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01/2013 - Irlands Himmel- und Höllenfahrt
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Ungelesen , 11:57
Irlands Himmel- und Höllenfahrt

Das neue Vorsitzland der EU hat etwas sehr Besonderes. Seine Mythen und Märchen haben die Krise gleichsam vorhergeahnt.

Von Oliver Tanzer

Es ist eine in den vergangenen Jahren immer leidiger gewordene Pflicht, einem neuen Vorsitzland der EU Referenz zu erweisen, indem man seine Pläne und Herausforderungen für jene sechs Monate präsentiert, in denen es im EU-Rat das Sagen hat. Mit Irland ist das auf wunderbare Weise anders. Denn wie kaum ein anderes Land präsentiert es die große Krise Europas politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich – im Kleinen. Mehr noch: Im Fall Irlands kann man sogar im Zurückschauen noch seine Gegenwart und vielleicht sogar seine Zukunft zu beschreiben. Zurückschauen – das heißt in die Zeit der ersten irischen Christen und noch davor ins Reich der heidnischen Elfen und Kobolde.
Da, vor Hunderten von Jahren, enthüllte sich schon das Besondere an Irland. Seine wunderbaren Möglichkeiten, sein kometenhafter Aufstieg und das Verglühen des Wunders – aber auch die möglicherweise erfolgreiche Läuterung in der Krise. Und all das vermittelt durch die Geschichten, welche die Iren von Generation zu Generation weitergeben.

Die Sage vom Blatt-Gold:
„Einst ging ein armer hungriger Bauer aus Limerick auf den Markt, um sein letztes Pferd zu verkaufen. Lange musste er warten, denn niemand fand sich ein, sein altes Pferd zu ersteigern. Doch als der Abend dämmerte trat ein geheimnisvoller Fremder an ihn heran. „Zehn Goldstücke, geb ich dir für dein Pferd, schlag ein und du bist reich!“ Glücklich willigte der Bauer ein und lief nach Hause, um seiner Frau zu berichten. „Ein Fremder gab mir zehn Goldstücke für den Gaul, jetzt sind wir reich und der Käufer hat den Spott.“
Dann öffnete er seinen Beutel und wollte die Münzen auf den Tisch kullern lassen. Doch heraus flatterten nur bleiche Blätter. “

Wer nach Irland reist, so die Autorin Margrit Sprecher, dem fallen schon im Landeanflug die ringförmigen Wohnhausanlagen um irische Ortschaften auf. Sie sehen alle gleich aus – und sind auch gleich unbewohnt – wie erstarrt im Schock der Krise. 3000 solcher Geisterstädte gibt es im Land. Zehntausende Wohnungen ohne Käufer. Bezahlt aus einer wilden Spekulation mit Luftgeld – das Häuser schuf, die niemand brauchte, auf Grundstücken zu weit überhöhten Preisen – Klepper zum Rennpferdtarif, um beim Blattgold-Vergleich zu bleiben. Für die Häuser zahlte am Ende der Staat 65 Milliarden Euro. Und das Gold der Investoren? Bleiche Blätter, die man heute Giftpapiere nennt. Noch immer ist nicht klar, wie viele Millarden noch in den Büchern schlummern.

Das Epos von Moytirra:
„Das „Epos von Moytirra“ berichtet von den Tuatha De, einem glänzenden Volk, das einst über Irland herrschte. Doch die Insel wurde von den kriegerischen Fomhóire überfallen und erlitt große Verluste durch Raub. Schnell wurden die Thuata Dé unzufrieden und vertrieben ihren eigenen Führer Nuadhu. Dann machten sie Frieden mit den Fomhóire. Doch die Fomhóire begannen hohe Steuern einzuheben und erneut mussten die Tuatha Dé leiden, bis sie den Chef der Fomhóire vertrieben. Doch da kam Balar, eine neuer wilder Häuptling, und griff Irland an und errichtete eine Schreckensherrschaft mit noch mehr Gewalt und noch höheren Steuern. “

Angesichts massiver Einschnitte und Sparpakete haben die Iren die konservative Fianna Fail, die 24 Jahre an der Macht war, aus der Regierung gewählt. Doch die Antwort des nächstgewählten Toiseach war immer noch fordernder. Erst im Dezember wurde ein neues Steuerpaket der Regierung Enda Kenny verabschiedet. Seit dem Beginn der Krise 2010 haben die Iren 25 Milliarden Euro gespart –16 Prozent des BIP.
Patricks irisches Fegefeuer:
„Als der heilige Patrick Irland im fünften Jahrhundert christianisierte, erbat er sich von Gott einen besonderen Gefallen – ein eigenes irisches Fegefeuer, das die Gläubigen durchschreiten können, noch ehe sie gestorben sind. So können alle Iren geläutert in den Himmel kommen – solange sie nur bußfertig sind. Hunderte Wissbegierige suchten seither den irischen Eingang zur Hölle – vergebens. Manche allerdings verschwanden auf geheimnisvolle Weise. “

Irland gilt in Europa als finanzieller Vorzeigebüßer. Immer wieder kehren die Politiker den duldsamen Charakter der Iren hervor, die es nun bald schon geschafft hätten. Das mit dem Charakter stimmt: Tatsächlich sagten die Iren trotz der massiven Sozialeinschnitte Ja zum Fiskalpakt. Nur zwei kleine Orte protestieren unverdrossen dagegen, die Schulden der Banken zu sozialisieren. Ob das Fegefeuer tatsächlich bald schon vorbei sein wird, ist eine ganz andere Frage: Alle Prognosen, die einen Aufschwung prophezeihten, mussten bisher zurückgenommen werden. Und die Gesamtstaatsschulden werden heuer auf 122 Prozent steigen.

Das Gold der Leprechaun:
„Die Leprechaun sind ein sagenhaftes Volk. Sie sind kleine Männchen und Weibchen, die meist unter der Erde leben und kaum größer werden als eine Karotte. Sie sind immens reich und ebenso geizig. Meist sind sie in grünes Gewand gekleidet mit hohem Schnallenhut. In der Tasche tragen sie drei Börsen – eine mit Kupfergeld, eine mit Silber- und eine dritte mit Goldmünzen. Sie spielen den Menschen immerzu Streiche und nutzen ihre Leichtgläubigkeit aus. So geschah es einst, dass eine Bäuerin einen Leprechaun fing, als sie im Garten Rüben setzte. Der Kobold bat um sein Leben und versprach ihr, einen beliebigen Wunsch zu erfüllen. Die Bäuerin und ihr Mann überlegten einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang, was sie erfragen sollten. Dann baten sie den Leprechaun um einen Kessel voll Gold. Der Kobold willigte ein: „Ich werde einen Kessel Gold für euch bereithalten, ihr müsst euch nur schnell aufmachen. Ich stelle ihn dort, am Ende des Regenbogens auf. Die Bäuerin und der Bauer liefen sofort los. Seitdem hat man sie nicht mehr wiedergesehen. “

Die Frage, ob Irland aus eigener Kraft aus den Fehlern der Vergangenheit lernen kann, wird gerne mit Ja beantwortet. Und tatsächlich scheinen die Anleger der Finanzmärkte mehr Vertrauen zu irischen Staatsanleihen zu entwickeln als zu denen aller anderen Schuldenstaaten. Allerdings beruht der Optimismus auf einem einzigen Hauptgläubiger des Landes, dem US-Investor Michael Hasenstab, der irische Anleihen im Wert von über sechs Milliarden Euro hält und unablässig weiter kauft. Seine Wette: Irland wird es schaffen.
Und wenn nicht? Dann muss Hasenstab hoffen, dass die EZB den Leprechaun-Goldtopf mimt und weiteren Kredit gibt. Ein Thema, das gegen Jahresende brisant werden könnte – passenderweise zum irischen Fest Samhain – bei uns auch bekannt als Halloween.

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  07:50:04 07.19.2005