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02/2013 - „Thema muss entkrampft werden“
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Ungelesen , 10:37
„Thema muss entkrampft werden“

Seit mehr als zwanzig Jahren setzt sich der Sozialanthropologe Herbert Langthaler bei der „asylkoordination österreich“ für Flüchtlinge ein. Was er jetzt beobachtet, gefällt ihm.


Das Gespräch führte Veronika Dolna

Der Wiener Sozialanthropologe Herbert Langthaler beobachtet positive Veränderungen beim Umgang mit Asylwerbern in Österreich. Mit der FURCHE sprach er über Bilder,
Gesetze und Menschenverstand.

DIE FURCHE: Überfüllung in Traiskirchen, neue Quartiere für Asylwerber, jetzt der Protest in der Votivkirche – Asylwerber haben in den letzten Monaten eine hohe Medienpräsenz. Dient das der Sache?

Herbert Langthaler: Prinzipiell ist zu viel Medienpräsenz nicht dienlich, aber bei dem Thema beobachte ich in den letzten Jahren eine positive Veränderung: Das liegt daran, wie die politischen Verantwortlichen mit der Sache umgehen. Zwischen Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und ihrer Vorgängerin Maria Fekter gibt es dabei große Unterschiede. Mikl-Leitner ist schnell von anfänglich negativen Konstruktionen abgekommen, vieles wird versachlicht. Auch bei den Medien beobachte ich eine Lernleistung: Sie greifen nicht mehr jeden Rülpser von rechts auf und potenzieren ihn.
DIE FURCHE: Wer prägt das Bild, das wir von Asylwerbern haben? Die Innenministerin?
Langthaler: Am wichtigsten sind das diskursmächtige Ministerium und die Alltags-ebene, die von persönlichen Erfahrungen gespeist wird. Das hat nicht unbedingt mit Asyl zu tun, sondern mit globaler Bewegungsfreiheit. Immer mehr Menschen machen Erfahrungen in ihrem privaten Umfeld, haben etwa einen nigerianischen Schwiegersohn und Kinder, die im Ausland studieren. Je weiter diese Erfahrungen bis in die untere Mitteschicht vordringen, desto weniger sehen die Leute ein, dass man Menschen, die gute Gründe haben, das Land, in dem sie geboren wurden, zu verlassen, nicht aufnehmen soll. Es gibt Studien, die belegen, dass Kontakt Rassismus verhindert.
DIE FURCHE: Ist Widerstand gegen ein Asylheim in der Nachbarschaft rassistisch?
Langthaler: Nein. Das kommt aus Mangel an Information und Mangel an Kontakt zustande. Der Innsbrucker Politologe Raimund Pehm hat in seiner Diplomarbeit über Asylwerber in Tourismusgemeinden in Tirol ein System ausgearbeitet, wie’s funktioniert.
DIE FURCHE: Und zwar wie?
Langthaler: Wenn man frühzeitig Kontakt aufnimmt mit den wichtigsten Leuten im Ort, also dem Bürgermeister, dem Pfarrer, Lehrern. Wenn man die Leute, die dagegen reden, nicht als Idioten oder Rassisten abqualifiziert, sondern einen Dialog mit ihnen beginnt. Wenn man die guten Kräfte unterstützt, sie mit Information fit macht. Wichtig ist auch, dass man die Flüchtlinge sichtbar macht. Schon die Standortwahl ist entscheidend: Das Gebäude darf nicht am Stadtrand liegen, sondern muss zentral sein. Wir empfehlen Bürgermeistern auch gerne, neue Asylwerber zu einem Ortsrundgang einzuladen. Das normalisiert das Verhältnis, und genau darum geht es.
DIE FURCHE: Bei Kritik am Asylwesen in Österreich wird gerne auf die Tradition als Flüchtlingsland verwiesen.Was unterscheidet einen bosnischen Flüchtling von 1993 von einem Flüchtling heute?
Langthaler: Die Situation der Bosnien-Flüchtlinge war durch die geografische und historische Nähe eine ganz besondere. Heute kommen die Asylwerber oft von weit her, aus Regionen, die viele Österreicher nicht kennen, oder die angstbesetzt sind. Außerdem wird heute der Nachweis von individueller Verfolgung verlangt. Das ist auch gut so. Aber als der Kabarettist Josef Hader vor wenigen Wochen die Flüchtlinge in der Votivkirche besuchte, argumentierte er, der nicht aus dem Asylsystem kommt, mit reinem Menschenverstand und fragte: „Wieso sollen diese Leute nicht kommen dürfen, wenn sie hier einen Job haben?“ Da ist etwas, dass in Europa langsam zu kippen beginnt. Die „Festung Europas“ wird von der Bevölkerung nicht mehr in dem Maß mitgetragen, wie sich die Politik darin festgefressen hat. Was passiert, wenn legale Migranten keinen Job finden, kann man jetzt bei den Polen in England sehen. Die sind bei Hochkonjunktur zu Tausenden eingewandert, und ziehen jetzt eben wieder zurück. Der Zusammenhang von Migration und Entwicklung ist nur gegeben, wenn es Bewegungsfreiheit gibt.
DIE FURCHE: Gerade den Behörden ist es sehr wichtig, zwischen Migration und Asyl zu unterscheiden.
Langthaler: Uns auch. Wir müssen das Asylsystem, das auf die Genfer Flüchtlingskonvention beruht, hochhalten. Aber die Vermischung passiert gerade wegen der restriktiven Grenzregime in Europa.
DIE FURCHE: Man müsste also Migration in Österreich neu aufsetzen?
Langthaler: Nicht nur in Österreich, in ganz Europa. Vor allem aber muss das Thema entkrampft werden. Momentan ist die Diskussion festgefahren. Aber ich bin optimistisch: Historisch hat sich das Rechtssystem immer an die faktischen Gegebenheiten angepasst und nicht umgekehrt.

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