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08/2013 - Geistlicher Führer gesucht (Otto Friedrich)
  #1  
Alt 20.02.2013, 11:07
l Geistlicher Führer gesucht

An der katholischen Kirchenspitze kann es nicht mehr so weitergehen wie bisher. Man wird sehen, ob das Konklave im März eine Weichenstellung einleitet: Der nächste Papst müsste sich aus der Umklammerung des Absolutismus lösen.

Von Otto Friedrich

Das heimische Nachrichtenmagazin titelte unter dem Foto des abtretenden Pontifex, die Kirche werde nun „professioneller – und banaler“. In diesen Worten verbirgt sich einmal mehr der Januskopf der säkularen, kirchenfernen und, wenn man so will, „agnostischen“ Kirchenbetrachtung: Auf der einen Seite fliegt der katholischen Kirche und ihrer Leitung der Vorwurf um die Ohren, sie habe ihre Hausaufgaben bei der Verheutigung ihrer Organisationsstruktur nicht gemacht. Gleichzeitig vergießen dieselben medialen Kirchenkritiker ihre Krokodilstränen darüber, dass es, ach, so schade sei, wenn es nun keine Lichtgestalt für ewige Werte und überzeitliche Mys*tik gebe, die den geplagten, durch die un*übersichtliche Moderne irrenden Zeitgenossen den Weg weise.
Auf den Punkt gebracht: Ein Papst, der eine Enzyklika wie „Deus caritas est“ verfasst, ist nötig, eine Kirchenspitze, die sich mit Missbrauchs- und Finanzskandalen oder inferiorer Personalpolitik herumschlägt, nicht. Das Eingeständnis, dass es zu solcher Führung auch gehöriger Kraft bedarf, schallt aus der Rücktrittsankündigung Benedikts XVI. entgegen.

Keine Realpolitik des 19. Jahrhunderts mehr


Was auf Neudeutsch „Professionalisierung“ der Kirchenleitung heißt, ist eine conditio sine qua non – gerade um eine Banalisierung des Papstamtes hintanzuhalten. Denn auch dessen heutige Gestalt ist realpolitischen Aspekten geschuldet. Allerdings handelt es sich um die Realpolitik des 19. Jahr*-
hunderts, wo auf den Verlust der weltlichen Macht der Päpste die Überhöhung von dessen „geistlicher“ Entsprechung folgte. Zentralismus und ein an der absoluten Monarchie ausgerichtetes Kirchenmodell wurde damit (Stichwort: I. Vatikanum) zementiert. Es war eines der nicht eingelös*ten Anliegen des II. Vatikanums, hier korrigierend einzugreifen.
Dabei könnte sich die katholische Kirche da auf ihre Tradition besinnen, nämlich sehr wohl an den Zeitumständen Maß zu nehmen und deren „Weisheit“ für ihre Organisationsstruktur nutzbar zu machen:
Die weltliche Erfahrung seit mehr als 100 Jahren zeigt: das Modell einer absoluten Monarchie hat ausgedient. Auf eine Entsprechung in den Kirchenstrukturen wartet man bislang dennoch vergeblich. Dass eben auf dem II. Vatikanum viele Bischöfe für die Ausweitung der Kollegialität und eine dezentralere Kirchenleitung gepocht und gehofft
hatten, scheint heute somit eine Zukunftsmusik aus längst vergangener Zeit zu sein.
Aber um die geistliche Leitung der weltgrößten Glaubensgemeinschaft zur Geltung zu bringen, ist deren „weltliches“ Funktionieren zu gewährleisten. Und das geht nicht in der intransparenten und zur Intrige einladenden Form, in der sich der vatikanische „Hof“ heute wie eh und je präsentiert. Die Moderne hält längst brauchbare Modelle bereit – angefangen bei der Gewaltenteilung bis zum Subsidiaritätsprinzip (alles, was auf unteren Ebenen entschieden werden kann, ist dort anzusiedeln). Die katholische Kirche propagiert letzteres ja längst in ihrer Soziallehre, bloß: In ihrem eigenen Bereich schert sie sich nicht darum.

Abkehr von katholischem Absolutismus

Es ist für die künftige Relevanz des Papst-amtes enorm wichtig, hier Fortschritte zu erzielen. Und deshalb steht das kommende Konklave vor einer Richtungsentscheidung. Auch für Fortschritte in der Ökumene bedarf es der Entkoppelung von „weltlicher“ Organisation und geistlicher Führung. Vatikanische Seilschaften werden sich gegen jede derartige Entwicklung nach Kräften sträuben. Im Grund gibt aber schon der Amtsverzicht von Benedikt XVI. genau diese Richtung vor.
Nochmals: Die Abkehr vom katholischen Absolutismus ist eine notwendige Bedingung, welche im Übrigen das Hüten des Glaubensschatzes in keiner Weise gefährdet. Denn dafür könnte man ja getrost aufs Wirken des Heiligen Geistes setzen, der die Kirche nicht im Stich lassen wird. So lehrt sie es bekanntlich seit ihren Anfängen. Warum macht sie dann so wenig sichtbar, dass sie auf diese Zusage Jesu Christi vertraut?
  #2  
Alt 20.02.2013, 16:49
Musikant Musikant ist offline
 
Registriert seit: 18.04.2009
Beiträge: 43
durchs Banale zum Zukunftsträchtigen

Ich stimme dem Artikel vollinhaltlich zu.
Die Angst vor der Banalität ist ja insofern begründet, als die Professionalität, auf die man von der Kirche schon so überlang wartet, in der säkularen Welt mittlerweile so selbstverständlich ist, dass sie niemanden mehr faszinieren kann. Das bloße Gleichziehen der Kirche mit dieser Routine würde wohl mehr Enttäuschung bringen als Respekt oder Dankbarkeit. Was da von der Kirche tatsächlich gefordert ist, das ist ein plötzlicher riesiger Pendelschlag: von der Vergangenheit behutsam sich lösend mit maximaler Geschwindigkeit durch die "banale" Gegenwart hindurch wiederum achtsam in eine Zukunft, in welcher die säkulare Welt noch gar nicht angekommen ist, die aber in vielen Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils schon vorweggenommen ist. Die Unverständlichkeit kirchlicher Positionen zeugt vielleicht weniger von ihrer Antiquiertheit als davon, dass die vatikanische Führung so konsequent versucht, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen, dass sie gewissermaßen hofft, irgendwann augenblicklich von Anhöhe A zu Anhöhe B gebeamt zu werden, ohne den Weg durchs Wellental zurücklegen zu müssen.

Geändert von Musikant (23.02.2013 um 13:07 Uhr).

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