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30/2008 - Vierzigjährige Kluft (Otto Friedrich)
  #1  
Ungelesen , 15:21
Vierzigjährige Kluft

Die „Pillen“-Enzyklika „Humanae vitae“ und ihre Folgen. Eine mehr als nüchterne Bestandsaufnahme.

von Otto Friedrich

Der dieswöchige 40. Jahrestag der Enzyklika „Humanae vitae“ lockt wenige hinter dem Ofen hervor. Das liegt kaum daran, dass die Katholiken im Lande nun voll hinter den kirchlichen Normen zur Sexualmoral stehen würden. Wie in vielen anderen Weltgegenden war auch hierzulande das Verbot so genannter „künstlicher“ Mittel zur Empfängnisverhütung der Beginn einer großen Entfremdung zwischen Kirchenleitung und Basis. Wahrscheinlich gibt es kaum ein anderes Gebiet, bei dem „unten“ so auf die Meinung von „oben“ pfeift.

Das ist verheerend für die Autorität des Lehramtes, das der Papst ja über die Gläubigen ausüben will. Denn eine Lehre, die weitgehend ignoriert wird, hat ihren Lebensbezug und eigentlich ihre Legitimation verloren. Eine kaum zu überbrückende Kluft hat sich aufgetan: Hier die absolute Normen verlangende Kirchenleitung, dort das „Volk“, das ganz anders lebt.

Was verheerend für die Autorität ist, muss aber gar nicht verheerend für die Menschen sein: Das Ignorieren mancher Sexualnormen kann auch als Akt der Befreiung gelten. Jahrhunderte lang war die Herrschaft über die Sexualität auch eine Herrschaft über die Menschen. Man muss froh sein, dass die Bigotterie einer Institution überwunden wurde, die hier offenkundig war; man muss froh sein, dass diese Institution den Menschen nicht mehr alles als „Sünde“ einreden kann.

Weise Kirchenmänner haben auch nach „Humanae vitae“ ihren Schäfchen Wege gewiesen und Türen geöffnet. Die österreichischen Bischöfe etwa haben 1968 in einem seither nicht mehr erreichten Akt von Mut gegen Rom in der „Mariatroster Erklärung“ festgestellt: Wenn jemand aus seiner Gewissensentscheidung heraus glaubt, auch gegen den Papst stehen zu müssen, so hat die Kirche dies zu akzeptieren. Diese Befreiung, zur persönlichen Gewissensentscheidung zu stehen, aber trotzdem in der Kirche bleiben und sich ihr zugehörig fühlen zu können, ist von vielen wahrgenommen worden.

Dennoch ist das „Gute“ am Autoritätsverlust der Zentrale enden wollend. Denn es scheint unbestreitbar, dass auch wegen der Kluft zwischen rigorosen Moralnormen oben und der Lebenswirklichkeit unten viele der Kirche den Rücken gekehrt haben. Mag ja sein, dass der gegenwärtige Papst aus der Erkenntnis dieser Tatsache weniger mit dem moralischen Zeigefinger denn als Werber auftritt. Doch die Botschaft selbst hat er um keinen Deut verändert.

Dabei gäbe es genug Bedarf an Orientierung über gelingende Beziehung, reife Sexualität und lebbare Alternativen in einer Gesellschaft, die bald mehr von gescheiterten denn von gelingenden Beziehungen geprägt scheint. Wer aber traut der Kirche die Kompetenz zu, solche Orientierung zu bieten?

Schließlich hat dieser Autoritäts- und Kompetenzverlust der katholischen Kirchenleitung noch eine düstere Kehrseite, die dem Papst auch bei seiner jüngsten Reise nach Australien entgegen gehalten wurde: Das Problem des sexuellen Missbauchs durch Gottes Bodenpersonal ist ja nur der tragische Beweis dafür, wie sehr gerade für die Kirche ein integrativer, lebbarer Zugang zur Sexualität nottut. Österreich war hierbei ja trauriger Vorreiter: Aber die „Affäre Groër“ wurde nur halbherzig bereinigt, und nach dem Tod des beschuldigten Kardinals wähnten allzu viele, dass längst genug Gras darüber gewachsen ist. In den USA gingen im Gefolge ähnlicher Fälle ganze Diözesen praktisch bankrott, in Australien fand Benedikt XVI. jetzt immerhin klare Worte zu dem, was jungen Menschen von Männern der Kirche angetan wurde.

1968 haben sich viele Katholiken (wahrscheinlich auch die Mehrheit der Bischöfe) eine andere päpstliche Position zur Empfängnisverhütung erhofft. Bekanntlich ist die Kirche seit damals in alte Fahrwasser zurückgesegelt. Und viele im „pilgernden Gottesvolk“ (mit diesem Bild beschrieb das Konzil bekanntlich die Kirche) erfahren sich seither als nicht richtig geleitet.

Vor 40 Jahren holte sich Paul VI. Rat bei Wissenschaftern und Praktikern (und hielt sich leider nicht an deren Empfehlungen). Heute hingegen scheint innerhalb der Kirche – ob lokal oder global – eine Kontroverse, ein Dialog zu den brennenden Fragen der Sexualität kaum noch möglich zu sein.

Auf diese Weise wird die Kluft zwischen den Normen von oben und der Praxis unten aber nicht verringert werden können.
otto.friedrich@furche.at
  #2  
Ungelesen , 20:35
Franz Graf-Stuhlhofer Franz Graf-Stuhlhofer ist gerade online
 
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Die schwer reformierbare Kirche

Päpstliche Stellungnahmen zu Fragen der Sexualität sind in Verbindung mit dem kirchlichen Führungsverständnis zu sehen. Dieses Verständnis besagt: Jesus hat den Aposteln versprochen, immer bei ihnen zu sein, daher ist das, was die Kirche jahrhundertelang lehrte, gottgewollt. Dieses Verständnis beinhaltet jedoch mehrere Probleme: Erstens wird dabei Jesu Versprechen, die Apostel (durch den Geist Gottes) zu begleiten, stark (und einseitig) auf das Lehrmäßige hin gedeutet – als ob Jesu Begleitung primär darauf ausgerichtet ist, vor lehrmäßigen Irrtümern zu bewahren. Zweitens wird dabei Jesu Versprechen nicht nur auf die angesprochenen Apostel selbst bezogen, sondern auf alle jene, die aufgrund ununterbrochener Handauflegungs-Folge als deren Amtsnachfolger gelten (sog. „apostolische Sukzession“). Aber die Apostel hatten durchaus eine historisch einmalige Aufgabe, ihre besondere Beauftragung gilt nicht automatisch für alle späteren Bischöfe auch. Dazu kommt, dass die Annahme, dass Gott die Kirche (auch nach der Zeit der Apostel) in besonderer Weise führe, in diesem Verständnis einseitig auf die Kirchenleitung bezogen wird (im Sinne von: Kirche = die Bischöfe).
Jedenfalls bringt dieses Verständnis, dass das bisherige Lehr- und Glaubensgut der (katholischen) Kirche in besonderer Weise unter Gottes Führung zustandekam, eine geringe Fähigkeit zu Reformen mit sich. Die Versuchung, das bisher Geglaubte und Praktizierte für göttlich und daher unveränderbar zu halten, betrifft sicherlich auch andere Kirchen, aber die kath. Kirche in besonderem Maße. Die evangelische Kirche dagegen steht eher in der Versuchung, mit dem jeweiligen Zeitgeist konform zu gehen. Daher gab es z.B. zur Zeit des Nationalsozialismus mehr Resistenz im katholischen Bereich.
Franz Graf-Stuhlhofer
  #3  
Ungelesen , 13:11
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Scharf in der Analyse

Danke für Ihren Artikel, einmal mehr gut recherchiert, bemüht um Objektivität, scharf in der Analyse und trotzdem fair!
Ich möchte mich auf diesem Weg für die vielen sehr guten Artikeln bedanken, die Sie schon geschrieben haben. Beeindruckend ist Ihr umfangreiches Wissen und die Treffsicherheit Ihrer Gedanken!
Martin Bergthaler
ma.bergthaler@gmx.at
  #4  
Ungelesen , 13:14
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Punktgenau treffend

Herzliche Gratulation zu dem punktgenau treffenden Leitartikel "Vierzigjährige Kluft" zur zunehmenden Entfremdung von Kirchenleitung und Kirchenvolk. In meinen Augen haben Sie die Wurzel und auch die Auswirkungen sehr genau diagnostiziert. Kernsatz: "... Denn eine Lehre, die weitgehend ignoriert wird, hat ihren Lebensbezug und eigentlich ihre Legitimation
verloren. (...) Hier die absloute Normen verlangende Kirchenleitung, dort das Volk, das ganz anders lebt." Umgelegt auf sehr stark ideologisch untermauerte politische Systeme (Staaten), würde man wohl von gescheiterten Staaten sprechen, die durch eine Revolution von unten zu Veränderung gezwungen oder überrollt werden. Aber bei der Kirche sind wohl andere Maßstäbe anzulegen.
Christoph Mair
C.Mair@student.uibk.ac.at
  #5  
Ungelesen , 13:45
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Enttäuschend niveaulos

Ich finde Ihren Artikel über die Humanae vitae sehr entfremdend und enttäuschend niveaulos. Es ist wahrlich keine große Kunst, in das allgemeine Geschimpfe über das Lehramt der kath. Kirche, dem Papst, und in das lächerlich Machen derselben, mit ein zu stimmen. Humanae vitae als reine Moralnorm zu sehen lässt den seelisch-geistigen Aspekt von Sexualität ganz außer acht. Sexualität ist eben doch mehr als Fortpflanzung und Befriedigung. Mann und Frau werden eins, Adam erkannte Eva, so wird in der Bibel Geschlechtsverkehr u.a. benannt. Es beschreibt eine ganz besondere Verbindung zweier Menschen, die in ihrer Intimität einzigartig ist und voller Schönheit auch Gottes Liebe zu uns Menschen durchscheinen lässt.
Sie schreiben selbst, dass in der Gesellschaft Orientierungsbedarf besteht, dass so viele Beziehungen scheitern, ganz zu schweigen von den Kindern die trotz freiem Zugang zu Verhütungsmittel gezeugt wurden, aber nie das Licht der Welt erblicken durften, und all dem daraus entstehenden Leid, dass wieder vor allem die Frauen trifft. Gleichzeitiug lehnen Sie angebotene Orientierung als kompetenzlos und rein autoritär ab. Vierzig Jahre Pille, und was haben sie gebracht, wie frei fühlt sich die Frau heute, wie erfüllend sind die sexuellen Begegnungen, wie glücklich die Beziehungen?
Ich denke, es wäre sinnvoll, die angebotene Orientierung einmal genauer und ohne Vorverurteilung zu studieren, auch wenn darin die Latte sehr hochgelegt wird, und es nie ohne Güte und Toleranz umsetzbar ist.
Doch gibt es eine ganz andere Richtung vor, die, so meine eigene Erfahrung, dem Menschen viel mehr gerecht wird.
Franz Rammer,
4312 Ried in der Riedmark, 14 Jahre verheiratet
silvia-franz.rammer@utanet.at
  #6  
Ungelesen , 09:01
Hermann Major Hermann Major ist gerade online
 
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Vierzigjähriger Reflex

Otto Friedrichs Beitrag „Vierzigjährige Kluft“ ist in vielem zuzustimmen. Das Prinzip der katholischen Sexualmoral, vor bzw. außerhalb der Ehe jedwede (!) sexuelle Aktivität mit dem Begriff „Sünde“ zu brandmarken ist nicht nur absurd. Es ist auch kontraproduktiv für die so wichtige und auch aus theologischen Gründen anzustrebende Integration der Sexualität als in mehrfacher Hinsicht lebensspendende Kraft.

ABER: Humanae Vitae hat aus meiner Sicht viel weniger mit dem 6. Gebot und der Sexualmoral zu tun als man glaubt. Die Enzyklika fokussiert auf die Würde des Lebens, betrifft damit eher das 5. Gebot und erweist sich in dieser Hinsicht tatsächlich als prophetisch.

Die Pointe von Humanae Vitae liegt nach meiner Interpretation weniger in Methodenfragen als viel mehr in der prinzipiellen Offenheit jedes Sexualaktes für das Leben. In einem christlichen Menschenbild ist das eine „No na, ned“-Forderung.

Denn es ist ja in diesem Zusammenhang die wesentliche Frage, was dann passiert, wenn die diversen Methoden der Kontrazeption nicht funktionieren (was viel häufiger der Fall ist, als suggeriert wird) und trotz allem ein Mensch entsteht. Es braucht zumindest einen „Plan B“, in dem ich Ja zum Leben sage, auch wenn es gerade nicht in meine Lebensplanung passt. Nicht wenige Abtreibungen gründen in dem Irrglauben, Sexualität und Fortpflanzung definitiv trennen zu können.

Nach Humane Vitae ist es „erlaubt, dem natürlichen Zyklus der Zeugungsfunktionen zu folgen, dabei den ehelichen Verkehr auf die empfängnisfreien Zeiten zu beschränken und die Kinderzahl so zu planen, dass die oben dargelegten sittlichen Grundsätze nicht verletzt werden“ (16.). Nach all den Polemiken zum 40. Jahrestag der Enzyklika ist schon auch einmal zu fragen, was daran denn so schlimm ist. Denn die Erfahrungen meines eigenen Lebens und die meines persönlichen Umfelds lehren mich, dass die Zeitenwahl mindestens so sicher ist wie die „Pille“. Viele fortschrittlich-feministisch denkende Menschen, die mitunter gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun haben, wenden diese Methode heute mit Überzeugung und Erfolg an.

Es wird Zeit, den seit 40 Jahren geübten Reflex einmal zu überdenken.
  #7  
Ungelesen , 17:28
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Roms grenzenlose Arroganz

Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem mutigen Leitartikel. Ich habe das II. Vatikanische Konzil mit großem Interesse verfolgt und war begeistert von vielen seiner Ergebnisse. Umso mehr enttäuscht war ich dann von „Humanae vitae“. Über meine persönliche maßlose Enttäuschung hinaus bedauere ich es außerordentlich, dass „meine“ Kirche mit „Humanae vitae“ jegliche Kompetenz in der Sexualmoral verloren hat, diesbezüglich unglaubwürdig geworden ist und einen Großteil der Gläubigen vor den Kopf gestoßen hat. Der Kirchenaustritt vieler Menschen – zumal junger – war die tragische Folge. Auch das „Problem des sexuellen Missbrauchs durch Gottes Bodenpersonal“ müsste unsere Kirche (Rom) bewegen, einen „lebbaren Zugang zur Sexualität“ zu schaffen und auch den „Zölibat als einen von vielen Faktoren für ein ‚Klima des Missbrauchs‘“, wie es im Artikel auf Seite 3 der selben Ausgabe heißt, zu erkennen und zu beseitigen.
Es ist richtig, wenn der Papst sagt „Die Kirche braucht Erneuerung“ (Weltjugendtag in Sydney). Empörend aber ist, wenn das immer nur von „oben“ nach „unten“ gesehen wird, wenn also bei „Erneuerung“ nur die Gläubigen gemeint sind. Dringend erforderlich wäre es, wenn die „Oberen“ einmal auf die „Unteren“ hörten und fundierte Meinungen des Volkes Gottes – auch im Hinblick auf die Sexualmoral – respektierten. Sogar zwei dafür eingesetzte Kommissionen votierten in Richtung Freigabe! Aber die Arroganz Roms scheint grenzenlos zu sein!
Wir haben in unserer Pfarre erleben müssen, dass zwei junge begnadete Priester ihr Amt aufgeben mussten, weil sie ihr Leben mit einer Partnerin fortsetzen wollten. War nicht der erste Papst Petrus mit einer Frau zusammen, also verheiratet ? – Auch diesbezüglich wäre die geforderte Erneuerung der Kirche notwendig! Aber für den Papst scheint es wichtiger zu sein, die lateinische Messe wieder zuzulassen, als lebenswichtige Fragen der Kirche anzugehen.
Ich persönlich bin nicht sehr optimistisch, hoffe aber doch, dass es nicht 300 Jahre – wie im Fall Galileo Galilei – braucht, bis in Rom der Heilige Geist ein Umdenken bewirkt!
Josef Bertsch
6710 Nenzing, Beschlinger Straße 52
  #8  
Ungelesen , 17:48
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„Sündhafte“ Sexualität

Das Pillenverbot in der Enzyklika „Humanae vitae“ ist nur eine der vielen Folgen einer grundsätzlich negativen Einstellung einflussreicher Kirchenkreise zur Sexualität, auch innerhalb der Ehe. Man betrachtet dort Sexualverkehr grundsätzlich als sündhaft und möchte ihn daher so oft wie möglich verhindern. Das ist auch der eigentliche Grund für den bibelwidrigen Pflichtzölibat. Wenn dies auch von hohen kirchlichen Würdenträgern eifrig bestritten wird, so spricht doch die gängige Praxis der Kirche eine eindeutige Sprache.
• So verwehrt beispielsweise die Kirche ständigen Diakonen, wenn deren Frau gestorben ist, eine zweite Eheschließung. Falls Kinder vorhanden sind, muss der Vater und Diakon sich nun allein um diese kümmern, statt diese Fürsorge mit einer neuen Frau teilen zu dürfen. Dies widerspricht dem immer wieder behaupteten Grundsatz, die Sorge um die Familie schmälere den Einsatz für die Gemeinde. Ich kann mir auch vorstellen, dass der Grund für diese Vorschrift eine strenge Auslegung von 1 Tim 3,2-5 („nur einmal verheiratet“) sein könnte. Wie kann man aber einerseits diese Stelle, wo Paulus für die Wahl von verheirateten Männern als Bischöfe eintritt, als nicht zeitgemäß ablehnen, wie es vor kurzen ein Bischof mir gegenüber getan hat, an einem kleinen Teil daraus aber fundamentalistisch festhalten? Daher mein Verdacht, es gehe der Kirche auch hier nur darum, Sexualität möglichst zu verhindern.
• Manche ältere Eheleute haben noch gelernt, man müsse nach jedem ehelichen Verkehr beichten. Es war (ist?) also Sünde, den biblischen Auftrag Gottes zu befolgen!
• In der Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“ (Abschnitt 32) wird eine Änderung der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt – also z. B. viri probati – als eine Minderung der moralischen Kriterien bewertet. Das heißt also, Verheiratete sind in den Augen Roms moralisch grundsätzlich minderwertig.
• Bei Selig- und Heiligsprechungen besteht ein großes zahlenmäßiges Missverhältnis. Jene Menschen, die stets als die leuchtenden Vorbilder hingestellt werden, sind mit wenigen Ausnahmen ehe- und kinderlos. Die Ausnahmen sind meist Adelige.
Wohl hat sich seit 50 Jahren einiges zum Besseren gewandelt, vor allem durch das II. Vatikanum, aber Überreste der alten Einstellung sind, wie man sieht, doch immer wieder zu bemerken, und die Errungenschaften des Konzils werden ja, wie Friedrich richtig bemerkt, trotz dessen verbaler Beschwörung schrittweise wieder abgebaut.
Die traurige Kehrseite ist natürlich, wie Friedrich auch richtig bemerkt, das Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Frauen und sogar Nonnen durch Priester. Auch hier wird von höherer Seite oft beschwichtigt, die Täter seien ja doch meist die Väter oder Onkel der Opfer. In einem FURCHE-Interview vom 12. Februar 2004 bekannte Erzbischof Diarmuid Martin von Dublin, dass etwa drei Prozent der Täter Priester seien. Wenn man aber bedenkt, dass nur etwa 0,1 bis 0,2 Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung Priester sind, dann bedeutet das eine fünfzehn bis dreißig Mal höhere Anfälligkeit von Priestern gegenüber dem Durchschnitt der männlichen Bevölkerung! Es ist sicher Papst Benedikt zu danken, dass er dieses Problem auch gegen den Widerstand lokaler Kirchenfürsten mutig zu Sprache bringt, aber solange daraus nicht praktische Folgerungen gezogen werden, nämlich die Aufhebung des Pflichtzölibats und eine Aufwertung der Rechte des Kirchenvolks, wird sich daran leider kaum etwas ändern.
Friedrich Griess
f.griess@griess.st1.at
  #9  
Ungelesen , 21:23
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Die Kluft ist schon in Ordnung

Otto Friedrich schreibt, dass das Verbot künstlicher Mittel zur Empfängnisverhütung „der Beginn einer großen Entfremdung zwischen Kirchenleitung und Basis“ war und dass sich damit eine „kaum zu überbrückende Kluft“ aufgetan hat.
Dieses Wort von der (vierzigjährigen) „Kluft“ hat mich an eine starke Bemerkung des bekannten Philosophen Robert Spaemann erinnert: Er sagt, „in allen Hochkulturen hat es stets eine tiefe Kluft (!) gegeben zwischen den (innersten) Überzeugungen der Menschen betreffend dem, was eigentlich das richtige Leben wäre – und dem, was die Menschen faktisch praktizieren. Das Spezifische in unserer gegenwärtigen Zivilisation ist, dass man versucht, diese Kluft zu nivellieren und die Überzeugungen der Menschen dem statistischen Realverhalten anzupassen, weil das angeblich das Natürliche sei. Das Christentum lehrt aber immer schon, dass die durchschnittliche Weise des Menschen, in der Welt zu leben, eher falsch ist.“
Wenn man einmal nicht buchhalterisch auf das Verbot starrt („Wir sind nicht Diener des Buchstabens, sondern des Geistes“): Spricht da nicht die „Sorge“ der Kirche, der es um nichts anderes geht als darum, den einzelnen Christen zum „Hinaufsteigen“ zu bewegen in die Höhen eines christlichen, prophetischen Lebens? Und ihn zugleich zu mahnen, dass es für den, der sich nicht einmal die Mühe dieses sittlich-menschlichen Aufstiegs macht, eine Entwicklung nach unten gibt – im tendenziellen Verlust der (inneren) „Freiheit der Kinder Gottes“?
Peter Mathei
6861 Alberschwende, Hof 1
peter.mathei@utanet.at
  #10  
Ungelesen , 16:36
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Schutz der Integrität der Frau

Die Empfängnisregelung ist eine uralte Thematik der menschlichen Sexualität – sie lag in unserer Ethnie in der Hand der „weisen Frauen“, denen die Hexenenzyklika Innozenz’ VIII. von 1484 „Summum Desiderantes“ vorwarf, „die Frauen unfruchtbar zu machen“. Man hat erstere daher ausgerottet und die Frauen in Furcht und Schrecken gehalten, indem man sie wahllos folterte und lebend verbrannte. Die Folge ist, dass die christlichen Völker vom Aussterben bedroht sind – das kann nicht die Absicht Jesu gewesen sein. In meinem veröffentlichten und bisher unveröffentlichten Werk trete ich daher für die Egalität der Geschlechter in der christlichen Gemeinde – wie in apostolischer Zeit – ein. Der Vorbehalt der Weiheämter für Männer hat wohl ihren Grund darin, dass in den ersten drei Jahrhunderten der christlichen Religion auf diese die Todesstrafe stand, sodass man natürlich die Frauen zurücknahm.
Trotz dieser furchtbaren Geschichte halte ich die Entscheidung von Papst Paul VI. gegen den Gebrauch der Pille für richtig. Denn die Aufgabe des Rechtes ist der Schutz der Integrität der Person – und die Pille greift radikal in die Integrität der Frau ein, niemand hat das Recht, ihr den Gebrauch der Pille nahezulegen, ja – das wäre wohl der Fall gewesen – sie in diese Richtung zu erpressen. Der Arzt darf sie laut Pt. 15 der Enzyklika aus therapeutischen Gründen verschreiben, und die Frau versündigt sich dabei nicht.
Dr. Otto Ludwig Ortner
ottolortner@utanet.at

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