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22/2008 - Alles andere ist primär (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 14:51
Alles andere ist primär

Über (Nicht-)Politik im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft.

Von Rudolf Mitlöhner

Österreich rüstet sich für das große Spektakel, alles andere ist primär (siehe auch das Dossier dieser Ausgabe, S. 21 ff.). Die Fanmeile wird demnächst aufgebaut, die Autos zeigen schon kräftig Flagge, Krone-Minister Werner Faymann sei Dank. Ein Land richtet sich geistig vor dem TV-Gerät ein – Biertender, wir danken Dir: Der Werbespot für die Hauszapfanlage fängt etwas von der geistigen Befindlichkeit der Republik ein – Dinge werden zurechtgerückt oder verschoben, je nach Sichtweise. Alles andere ist primär.
Für Alfred Gusenbauer kommt die Euro sowieso gerade zur rechten Zeit – bevor die Nachfolgespekulationen (Erwin Buchinger, Gerhard Zeiler), die es laut Josef Kalina gar nicht gibt, weiter ins Kraut schießen. Bis zum Parteitag im Oktober hat der SP-Chef damit ein wenig Luft gewonnen. Und wenn die Europameisterschaft gut läuft, wird etwas vom Glanz des Festes auch auf den Kanzler und die Regierung fallen, bevor sich diese in die Sommerpause verabschieden. Und wenn es dann auch noch fußballerisch für Österreich nicht ganz schlecht (also besser als erwartet) läuft, muss sich Hickersberger nicht mehr „Gusenbauer des ÖFB“ nennen lassen. Last not least darf sich auch der „Gusenbauer des ORF“, Alexander Wrabetz, dem es genügt, Alexander Wrabetz und Generaldirektor zu sein, auf Fernsehfestspiele – siehe oben – freuen.
Es könnten also herrliche Zeiten auf Österreich zukommen, für die beiden Regierungsparteien nur ein wenig durch die Tiroler Landtagswahlen getrübt, die für Rot und Schwarz nicht so herrlich ausfallen dürften (siehe auch S. 2, 3). Und natürlich die Ärzte. Aber ob die wirklich streiken? Immerhin hat Kammerpräsident Walter Dorner im Interview mit der Kleinen Zeitung beruhigt: „Wir lassen die Leute sicher nicht auf der Straße liegen.“ Soviel Hippokrates muss sein.
Ansonsten aber wird alles gut: Wir werden sozusagen dem „Verlies des Grauens“ endgültig entsteigen – hinauf zum gleißenden Licht der Fanzonen. Nicht nur Josef F. oder der Hackenmörder verblassen langsam, auch Kleinigkeiten wie Gesundheitsreform (siehe S. 7), die Zukunft der AUA bzw. Privatisierung ganz allgemein, Steuerreform und dergleichen mehr machen Platz für den nationalen Biertender.
Dumm nur, dass die genannten „Kleinigkeiten“ deswegen nicht von der politischen Agenda verschwinden, sondern die Regierung spätestens im Herbst wieder auf den Boden der politischen Realität holen werden. Für Schadenfreude besteht indes kein Anlass – zu wichtig sind die Themen, die es dazu verhandeln gilt, zu essentiell für die Zukunft des Landes, als dass sich die Bürgerinnen und Bürger unbeteiligt zurücklehnen dürften. Sollte aber die amtierende Koalition daran scheitern oder nur halbherzige Lösungen zustandebringen – wofür die bisherige Erfahrung spricht –, wird jede künftige Regierung von diesen Fragen erst recht wieder eingeholt werden. Wobei dazugesagt werden muss, dass aufgeschobene Reformen noch schmerzhafter werden und vertagte Entscheidungen dann oft nur mehr zweit- oder drittbeste Lösungen zulassen – von der zunehmenden Schwierigkeit der politischen Durchsetzbarkeit ganz abgesehen.
Warum findet beispielsweise in diesem Land keine sachliche, unaufgeregte Debatte über Privatisierung statt? Der Haider (ein Verschnitt von Erich und Jörg), der in vielen Politikern unterschiedlichster Couleur sitzt, schreit jedesmal laut auf, wenn das Thema aufs Tapet kommt und fordert eine „österreichische Lösung“. Rot-weiß-rote Heckflosse, jawohl. Noch Fragen? Die humanistisch Gebildeten unter den Fundamentalgegnern der Privatisierung verweisen dann noch darauf, dass „privat“ von lat. privare (= berauben) kommt, Eigentum also Diebstahl sei – quod erat demonstrandum. Am anderen Ende des Spektrums stehen jene, die zwischen Energieversorgern und Schraubenfabriken keinen Unterschied erkennen können. Schluss der Debatte.
Dabei wäre eine Große Koalition ja eigentlich dazu da … Lassen wir das. Freuen wir uns lieber – mit den beiden für das Fußball-Dossier Verantwortlichen – auf die Euro, lassen wir das runde Leder rollen. Mögen die Gusenbauers des Landes vom großen Spektakel profitieren. Alles andere ist primär.
  #2  
Ungelesen , 12:37
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Gratuliere …

… zum kritisch-pointierten Leitartikel! Er gibt mir die Zuversicht, dass es mit der FURCHE trotz Personalverschiebung gut weitergehen wird.
Hofrat Mag. Rudolf Kellermayr
r.kellermayr@utanet.at

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  01:29:21 07.14.2005