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SPÖ-Enquète Ceowdfunding
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Ungelesen , 09:27
Musikant Musikant ist offline
 
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Am 13. Februar dieses Jahres veranstaltete der SPÖ-Parlamentsklub eine Enquète zum Thema Crowdfunding. Der Partei gebührt höchstes Lob für die Organisation einer so wichtigen Veranstaltung, welche viele TeilnehmerInnen so spannend fanden wie schon lange keine vergleichbare Veranstaltung mehr!
Gleichzeitig macht so etwas natürlich auch Lust, sich an der Diskussion zu beteiligen. Die absolute Unverhandelbarkeit des Anlegerschutzes etwa, wie sie bei dieser Enquète immer wieder in den Vordergrund gestellt wurde, reizt auch dann in gewisser Weise zum Widerspruch, wenn man kein Experte auf dem Gebiet der Finanzen ist.
Noch in den 70er- und 80er-Jahren galt, dass immer, wenn jemandem Geld zufließt, ohne dass er/sie dafür arbeitet, jemand anderer dafür arbeitet, der nichts dafür bekommt. Entsprechend war es damals verpönt, seine Zeit etwa mit Aktienspekulation zuzubringen. Zu Beginn der 90er -Jahre brachten dann Organisationen wie der AWD genau das als wirtschaftlich klug der Bevölkerung nahe. Gewiss gebührt der SPÖ aus zwei Gründen Verständnis dafür, dass sie in ihrer Rolle als Partei des „kleinen Mannes“ sich auf die Seite derer stellt, die ihr mühsam Erspartes mit Schuld der oben genannten Institutionen verloren haben: einmal weil jemand, der wenig hat, vom Verlust vergleichsweise schlimmer getroffen wird als jemand, der viel besitzt, und darüber hinaus deshalb, weil es im Zweifel die Großen sind, welche die Kleinen in Zugzwang bringen und nicht umgekehrt. Aber musste man damals wirklich finanztechnisches Wissen mitbringen, um sich vor den selbsternannten Finanzexperten schützen zu können? Hätte eine sozialdemokratische Erziehung nicht ausreichen müssen oder wenigstens können, um Skrupel zu empfinden bei der Entscheidung, jetzt genau das zu tun, wogegen die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert unter Einsatz ihres Lebens gekämpft hat: nämlich aus Geld noch mehr Geld zu machen? Anders gesagt: Bleibt es nicht ein gewisser Widerspruch, wenn einerseits die Casino-Mentalität im Anlagewesen als unmoralisch verurteilt und andererseits der Schutz der Akteure sankrosankt gestellt wird, sobald das eingesetzte Vermögen unterhalb einer diffusen nicht definierten Größenordnung liegt, nämlich beim „kleinen Mann“?
Fragwürdig ist, wenn nun jene, die damals – verständlicherweise oder nicht - dem Appell an ihre Gier erlegen sind und getäuscht wurden, in einen Topf geworfen werden mit Menschen, die jetzt aus Idealismus ihr Geld und im Fall Heini Staudinger gar die Existenz riskieren für Projekte, die ihrer Überzeugung gemäß an einer menschlicheren Welt bauen. Während erstere naturgemäß nach dem Schutz ihres Vermögens rufen, rufen letztere ganz offensichtlich stattdessen nach dem Schutz ihrer Ideale! Sollten die von ihnen unterstützten Projekte scheitern, so werden diese Menschen die Politik gewiss nicht für den Verlust ihres Vermögens verantwortlich machen, sehr wohl aber für das Scheitern ihrer hoffnungsvollen Projekte, in deren Dienst sie ihr Vermögen gestellt hatten! Denn was diese Projekte und erst in der Folge auch das eingesetzte Vermögen am heftigsten bedroht, das ist genau diese Politik, die den Anlegerschutz höher stellt als den Einsatz für eine menschengemäße Realwirtschaft! Diesen Unterschied gilt es zu verstehen. Hier käme es darauf an, die Politik für etwas zu öffnen, was der Sozialismus von Anfang an ebenso verleugnet hat wie der Kapitalismus und der Positivismus, nämlich Geist.
Zwar kann und soll man den Geist nicht definieren, wohl aber kann man Prinzipien benennen, die ihm entspringen. Es sind eben nicht die Bilanzen, sondern die sichtbar verwirklichten Ideale, mit welchen Heini Staudinger bei der Bevölkerung punktet: Streben nach Sinn vor Streben nach Gewinn, faire Verteilung der Erträgnisse, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung durch radikalen Verzicht auf geplante Obsoleszenz, konsequenter Vollzug der Energiewende, Einsatz für Subsidiarität im Wirtschaftsleben, Beitrag zu einem lebenswerten ländlichen Raum, Förderung von biologischer Landwirtschaft, Entwicklungszusammenarbeit und Kultur und schließlich die selbstlose Bereitschaft, im Kampf für diese Ideale persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen.
Politik muss mehr werden als Entscheidung darüber, wem aus welchen ideologischen Überlegungen heraus noch wie viel vom immer knapper werdenden Geld zusteht. Aus dieser Öde herauszuführen, das wäre eine Aufgabe, welche die Politik wieder spannend macht. Die Enquète erschien wie ein erster tastender Schritt in diese Richtung, und sie macht Hoffnung, dass der Gang nach und nach sicherer werden könnte.

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  13:52:00 07.13.2005