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02/2013 - Amsterdam: Die Kirche der Flüchtlinge
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Ungelesen , 10:43
Amsterdam: Die Kirche der Flüchtlinge

Eine Kirche als Fluchtpunkt für Asylwerber – das gibt es nicht nur in Wien. Ein Besuch in einem besonderen Provisorium – in den Niederlanden.

Von Tobias Müller

„Die Nachbarn sind gut“, sagt Josèphe, in der Hand eine weiße Plastiktüte voll frischen Brots. Er läuft die paar Stufen hoch, dorthin, wo einmal der Altar war. Die Nachbarn sind gut, dafür hat Josèphe, ein kleiner Mann von Anfang 30 mit kurzen Dreadlocks, schwerwiegende Argumente: nicht nur das Brot, das sie ihm eben draußen in die Hand drückten, und das er jetzt an der Seite des ovalen Raums in ein gut bestücktes Regal legt. Vor allem der ehemalige Altartisch, der sich biegen würde, wäre er nicht aus Stein. Aufstriche, H- Milch, Saft und Gläser mit eingelegtem Gemüse stehen dort dicht an dicht und fertig zum Gebrauch und mittendrin ein Plastikeimer mit einem ausladenden Strauß Blumen – alles gespendet.
Und das ist noch lange nicht alles: „Sie bringen auch warmes Essen“, so Josèphe. In eine dicke schwarze Daunenjacke gehüllt, lässt der Ivorer sich in der Sitzecke nieder, bei der Wand, hinter der sein neues Schlafzimmer liegt. 25 Zimmerleute haben an einem Wochenende eine Armada an Rigipsplatten verschraubt, um die Seitenflügel der Kirche abzutrennen. In die neuen Räume zogen sie Wände, sodasss 13 Zimmer entstanden, in denen sich die Flüchtlinge wohnlich einrichteten. „Und auch Medikamente gibt es, falls wir welche brauchen“, so Josèphe. Unten im Keller ist sogar ein Arztzimmer mit Liege eingerichtet, wo jeden Nachmittag ein freiwilliger Doktor Sprechstunde hält.

Zufluchtsort für 100 Asylwerber

Es ist eine wundersame Geschichte, die sich seit Anfang Dezember in der leer stehenden Jozefkerk im Westen Amsterdams abspielt: Rund 100 abgelehnte Asylbewerber haben hier nicht nur einen Zufluchtsort gefunden, sondern auch eine außergewöhnliche Welle von Hilfsbereitschaft ausgelöst. Ein Teppichhändler spendierte mehr als 11.000 Quadratmeter, um die neuen Schlafzimmer auszustaffieren, ein Elektriker baute eine Warmwasserheizung ein. 20.000 Euro an Spenden kamen zusammen, mehr als 100 Freiwillige helfen bei den täglichen Dingen.
Für Josèphe ist es immerhin ein Hoffnungsschimmer auf seiner dreijährigen Odyssee. Die Hälfte davon verbrachte er in Erwartung seines Entscheids im Asylantenheim. Nach der Ablehnung tauchter er unter, bis er wegen fehlender Papiere festgenommen wurde. Nach acht Monaten ließ man ihn laufen, denn abschieben, und dies ist das Besondere ihrer Geschichte, kann man die Bewohner der Vluchtkerk nicht. Unvollständige Dokumente, Botschaften, die die Kooperation mit den Niederlanden verweigern, oder ein Abschiebestopp wie bei den vielen Somaliern in der Kirche.
Mehr und mehr Asybewerber stranden in dieser Grauzone. Was bleibt, ist ein Leben auf der Straße. Als Josèphe im Oktober frei- gelassen wurde, machte er sich auf nach Amsterdam. Ganz am Rand der Hauptstadt nämlich campierte den ganzen Herbst über eine Gruppe Flüchtlinge notdürftig in einem Zeltlager. Josèphe schloss sich ihnen an. Ende November wurde das Camp geräumt und seine Bewohner festgenommen. Doch schon nach zwölf Stunden landeten sie erneut auf der Straße.
Wie weiter? – diese Frage stellte sich auch die Filmemacherin Annerike Hekman, als sie davon erfuhr. Einige Anrufe klärten die Unterbringung für eine Nacht in den Räumen eines Hausbesetzerkollektivs. Am selben Wochenende noch wurde die Kirche besetzt, die zuvor als Kletterhalle genutzt wurde und seit dem Frühjahr leer stand. „Der Besitzer kam gleich und meinte: ,Ich höre, mein Gebäude ist besetzt. Das ist prima!‘“, so Annerike Hekman, die nun der Unterstützergruppe „Daily Operations“ angehört. Andere Freiwillige kümmern sich um Kommunikation, Medizinisches, Bau oder Finanzen. Auch die Amsterdamer Diakonie unterstützte die Aktion von Beginn an. Im dämmrigen Licht des späten Nachmittags inspiziert derweil ein Mann in Jogginghose und dunkler Jacke die Feldbett-Unterteile, die mitten im Raum in Stapeln auf dem Steinboden liegen. Eine Nacht haben die Flüchtlinge in ihren neuen Betten verbracht, und Zenin, so heißt der Mann, würde seins gerne etwas höher setzen. Mit ein paar Verbindungsstücken in der Hand geht er zurück in sein Zimmer. Hinter der Tür ist es tatsächlich etwas wärmer, auch wenn die Heizung noch nicht richtig funktioniert. Dafür macht der rotbraune Teppich den Raum heimelig, in dem sechs Feldbetten verteilt sind. Über jedem liegt eine ordentlich gefaltete Decke, dazu gibt es einen Nachttisch mit Lampe, ein Sofa, einen runden Hocker, der als Tisch dient, und einen hohen Spiegel neben dem Eingang,

Unterstützung bis Ende März

„Die Zimmer“, sagt Zenin mit leiser Stimme, „sind das Beste hier.“ Er kommt aus Sudan und ist Mitte 30. Hemden und Hosen hat er an Bügeln über sein Bett an die Wand gehängt. Sein etwas jüngerer Freund Omer, ebenfalls Sudanese, freut sich vor allem, dass die Gruppe hier zusammenbleiben kann. Nur so, meint er, könnten sie weiter auf sich aufmerkam machen. Denn obwohl der Eigentümer seine Unterstützung bis Ende März zugesagt hat, will sich hier niemand zurücklehnen. „Wir sind in einem Niemandsland“, fasst Omer die Lage zusammen. „Wirklich glücklich sind wir erst, wenn wir eine Lösung haben. Aber immerhin können wir uns hier ausruhen.“
Erleichtert ist Omer auch, dass sein Freund nun Zugang zu Insulin hat. Zenin ist Diabetiker – und nicht der Einzige in der Kirche. „Eine 65-jährige Frau aus Somalia hat auch Diabetes. Und solche Menschen lassen sie aus dem System fallen“, so Omer empört, während er den Wasserkocher anwirft. Zenin putzt sich unterdessen die Brille. Kennengelernt haben sie sich im Asylheim. Nach ihrer Ablehnung vor vier Monaten zogen sie mit anderen Sudanesen in besagtes Amsterdamer Zeltlager. In der Kirche sind die Sudanesen mit etwa 20 Personen nach den Somaliern eine der größten Gruppen. Die Übrigen kommen aus Eritrea, Äthiopien und dem frankophonen Westafrika.
Dampf steigt auf, als Omer heißes Wasser in die Pappbecher gießt und Teebeutel mit Minze-Zimt-Geschmack hineinlegt. „Als wir hier ankamen, war es dreckig und es gab kein Licht“, sagt er. „Aber ich bin trotzdem froh, hier zu sein. Weil es wie ein Zuhause ist.“ Und als wollten sie das unterstreichen, drehen die Nachbarn im Zimmer nebenan die Musik auf. Auch sie kommen aus Sudan, sind aber jünger und bevorzugen Hip-Hop, während Omer und Zenin Reggae-Liebhaber sind. Ungeachtet musikalischer Vorlieben werden alle am nächsten Tag zusammen nach Den Haag fahren, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. „Das müssen wir tun“, sagt Omer eindringlich. Denn so dankbar sie den Freiwilligen sind, ist doch niemand gekommen, um in einem solchen Provisorium zu leben. Die Stadt hat zugesagt, bis Ende März nicht zu räumen. Erstmal aber hat es am Weihnachtsabend eine Party gegeben mit Auftritten bekannter Musiker und Schriftsteller. Bis zum Frühjahr wird die Vluchtkerk mit ihrer besonderen Dynamik noch für einiges Aufsehen sorgen. Und solange Menschen in der Grauzone zwischen zwei Bürokratien landen, wird sie auch irgendwo eine Nachfolgerin haben.

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