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Spekulantenrettung
  #1  
Ungelesen , 19:41
Musikant Musikant ist offline
 
Registriert seit: 18.04.2009
Beiträge: 43
Ob mit oder ohne Absicht verfolgt die Budgetpolitik nun das Ziel, die wachsende Zahl von manifesten wie potentiellen Habenichtsen unterschiedlichster Art gegeneinander auszuspielen. Das raubt den Betroffenen nämlich wirkungsvoll die Kraft, gemeinsam gegen den tatsächlichen Gegner aufzutreten, welcher seit dem Jahr 1989 infolge einer beispiellosen Gehirnwäsche immer weiter hinter einer geistigen Nebelwand verschwindet.
In meiner Jugend in den 70er Jahren war ein Investor jemand, der Geld in Produktionsmittel steckte. Ein Spekulant hingegen war ein Müßiggänger, der sein Geld über Beobachtung der Börsenkurse vermehrte. Mit letzterem wollte damals ein anständiger Mensch ebenso wenig zu tun haben wie mit einem Zuhälter. In der Schule (einer katholischen Privatschule, wo man der als populistisch eingestuften Freigiebigkeit Kreiskys äußerst kritisch gegenüberstand!) lernte ich am Beispiel Südamerikas, was Kapitalismus ist: ein Gesellschaftssystem, in dem wenige Reiche in luxuriösen Villen wohnen, welche mit Stacheldrahtzäunen gegen das Eindringen der armen Massen geschützt werden müssen; nichts also, was in einem Land mit sozialer Marktwirtschaft wünschenswert gewesen wäre.
Damals sah ein geistig arbeitender Mensch keinen Sinn darin, sich über so etwas wie Wirtschaft irgendwelche maßgeblichen Gedanken zu machen. Selbst das neunsemestrige Lehramtsstudium Geographie kam mit einer einstündigen einsemestrigen Vorlesung über Wirtschaftskunde aus! Trotzdem funktionierte die Wirtschaft prächtig und versorgte die Bevölkerung mit zunehmendem Wohlstand, der schon damals die idealistischen Warner vor einem seelentötenden Materialismus auf den Plan rief. Viele junge Leute engagierten sich ehrenamtlich im ÖED, um der empörenden Ausbeutung der Dritten Welt kraftvoll entgegenzuwirken.
Dann verschwand der Kommunismus von der Erdoberfläche und das Gemeinwohl aus den Gehirnwindungen der Nadelstreifpolitiker. Zunächst verbargen diese ihre Misanthropie noch hinter der Einladung zum hemmungslosen Konsum. Dann avancierte die Spekulation – pardon Finanzwirtschaft - zu einer Wirtschaftstugend, der Kapitalismus zum Wirtschaftsideal und Wirtschaftswissen zum Maßstab jeder Bildung.
Wenn wir in absehbarer Zeit aus unserer Hypnose erwachen werden, werden wir uns an den Kopf greifen beim Gedanken daran, dass wir den Politikern das Märchen von der Unumgänglichkeit der als Bankenrettung getarnten Spekulantenrettung glauben konnten!
Elisabeth Ertl
  #2  
Ungelesen , 07:57
mitkarl mitkarl ist offline
 
Registriert seit: 31.12.2008
Beiträge: 7
Alles weiter wie bisher

In Ergänzung zum sehr engagierten Leserbrief von Frau Elisabeth Ertl erlaube ich mir folgende Ergänzung:

Offensichtlich gab es eine große Katastrophe am Finanzmarkt und keine Schuldigen – eine Naturkatastrophe? Verurteilt wurde nur ein einziger Banker in den USA: Bernard Madoff wegen Veruntreuung von 65 Milliarden US-Dollar zu 150 Jahren Gefängnis. Was ist mit den anderen 3000 Milliarden US-Dollar passiert, die da „untergegangen“ sind? Die Investmentbanker und die übrigen Spieler (auch die sogenannten „seriösen“) in den globalen Kasinos versprechen weiterhin 25% Rendite. Bei 2% realem Wachstum erzielt nämlich auch Kapital insgesamt nur 2% „nationale Dividende“, und das auch nur dann, wenn die Arbeitnehmer sich ebenfalls mit 2% zufriedengeben. Welchen anderen Ertrag kennt eine Volkswirtschaft als den, der sich aus Investitionen in Sachanlagen ergibt? Keinen (es sei denn, man setzt von vorneherein auf steigenden Preis der Anlage selbst). Wenn viele Leute mit viel anlagebereitem Geld glauben, dass die Aktienkurse steigen und daher investieren, dann steigen die Aktienkurse genau deswegen, weil so viele das glauben. Wenn aber der „Wert“ eines Unternehmens an der Börse innerhalb eines halben Jahres um 100% steigt, ist dann der wirkliche Wert dieses Unternehmens im Sinne seiner Produktivkraft oder seiner Wettbewerbsfähigkeit notwendigerweise auch um 100% gestiegen? Oder erhöhen sich, wenn viele Leute ihr Geld in Rohstoff-Futures anlegen und dabei die Rohstoffpreise steigen, die Werte, außer, dass die Produzenten (natürlich nicht die Arbeitnehmer gemeint) von Rohstoffen reicher und die Konsumenten um genau gleich viel ärmer werden? Dadurch ist mit Sicherheit auf dieser Welt kein Wert entstanden. Das beste Beispiel für die Fragwürdigkeit der „Investitionen“ in solche Finanzanlagen sind Währungen (berühmte Beispiele sind Ungarn und Irland usw.). All diese Pyramidenspiele und Kettenbriefsysteme brechen wegen dieser Scheingewinne und Blasen wie ein Schneeballsystem zusammen. Vorübergehend gelingt es, die Preise so zu verzerren, dass auf dieser Basis für ein paar Jahre die Illusion genährt wird, man habe aus Nichts Einkommen und Gewinn gemacht, wie es in den Büchern steht, aber die zwingend notwendigen Verluste der späteren Jahre werden nicht eingerechnet.
Während dieser Scheinblüte materialisierte Gewinne in Form von schönen Yachten auf dem Mittelmeer dürfen nicht angetastet werden, während der Staat gezwungen ist, die Verluste der Kasinogeschäfte zu übernehmen und die angerichteten Schäden zu beseitigen und wir als Bürger von der Politelite empfindlich zur Kasse gezwungen werden in Form von „Sparpaketen“! Not täte eine Trennung der Investmentbanken von den Geschäftsbanken, wobei die Investmentbanken keine Kredite von den Geschäftsbanken mehr für ihre Nullsummenspiele bekommen dürfen, in denen ja nur reich gerechnet wird, Null Werte entstanden sind und entstehen, da von denen nur die Gegenwart gesehen und die Zukunft ausgeblendet wird. Diese Art von „Wirtschaft“ ist weder menschengerecht, gemeinwohlgercht noch sachgerecht! Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.
Herzlichen Gruß
Karl Mitterer
  #3  
Ungelesen , 20:41
Musikant Musikant ist offline
 
Registriert seit: 18.04.2009
Beiträge: 43
Leider geht es nicht nur um die wenigen Superreichen, die das System groß werden ließ. Ab den 90ern suggerierte der allgegenwärtige AWD dem kleinen Mann, dass in nachkommunistischer Zeit kein Weg um gewisse finanzielle Risiken herumführe und man daher zeitgemäß sein Geld in Fonds anlege. Man korrumpierte mit der Autorität von Wirtschaftsexperten die ach so kleinkarierten moralischen Bedenken der Angesprochenen, die sich doch wohl nicht im Ernst mit den mickrigen Zinsen eines gewöhnlichen Sparbuches zufrieden geben würden.
Dass auch viele dieser kleinen Anleger im Zuge der Finanzkrise ihr Geld verloren, ist dabei noch das geringste Problem. Viel schwerer wiegt, dass auf der geistigen Ebene diese forcierte Masseneuphorie dann in Resignation umschlug. Die nun aufkommenden Ressentiments gegen die Finanzwirtschaft tragen einen schalen Beigeschmack, nämlich das unterschwellige Schuldgefühl, weil man sich selber zum Kollaborateur machen ließ. Das ist es nun, was auf der seelischen Ebene die Kraft zum Widerstand lähmt. Es ist eine Minderheit, die sich die geistige Klarheit bewahrt hat, um aufkeimende Chancen für eine Erneuerung der Moral sofort zu erkennen, und sich zu engagieren. Wie kann eine ganze Gesellschaft sich verzeihen, um wieder frei zu sein für die Freude an der Arbeit für das Gute? Für das Bewusstsein davon, was uns wirklich motiviert: eigenverantwortlich und mit Ehrgeiz etwas dazu beitragen zu können, dass die Welt besser wird.
Elisabeth Ertl

Geändert von Musikant ( um 20:46 Uhr).

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