volksvertreter“ immer ins beste Licht stellen wollen, dabei ständig im „Schatten“ bleiben.
Es klingt komisch, ich weiß, aber ich schäme mich für so manche Stellungnahme einiger Politiker, für die Berichterstattung der Medien, es ist, verzeihen Sie, zum Kotzen!
So mancher Zeitgenosse spielt sich als Richter auf, wittert das große Geld, es geschieht uns recht, wir kosumieren ja den Schwachsinn, der verzapft wird und nicken vielleicht noch zu den verletzenden Berichten.
Kaum einer denkt an die Unschuldigen, die nichts anderes als Ruhe brauchen. Auch die Schuldigen haben Recht auf ordentliche Behandlung, Lynchjustiz – auch in Worten – ist abzulehnen.
Und das mit der Androhung ärgerer Strafen ist zu vergessen, „Krankheit“ kann nicht mit Gefängnis gemildert oder gar geheilt werden.
Viele, die genug „Dreck am Stecken“ haben, sind oft an vorderster Front zu finden. Kritik wird nur angebracht, wenn solche Sensationen ans Tageslicht kommen. Wer geht auf die Straße, wenn es um alte Menschen geht, unzumutbare Zustände in Heimen, weil das Personal mehr als knapp ist? Sozialarbeit interessiert erst dann, wenn etwas passiert – ich kann ein Lied davon singen. Mit Vorurteilen ist man gleich zur Stelle.
Wenn wir auch noch so wollen, dass unsere Kinder zukünftig zufriedene, verantwortungsbewusste, kritikfähige, mutige Menschen werden, müsste sich noch sehr viel ändern – in erster Linie die sogenannten „Vorbilder“.
Das wird ewig ein Wunschtraum bleiben. Daher gilt es, die Kinder in Geborgenheit stark und widerstandsfähig, mündig, nicht mutlos werden zu lassen, ohne dass sie verhärten, dass sie die Höhen und Tiefen des Lebens unbeschadet überstehen und an der Menschheit nicht verzweifeln.
Es mangelt überall an Zeit, nicht wirklich, aber man tut so. Wichtig wäre es, die Kinder, Jugendlichen ernst zu nehmen; das würde aber bedeuten, sich auf den Betreffenden einzulassen, und das ist anstrengend, wie jede Beziehung und Auseinandersetzung!
Ich wünsche mir sehr, dass meinen Enkelkindern nicht ihr einzigartiges Wesen von außen abgewöhnt wird.
Gott sei Dank gibt es noch Ausnahmen, sonst wäre die Gesellschaft schon gekippt. Ich meine nicht Übermenschen, sondern Eltern, die ihre Kinder lieben, sie begleiten, nicht im Stich lassen, die sie auffangen, wenn die Ungerechtigkeiten und Enttäuschungen des Lebens sie bedrücken. Die sie einfach ein Stückerl ihres Weges begleiten, bis sie langsam flügge werden. Ganz natürlich. Da stimmen noch die sensiblen Antennen, der Spürsinn mit allem „Drum & Dran“. Gute Lehrer, die ihren Beruf mögen, und noch wissen, was es heißt jung zu sein. Chefs, die nicht vergessen haben, dass auch sie nicht als Meister vom Himmel gefallen sind.
Wissen Sie, es war früher keinen Deut besser, einfach anders – alle Vergleiche hinken!
Die Menschen sind und waren immer, wie sie sind. Alle Charaktere sind vertreten, wie eh und je.
Das ist ja auch das Schlimme, dass so viel gelogen wird. Es gäbe längst keinen Generationenkonflikt, wenn so mancher ältere Mensch sich nicht eine in einer Traumwelt verschanzt hätte. Einige sind verbittert, da könnte ich ein Buch füllen, was ich alles erlebt habe. Verdrängung ist überall, leider.
Anpacken, tun, handeln wär’ g’scheiter, jeder im engsten Umkreis …
Den eigenen Standpunkt vertreten war bei so manchen nie gefragt, Ja-Sager sind erwünscht. Die Schwachen im Lande waren und sind immer die Gefährlichsten. Ein wirklich starker Mensch hat es nicht notwendig, mit unlauteren Mitteln zu arbeiten.
Helene Klaschka
h.klaschka@inode.at
  #3  
Ungelesen , 16:49
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Beiträge: 423
Eine Lanze für die Autorität brechen

Ich kann Ihren Artikel nicht weglegen, ohne meiner Sorge Ausdruck zu verleihen, wie sehr um die wesentlichen Probleme herumgeredet wird. Welche Partei hat eher recht bzw. die besseren Vorschläge? Wie setze ich mich bei meiner Klientel am besten in Szene? Die einen radikal, die anderen sozusagen human, weil das immer gut ankommt und man dabei keine Verantwortung übernimmt. Hauptsache, man beschäftigt die Journalisten, die nun wiederum Kunde tun, dass jeder das Beste tut.
Sie schreiben „Man kann eine Verschärfung von Strafmaßnahmen für Sexualstraftäter erwägen“ und fordern „Verschärfte Kinderrechte“. Glaubt da wirklich jemand, dass ein Täter, der härtere Strafen ignoriert, Kinderrechte respektiert?
Wir können „nicht länger zuschauen“, wie „Kindern eingebläut wird: Gehorche, sei still – oder es gibt was!“, schreiben Sie. Das wird doch gesagt, wenn es schon längst zu spät ist!!! „Genau so eine Sprache verwenden auch jene, die nun nach härteren Strafen rufen“, heißt es dann bei Ihnen. So einfach kann man das nicht sagen, das klingt sehr nach Slogan.
Ich bin Musikerin, Pädagogin, Mutter von drei erwachsenen Söhnen, habe mich immer mit dem Thema „Wie geht man verantwortungsvoll mit Kindern und Jugendlichen um“ befasst – von Lessing, Schiller, über Pestalozzi, bis Montessori, Preußner u. v. a. Nach all den Sprachverwirrungen möchte ich eine Lanze brechen für die Autorität. Man kann mit Autorität gut und verantwortungsvoll oder schlecht und korrupt umgehen – aber Autorität kann auch führend sein.
Ich plädiere für eine „Elternschule“, denn es ist die Pflicht der Eltern, die Kinder vor Bösem zu bewahren, zu den schönen und guten Dingen im Leben zu führen, sie auf Gefahren aufmerksam zu machen, den Mut zur Wahrheit zu stärken! Das braucht in erster Linie starke Eltern, wobei Kindergarten, Schule und Staat die Rahmenbedingungen bereitstellen müssen.
Jungen Menschen muss man verzeihen, wenn sie Mist gebaut haben, und ihnen helfen herauszukommen. Das bedeutet aber auch nachdenken zu lernen, womit ich anderen schade. Dafür ist ein Therapieangebot wichtig. Im Fall Amstetten finde ich für den Täter jeden Schilling zu viel. Das klingt grausam, aber seine Tat ist so unentschuldbar für die Opfer, und das Erbe, mit dem sie leben müssen, ist so schwer und nicht mehr gutzumachen – dagegen ist ein Leben mit Wasser und Brot eine Gnade. Hier ist der Punkt, wo Lieb- und Verständnisvollsein aufhört, denn mit diesem Slogan hat es angefangen, und sie haben damit ihre Opfer gnadenlos ins Verderben gestürzt.
Anneliese Schuster
6700 Bludenz, Jellerstraße 23
anneliese.schuster@aon.at

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