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03/2013 - Ist die Homo-Ehe liberal? (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 12:31
l Ist die Homo-Ehe liberal?

Proteste in Frankreich gegen ein Gesetzesvorhaben von Präsident Hollande und ein italienisches Höchstgerichtsurteil zugunsten homosexueller Paare haben die einschlägige Debatte erneut befeuert. Im Zentrum einmal mehr: die Kirche.

Von Rudolf Mitlöhner

Die (katholische) Kirche im Kampf gegen die Homo-Ehe: Dieses Bild entspricht der gängigen Wahrnehmung, die in vielfältiger Weise auch ihren medialen Niederschlag findet (zuletzt etwa auf orf.at: „Der Kampf der Kirche gegen die Homoehe“). Man kann das so sagen. Wahr wäre freilich eher, dass die Kirche – als eine der letzten Institutionen – für die traditionelle Ehe und Familie als gesellschaftliches Leitbild kämpft, weswegen sie gegen alles auftritt, wodurch sie dieses Leitbild gefährdet sieht, wozu sie aus naheliegenden Gründen auch eine völlige rechtliche Gleichstellung homosexueller Beziehungen mit der Ehe von Mann und Frau zählt. Wahr ist auch, dass der Protest weit über katholische, auch religiöse Kreise hinausgeht. Und es ist einigermaßen absurd anzunehmen, dass sich etwa im laizistischen Frankreich, wo zuletzt Hunderttausende gegen die Homo-Ehe auf die Straße gingen, die Massen von Bischöfen mobilisieren ließen.

Die offene Gesellschaft

Aber es ist zweifellos richtig, dass religiöse Menschen und hier wieder insbesondere Katholiken bei der Verteidigung von Ehe und Familie immer an vorderster Front zu finden sind (wobei es natürlich auch in allen Glaubensgemeinschaften einschließlich der Katholiken andere Positionen gibt). Ihnen wird gerne vorgeworfen, die Propagierung überkommener gesellschaftspolitischer Vorstellungen vertrage sich nicht mit den Prinzipien einer offenen, pluralistischen Gesellschaft.
Sehr deutlich wurde dies an einem Fall aus Italien. Das Oberste Gericht des Landes hat letzte Woche entschieden, dass auch homosexuelle Paare Kinder aufziehen dürfen. Die Vorstellung, dass dies für die Entwicklung des Kindes nachteilig oder schädlich sei, basiere nicht auf „wissenschaftlichen Gewissheiten“, sondern lediglich auf einem Vorurteil, hieß es in der Begründung. Ja, das ist im Wortsinn ein Vor-Urteil – nur muss man dazusagen, dass auch „wissenschaftliche Gewissheiten“ sich aus solchen Vor-Urteilen speisen, weil, vorsichtig formuliert, das Erkenntnisinteresse für das Ergebnis nicht unmaßgeblich ist.
Nun zählt es aber zu den Missverständnissen einer offenen Gesellschaft, dass dort nur jene Vor-Urteile Platz hätten, die dem entsprechen, was als liberaler Mainstream der öffentlichen Meinung gilt. Woraus folgte, dass alle anderen gewissermaßen vorauseilend das Feld des Diskurses zu räumen hätten, um den Fortschritt des Menschengeschlechts nicht unnötig zu behindern. Dem hat schon vor Jahren der Publizist Jan Ross in der Zeit pointiert entgegengehalten: „Eine liberale Gesellschaft ist keine aus lauter Liberalen, sondern eine mit einer liberalen Haltung, auch gegenüber Liberalismuskritikern.“
Anders gesagt: Auch in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft gibt es Vor-Urteile. Welche davon politisch schlagend werden, ist unter demokratischen Verhältnissen eine Frage von Mehrheiten, für die es zu kämpfen gilt. Es gibt keinen Grund, dass Kirchen und Glaubensgemeinschaften sich daran erst gar nicht beteiligen. Worum es dabei eigentlich geht, zeigen nicht zuletzt Auslassungen wie jene des Politikwissenschaftlers Ian Buruma, der in einem Presse-Gastkommentar allen Ernstes eine direkte Linie von einer Ansprache des Papstes über Ehe und Familie zu den Vergewaltigungen in Indien zog.

Menschenbilder

Die aktionistische Entsprechung findet diese Haltung in den Protesten halbnackter Frauen mit der Aufschrift „In Gay we trust“ auf dem Petersplatz. Da geht es längst nicht mehr um die Frage rechtlicher Gleichstellung von homosexuellen Paaren in einzelnen Bereichen (wobei auf politischer Ebene die Frage primär jene sein sollte, wofür der Staat durch Unterstützung Geld ausgibt), sondern um diametral entgegengesetzte Bilder von Mensch und Gesellschaft: Sind geschlechtliche Identitäten und damit zusammenhängende Rollen wie Vater oder Mutter bloß ein soziales Konstrukt – oder auch in der Natur des Menschen grundgelegt? Auch darüber hat der Papst übrigens in besagter Ansprache gesprochen …

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