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51/2012 - Zwischen Glut und Glanz (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:46
l Zwischen Glut und Glanz

Die Klage über Sinnentleerung und Kommerzialisierung von Weihnachten ist gerade auch aus christlicher Perspektive kritisch zu hinterfragen. – Gedanken zur vielschichtigen Wechselbeziehung zwischen Glaube und Kultur.

Von Rudolf Mitlöhner

Es weihnachtet sehr. Auch in dieser FURCHE. Mehr vielleicht als in so mancher Weihnachtsausgabe der letzten Jahre. Generell ist ja eine Rückbesinnung auf Traditionen, Brauchtum, Überkommenes zu beobachten. Das jedenfalls ist ein Trend – als gegenläufige Bewegung zu vielen anderen Entwicklungen. Erfolgsstorys wie Servus in Stadt & Land oder Servus-TV – um in der Medienbranche zu bleiben – geben davon beredt Zeugnis. „Das Bedürfnis nach diesen Augenblicken der Zugehörigkeit, der Ruhe und des Innehaltens ist heutzutage stärker denn je“, heißt es auf der Website des Servus-Magazins. Dass die Opernballchefin und ein TV-Starkoch einen opulenten Band mit dem Titel „Fröhliche Weihnachten“ herausbringen, passt da auch ins Bild.

Sehnsuchtsprojektionen

Diese Phänomene gilt es unvoreingenommen wahrzunehmen und kritisch zu reflektieren. Worum geht es dabei? Sind es bloß Sehnsuchtsprojektionen einer saturierten Konsumgesellschaft? Handelt es sich um entkernte Traditionen, deren Versatzstücke gnadenlos kommerzialisiert werden? Man sollte sich bei der Beurteilung vor intellektueller (und vulgärantikapitalis*tischer) Überheblichkeit, vor vorschnellen Wertungen aus vermeintlich überlegener Position hüten. Der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho, der ganz sicher keiner Rechristianisierung oder -sakralisierung das Wort redet, sieht in Festen wie Weihnachten so etwas wie eine soziokulturelle Bindekraft (s. Interview S. 22/23). „Weihnachten feiern alle, auch und gerade wenn sie nicht daran glauben“, sagt Macho – und man darf wohl in seinem Sinne hinzufügen: Und das ist gut so. Macho nennt das den „uneinholbaren Vorsprung der Riten vor den Mythen“; was bedeutet, dass ein Fest gewissermaßen zum Selbstläufer wird, dass es auch funktioniert, wenn den Feiernden der ursprüngliche Gehalt (der „Mythos“) nicht oder nur mehr ansatzweise geläufig ist, jedenfalls aber nicht mehr als existenziell bedeutend gilt.
Dieser gelassene kulturoptimistische Blick auf Weihnachten und vergleichbare „Institutionen“ hat viel für sich. Er kann auch aus einer christlichen Perspektive als angemessen bezeichnet werden. Denn die christliche Botschaft ist zunächst keine Sache des harten Kerns, der Insider, der Hundertfünfzigprozentigen, der Theologen und Schriftgelehrten, sondern will an die Lebenswirklichkeit der Fernstehenden, der Indifferenten, der Hirten, Fischer und Frauen andocken. Daraus hat sich das – mittlerweile etwas abgedroschene, aber in der Sache unaufgebbare – pastorale Prinzip entwickelt: Die Menschen dort abholen, wo sie stehen (wobei „abholen“ eben nicht heißt, mit ihnen dort stehen zu bleiben, wo sie sind, sondern zu versuchen sie – zumindest ein Stück des Weges – mitzunehmen). Von daher verbietet sich dann jedwede Geringschätzung „bloß“ kulturchristlicher Manifestationen, der vielfältigen, oft auch ins Banale, ja Kitschige abgleitenden Ausdrucksformen „festlicher“ Gestimmtheit. Sie sind vielmehr, wie bescheiden und unzulänglich auch immer, als Zeichen der Zeit zu lesen.
Lässt sich aber das Fest gänzlich von seinem Ursprung lösen? Kann es den äußeren Glanz auf Dauer ohne inneres Licht geben? Ist es nicht so, dass es einen Glutkern braucht, um die vielen Schichten drum herum einigermaßen warm zu halten? Muss es also nicht Menschen geben, die Weihnachten feiern, damit „Weihnachten“ funktioniert?

Christlicher Auftrag

Antworten auf diese Fragen lassen sich natürlich nicht allgemeinverbindlich verordnen. Die Kirche als ein Ganzes kennt sie – aber geben können sie nur die einzelnen Christinnen und Christen. Sie leisten damit freilich einen Beitrag, der weit über das Religiös-Kirchliche im engeren Sinn hinausgeht. Dafür gebührt ihnen Respekt auch von jenen, die mit Religion und Kirche nichts zu tun haben wollen oder sich als „religiös unmusikalisch“ bezeichnen. Die Christen ihrerseits dürfen vor diesem Hintergrund wissen, dass sie sich nicht zu verstecken brauchen und jenes Maß an Selbstbewusstsein zeigen, welches ihrem gesellschaftlichen Auftrag entspricht.

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