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09/2013 - Blutleer, aber erfolgreich (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:08
lBlutleer, aber erfolgreich

Der Pferdefleischskandal lenkt einmal mehr den Blick auf Nahrungsmittelproduktion und Konsumgewohnheiten. Moderne, ausdifferenzierte Gesellschaften sind skandalanfällig – aber trotzdem ziemlich lebenswert.

Von Rudolf Mitlöhner

Beim Essen hört sich eben doch der Spaß auf. Während die nicht deklarierte Beimengung von Pferdefleisch in Lebensmittel aller Art seit Wochen die Gemüter erregt, lassen uns weit gravierendere Probleme wie Schulden- und Eurokrise vergleichsweise kalt. Man kann dafür die Medien schelten, die Nebensächlichkeiten über Gebühr aufblasen, man den Politikern ihre Neigung vorwerfen, auf solche Vorfälle stets mit einem Schuss aktionistischem Populismus (oder populistischem Aktionismus) zu reagieren. Aber wahrscheinlich liegt es in der Natur des Menschen, sich hingebungsvoll solchen Themen zuzuwenden: Wo die Dinge vermeintlich klar und überschaubar auf dem Tisch (oder Teller) liegen, ist Empörung wohlfeil. Darin steckt wohl auch ein Stück Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion: das Ausweichen in (scheinbar) übersichtliche Zusammenhänge macht die allgemeine Unübersichtlichkeit der Zeitläufte ein Stück erträglicher.

Landeswappen und bodenständige Sprüche

Damit soll das Thema nicht kleingeredet werden: Unehrlichkeit ist nicht in Ordnung, Betrug moralisch verwerflich – so einfach ist das. Aber dass nicht überall das drin ist, was drauf steht, kann trotzdem niemanden überraschen, der seine Sinne einigermaßen beinander hat. Und dass, bei meiner Ehr’, auch Regionalität kein Wundermittel darstellt, selbst wenn das Landeswappen oder bodenständige Sprüche die Verpackung zieren, hätte man auch irgendwie vermuten können.
Das ist übrigens keine Folge des gnadenlosen Wettbewerbs, den der grassierende Turbokapitalismus über die wehrlosen Massen gebracht hat. So könnte uns beispielsweise die wenig humane Tradition des mittelalterlichen Bäckerschupfens daran erinnern, dass es auch in festgefügten Ordnungen Gauner und Betrüger gab. Die diesbezüglichen Möglichkeiten sind freilich mit dem Grad der wirtschaftlichen Vernetzung exponentiell gewachsen.
Das ist ja generell die Crux bei der Moderne: dass mit dem ungeheuren Zuwachs an Freiheiten zwangsläufig auch die Risiken zunehmen, Unsicherheiten und Unwägbarkeiten teils dramatisch vor Augen treten und viele auch überfordern. Das Rezept dagegen – auf Wissen basierende Mündigkeit, die Verantwortung miteinschließt – ist nur in der Theorie leicht fassbar.
Ein wesentliches Kennzeichen moderner kapitalistischer Gesellschaften ist die Spezialisierung: Nicht jeder macht alles, was er für sich braucht, sondern das, was er gut kann und gerne macht. Ich nähe mir mein Hemd nicht selbst, schnitze mir nicht meine Möbel und stelle auch die Gebrauchsgegenstände des Alltags nicht selbst her. Das bedeutet, wenn man so will, immer auch ein Stück „Entfremdung“.
Analoges gilt für die Nahrungsmittelproduktion. „Wir haben verlernt, dass man töten muss, was gegessen werden soll“, wurde dieser Tage auf orf.at der burgenländische Landesjägermeister zum Thema zitiert. Die Konsumenten würden Fleisch nur noch „vakuumverpackt und blutleer“ aus dem Supermarkt kennen (stimmt nicht ganz, aber auch beim Fleischhauer schaut ja alles vergleichsweise steril – und damit appetitlich! – aus.) In abgemilderter Form gilt das freilich nicht nur für Fleisch, sondern für alle Lebensmittel: auch die müssen aus Tieren gewonnen (Milch, Eier et cetera) oder geerntet werden.

Die Sau im Stall

Nein, das ist weder ein Plädoyer für den Garten vorm Haus und schon gar nicht für die Sau im Stall (wobei beides jedem unbenommen bleibt). Wir sollten nur sehen, dass diese „Entfremdung“ von der Nahrungsmittelproduktion auch die Quelle für „Skandale“ aller Art ist. Allerdings ebenso – und das wird anlassbezogen gerne vergessen – auch für eine Vielfalt und Qualität des Lebensmittelangebots, von der frühere Generationen nicht zu träumen gewagt hätten. Ob wir das aber überhaupt so gewollt haben? Im gro-ßen Bogen ist die Frage längst beantwortet. Im einzelnen hilft, bei meiner Ehr’, nichts anderes als Kontrolle und Zwang zur Transparenz, welche verantworteten Konsum erst ermöglicht.

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