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07/2013 - Der Letzte seiner Art (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:36
l Der Letzte seiner Art

Das Pontifikat Benedikts XVI. könnte – nicht nur wegen seines überraschenden Endes – eine kirchengeschichtliche Zäsur markieren. Nach der theologischen Vertiefung muss und wird wieder eine pastorale Erweiterung kommen.

Von Rudolf Mitlöhner

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, mit dem Abtritt von Papst Benedikt XVI. sei nun auch in der römisch-katholischen Kirche etwas an sein Ende gekommen. Die Schlussphase dieses Pontifikats reiht sich in gewisser Weise ein in Entwicklungen, die wir in vielen anderen zentralen Bereichen wahrzunehmen vermeinen.
In der Politik, der Wirtschaft, der Arbeitswelt, der Bildung, der Familie – fast überall, so hat es den Anschein, sind die überkommenen Formen und Kategorien an ihre Grenzen gestoßen, da und dort ächzt es gewaltig im Gebälk, gerade bei bislang anscheinend bestens bewährten und lange Zeit weitgehend außer Streit stehenden Institutionen. Das gilt für die repräsentative Demokratie ebenso wie für die Marktwirtschaft, für Bildungseinrichtungen (insbesondere die Schule) wie für die familiär-individuelle Erziehung, für private wie berufliche Lebensentwürfe.

Alles prüfen, das Gute behalten

Überall gibt es die Forderung nach neuen Wegen, wobei es freilich eher ein tastendes, oft auch recht hilfloses Suchen ist. Überall auch droht die Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten; oder anders – biblisch – gesprochen: es scheint schwierig wie kaum je zuvor, alles zu prüfen und das Gute zu behalten (vgl. 1 Thess 5,21).
Dies alles gilt auch und vielleicht in besonderer Weise für die Kirche. Sie hat sich, bei aller Kontinuität, die es zumindest ihrem theologischen Selbstverständnis nach geben muss, gewandelt wie kaum eine andere Institution; nicht erst seit dem Zweiten Vatikanum, aber gewiss seitdem noch einmal mit einer ganz neuen Dynamik. Sie hat vor allem viel von ihrem Triumphalismus abgelegt, ist leiser, bescheidener geworden – wie das gerade in der Person des scheidenden Papstes versinnbildlicht wird. Dabei hat sie aber – und auch dafür steht Benedikt XVI. – keineswegs ihren Geltungsanspruch aufgegeben. Der Petersdom mitsamt dem Apostolischen Palast ist ein Programm, ein Statement, das man heute, seines realpolitischen Anspruchs entkleidet, architektonisch natürlich nicht mehr so formulieren würde, das aber im Geistig-Spirituellen nach wie vor aufrecht ist: „Tu es Petrus …“ („Du bist Petrus …“; Mt 16,18 f.) steht in Riesenlettern auf dem inneren Kuppelfries von St. Peter – und damit verbindet sich auch, was dort nicht steht, aber etwa im Titelkopf des Osservatore Romano festgehalten wird: „non praevalebunt“ – sie, die „Mächte der Unterwelt“, werden die Kirche „nicht überwältigen“ (Mt 16,18).
Auf dieses Wort gründet sich die Hoffnung der Kirche – aber gilt es einer bestimmten Gestalt und Erscheinungsweise der Kirche, oder nur ihrem Wesenskern – und was wäre dieser?
Benedikt XVI. hat versucht, genau diese Frage nach dem Unaufgebbaren zu beantworten: mit seinen Enzykliken über die Liebe und die Hoffnung (die über den Glauben wird es nun nicht mehr geben), mit seinem dreiteiligen Opus magnum über Jesus hat er theologische Pfeiler eingeschlagen, in klarer und einfacher Sprache vom Zentrum des christlichen Glaubens gesprochen. Wie überhaupt sein ganzes Pontifikat wohl unter der Prämisse der Vertiefung stand – der Schärfung des eigenen Profils, der Unterscheidbarkeit des Katholischen, die erst die Voraussetzung für ernshaften Dialog bildet.

Entweltlichung

Gleichzeitig dürfte er wohl gespürt haben, dass vieles außerhalb dieses Wesenskerns nicht in Stein gemeißelt ist. Seine vieldiskutierte Rede von der „Entweltlichung“ lässt sich auch so lesen; wobei Benedikt die*se „Entweltlichung“ nicht kulturpessimis*tisch beklagt, sondern als Chance bewertet hat. Ganz profan gesagt: der Papst weiß wohl, dass es die Kirche nach weltlichen Maßstäben (hinsichtlich Strukturen, öffentlicher Repräsentanz etc.) noch billiger wird geben müssen. Und möglicherweise ahnt er auch in seinem Innersten, dass es nach der Vertiefung auch wieder eine Erweiterung, eine Öffnung in manchen pastoralen und strukturellen Fragen braucht, die er selbst nicht (mehr) leisten konnte oder wollte.

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