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17/2013 - Blinder Eifer schadet nur
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Ungelesen 24.04.2013, 09:40
Blinder Eifer schadet nur

Der 1. Mai, der Tag der Arbeit, ist ein Feiertag. Gibt uns das nicht zu denken?
Wege zu einem moderneren Erwerbsleben.


Von Wolf Lotter

Um die großen Veränderungen unserer Zeit zu verstehen, braucht man keine Zukunftsforschung und kein soziologisches Kolloquium. Ein Hams-terkäfig und ein Walt-Disney-Taschenbuch tun es auch. Der Hamster ist bekanntlich ein sehr beliebtes Haustier. Er ist aber auch ein Symbol, ein Wappentier, der für etwas ganz Bestimmtes steht, so wie der Doppeladler für die k.u.k. Monarchie oder der Löwe in zahlreichen Schilden als Symbol des Mutes und der Noblesse. Der Hamster steht dafür, immer so weiterzumachen wie gewohnt. Jeder, der schon einmal einen der possierlichen Nager gesehen hat, weiß, dass sie in ihren Käfigen unermüdlich im sogenannten Hamsterrad laufen.
Das tun die kleinen Wichte bis zur Erschöpfung, oder wie man heute sagen würde: Bis das Burnout kommt. Doch mit Leis-tungsdenken und Ehrgeiz hat der Fleiß, der hier an den Tag gelegt wird, wenig zu tun: Es ist blinder Eifer, der keinen Zweck verfolgt, keinen Sinn macht und nie endet. Der Hams-ter läuft und läuft – und kommt nie an.
Der Hamster eignet sich als Wappentier hervorragend für eine durch und durch aktionistische Gesellschaft, in der Arbeit der Arbeit wegen überhöht wird. Nicht was dabei rauskommt und welchen Zweck die Arbeit verfolgt, ist gefragt, sondern dass man sie macht, dass man fleissig ist. Mögen wir uns kurz an die alte Weisheit erinnern: Blinder Eifer schadet nur?

Dagoberts protestantische Ethik

Dem Hamster ist wohl nicht zu helfen, auch nicht dadurch, dass man aus den famosen „Lustigen Taschenbüchern“ von Walt Disney zitiert. In Entenhausen leben die Ducks, der Prototyp der Kleinfamilie im späten Industriekapitalismus. Dagobert Duck leidet unter hochgradiger protestantischer Ethik. Sein Lebenszweck ist Kapitalakkumulation der Kapitalakkumulation wegen. Dagobert arbeitet Tag und Nacht. Das ist besonders ungünstig für seinen Neffen Donald, einem Kleinbürger, der, finanziell und auch sonst von Dagobert abhängig, immer wieder alle möglichen niedrigen Dienste für den Alten erledigen muss. Die zweifelsohne normalsten und erfreulichsten Familienangehörigen bei den Ducks sind Donalds Neffen Tick, Trick und Track. Sie sind gewiss nicht faul. Aber sie kennen den Unterschied zwischen Arbeit und Tätigkeiten, zwischen sturer Routine und kreativem Problemlösen sehr gut. Sie sind das, was man heute eine Entscheidungselite nennen würde. Ihr Motto lautet: „Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, ist verrückt.“
Eine solche Position des Müßiggangs aber ist auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts indiskutabel. Der Hamster bleibt das Wappentier einer Gesellschaft, die „sich auf nichts anderes versteht als Arbeit“, wie die Philosophin Hannah Arendt bereits in den 1950er Jahren erkannte. Bis heute hat sie recht behalten: Es gibt aktuell kein OECD-Land, in dem das Primat der Vollbeschäftigung nicht gelten würde. Wirklich überraschend ist das nicht. Die traumatischen Erfahrungen aus den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts legen nahe, dass Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Doch das führt in die Irre. Tatsächlich ist die Vorstellung von Vollbeschäftigung von jeher eine Illusion gewesen. Das Rückgrad dieser Idee ist die Industriegesellschaft – ein Mega-System, aus dem sich praktisch alle politischen, sozialen und kulturellen Vorstellungen und Institute unserer Welt definieren.
Das Wort Industrie bedeutet in seinem lateinischen Ursprung industria soviel wie Fleiß. Die Industriegesellschaft hat in nur zwei Jahrhunderten das Antlitz der Welt stärker verändert als alle vorhergehenden Epochen zusammen. Wirtschaftshistoriker nennen die Zeit bis zu ihrem Beginn auch das „stationäre Zeitalter“, mit einem Wirtschaftswachstum von 0,1 Prozent pro Jahr. Mit dem industriellen Take-Off zu Ende des 18. Jahrhunderts verändert sich alles. Ein durchschnittlicher Westeuropäer verfügt nach 200 Jahren Industriekapitalismus über das gut Fünfzigfache an Wohlstand als zu Beginn der Ära.

Eine junge Konstruktion


Was wir Arbeit nennen, ist also eine historisch vergleichsweise junge Konstruktion. Vollerwerbsarbeit, soziale Sicherung, die Tages- und Jahresteilung – Arbeit, Urlaub, Krankenstand – bis hin zu den großen Ebenen – Schule, Ausbildung, Arbeit, Rente – kannte man noch bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts nicht.
Man darf Erwerbsarbeit nicht mit Tätigkeit und menschlicher Arbeit an sich verwechseln. Letztere ist eine natürliche Angelegenheit. Sie wird getan, um Hunger und Durst zu stillen, Kälte und Gefahren abzuwehren. All das erfordert einen energetischen Aufwand, der das Prinzip allen Lebens in sich trägt: Man muß mehr rausholen, als man reingesteckt hat. Das Ziel aller Arbeit ist Überschuss, der ursprüngliche Sinn des Wortes Mehrwert also. Kapitalismus hat durchaus natürliche Wurzeln.
Aristoteles ist einer der ersten Denker, die sich mit dem Wesen der Arbeit beschäftigen. Er studiert die Rolle der Priesterkaste in Ägypten. Dass es sie gibt, schließt er, ist letztlich die Folge hoher Produktivität von Fellachenarbeit an den Ufern des Nils, denn die muss die Überschüsse für die in Wohlstand lebenden Pries-ter erwirtschaften. Damit aber können die Priester sich nicht nur dem Ritus zuwenden, sondern auch der Wissensarbeit – etwa indem sie die Mathematik entwickeln, was wiederum unmittelbar auf die Produktivität aller rückwirkt.
Man kann die aristotelischen Überlegungen auf einen Nenner bringen: Der Mehrwert aus körperlicher Arbeit führt zur Entwicklung von Wissen und Kultur, die der Verbesserung der Methoden körperlicher Arbeit dient. Das ist der Motor aller Entwicklung bis heute geblieben – und übersehbar auch die Grundlage des Dilemmas einer Ideologie, die ihr gesamtes Wohlergehen auf Vollbeschäftigung abstellt.
Weil gerade vom Altertum die Rede war: Nach Lewis Mumfords Konzept des „Mythos der Maschine“ ist die gewaltigste Leis-tung der Kulturgeschichte diese: Die Organisation menschlicher Arbeitskraft. Sie ist das Geheimnis hinter dem Bau der sieben Weltwunder. Die Fähigkeit zum Management großer Menschenmassen zur körperlichen Arbeit schafft den größten Teil des Fortschritts, den wir kennen, aber auch aller unserer Vorstellungen von Macht. Mumford nennt das „die Mega-Maschine“. Wem es gelingt, die Menschenmassen zur Arbeit zu bringen, wer also de facto oder symbolisch die Fellachen die Pyramiden bauen lässt, der hat die Macht in den Händen.
Die Industrialisierung, die wir ja auch Maschinenzeitalter nennen, bedeutet auch in diesem Konzept eine Zäsur. Denn die Maschine ist ein hervorragender Ersatz für die letztlich unberechenbar gebliebene Ressource Mensch. Wo es sich machen lässt, werden Menschen ersetzt. Das führt zu einer absurden Situation: wir bemühen uns nach Kräften, uns Arbeit zu ersparen, während wir auf der anderen Seite kein Konzept haben, ohne diese Arbeit existieren zu können – und zwar im wahrsten SInn des Wortes. Mumford zeigt uns, dass ohne die Organisation von Arbeit auch die Fundamente der politischen und kulturellen Welt nicht mehr tragfähig sind. Arbeit ist Disziplinierung, Massenorganisation. Wir alle kennen das: Wer nichts „zu tun“ hat, kommt auf „dumme Gedanken“.

Verachtung der Arbeit

Als Angehöriger der hellenischen Oberschicht hätte Aristoteles mit dem bei uns gängigen Hamsterbegriff der „harten, ehrlichen Arbeit“, dem „fleißigen Schaffen“, wenig anfangen können. Er befürwortete einen Sklavenstaat, in dem die unschöne Arbeit von der Unterschicht erledigt werden sollte – während sich der Philosoph selbst der Wissensarbeit verschrieb.
Das ist ein fundamentaler Bruch mit dem Kulturbegriff von Arbeit, wie wir ihn kennen. „Ehrliche“ Arbeit ist immer noch eine, bei der wir uns plagen. Kopfarbeit gilt vielen immer noch als halbseiden. Im Schweiße unseres Angesichts sollen wir unser Brot essen. Und wer nicht arbeitet, soll, wenn wir Paulus folgen, auch nichts zu beißen haben. Allerdings muss man dem Kirchenvater zugestehen, dass er seine Definition von ehrlicher Arbeit wohl als Abgrenzungsmerkmal zu seinen römischen Unterdrückern wählte, deren Führungsfunktionäre körperliche Arbeit als „unehrenhaft“ ablehnten – ganz im Geiste Aristoteles.
Doch dieses Arbeitsbild wurde erst mit dem Auftritt des Protestantismus so heiß gegessen, wie es gekocht war. Der faule Müßiggänger, der auf Kosten anderer lebt, das war der verhaßte katholische Klerus. Die protes-tantische Ethik, wie Max Weber es nennen wird, dieser „Geist des Kapitalismus“ bestimmt nun das, was wir unter Arbeit verstehen. Tätigkeit ist alles, was wir tun – auch zu unserem Vergnügen – Arbeit aber ist eine ernste, graue, triste, harte Angelegenheit. Schuften ist der beste Gottesdienst. Und wer da nicht mitmacht, sündigt. Man darf diesen Geist nicht unterschätzten: Nach wie vor verhalten sich politische Parteien und gesellschaftliche Leitgruppen nach genau diesem Muster. Wir lernen alles, was dazugehört, von Kindesbeinen an.
Faulpelze, Taugenichtse, Tagdiebe. Nicht erst der Industrialismus kennt sie. In England werden Erwerbslose seit dem 16. Jahrhundert gesetzlich verfolgt. Im 17. Jahrhundert entstehen unter einem Pionier des Absolutismus, Frankreichs Ludwig XIV, die maisons de forces, Arbeitshäuser. In den Niederlanden werden „Nichtstuer“ in Anstalten gebracht und in Kellerverliese gesperrt. Die können von den Aufsehern unter Wasser gesetzt werden, in dem der Delinquent unweigerlich ertrinkt, sofern er nicht einen Pumphebel in Gang setzt, der das Wasser wieder entfernt. Wer nicht ersaufen will, muss bis zum Zusammenbruch um sein Leben pumpen.

Knechtisches Bewusstsein

Trotz all dieser Vorleistungen einer menschenverachtenden Arbeitsdisziplin gelten Fabriksarbeiter im späten 18. Jahrhundert als Idioten, die man für jede andere Tätigkeit eben nicht heranziehen könne. Unterdessen formuliert Hegel seine Theorie vom „knechtischen Bewusstsein“ – in seinen Augen macht Arbeit frei. Karl Marx hingegen träumt vom „lesenden Arbeiter“. Er versteht im Grunde, wohin die „Mega-Maschine“ führen wird. Aber schon zu seinen Lebzeiten hat die Arbeiterbewegung das „knechtische Bewusstsein“ zur Ehrensache gemacht. „Arbeiter“ wird zum politischen, zum gesellschaftlichen Kernbegriff. Die Macht des Proletariers ist Produktivität. Ohne Arbeit ist er ohnmächtig. Das ist der Grund, warum auch im Postindustrialismus an der Erwerbsdoktrin festgehalten wird.
Auch Intellektuelle waren meist auf der Seite der Arbeitsgesellschaft. Hannah Arendt und Bertrand Russell, dessen „Lob des Müßigangs“ zu einem der klügsten Arbeiten zum Thema gehört, sind Ausnahmen geblieben. Russell plädiert schon 1932 für Vernunft: „Dank der modernen Technik lässt sich der Arbeitsaufwand (...) ungeheuer herabsetzen.“ Doch dagegen, weiß er, gibt es mächtige Bedenken: „Die Einstellung der herrschenden Klassen in Ost und West (…) gleicht, was den Adel der Arbeit betrifft, haargenau dem, was die herrschenden Klassen der Welt stets den sogenannten „armen, aber ehrlichen Leuten“ gepredigt haben: Fleiß, Mäßigkeit, Bereitschaft, viele Stunden für ungewissen, in der Ferne liegenden Nutzen zu arbeiten …“ Russell war kein Sozialist. Dass die Linke die Erwerbsarbeit ebenso skrupellos zum Machterhalt einsetzt wie ihre konservativen Gegenparts, musste man dem Mann aus England nicht sagen. Alle anderen wurden eines Besseres belehrt. Die Arbeiten von Paul Lafargue, der zu Ende des 19. Jahrhunderts mit seinem „Lob der Faulheit“ die Ideen seines Schwiegervaters Karl Marx auf die Füße stellen wollte, waren in den kommunistischen Ländern verboten. Der Prolet-Kult durfte nicht in Frage gestellt werden.
Nun haben aber die meisten europäischen Staaten bereits in den 1970er Jahren die Industriegesellschaft hinter sich gelassen. Der Anteil der Industrie am BIP liegt in keinem OECD-Land bei mehr als 20 Prozent. Und was wir heute Industrie nennen, hat mit klassischer Produktion kaum etwas zu tun. Es sind wissensbasierte Systemindustrien.
Das Dilemma des Erwerbsstaates aber ist evident: Sein Sozialsystem lebt von Arbeitssteuern, nicht von Verbrauchsabgaben. Das zweite Dilemma: Es gibt kein politisches Führungskonzept für eine Welt, in der ein erheblicher Teil der Bevölkerung tätig ist, aber nicht erwerbsarbeitet. Wir sprechen hier nicht von politisch simulierten Beschäftigungsmaßnahmen. Wieviel Landwirtschaft würde beispielsweise ohne EU-Subventionen übrig bleiben? Und was wäre mit einer Vielzahl an Ämtern, Behörden, Projekten, die durch Steuermittel gefördert werden, damit die „Leute was zu tun haben“? Die Vollbeschäftigungspolitik seit den 1970er Jahren zielt ja genau auf das ab: Die Simulation von Erwerbsarbeit.
Bereits 1995 haben Experten, die Michail Gorbatschow in San Francisco zu einer Konferenz vereinte, eine Prognose für die Erwerbswelt des 21. Jahrhunderts unter Berücksichtigung aller wahrscheinlichen Entwicklungen abgegebenen: Demnach sollen im Verlauf des Jahrhunderts nicht mehr als ein Fünftel der erwerbsfähigen Bevölkerung in den OECD-Staaten noch in einem Arbeitsverhältnis stehen.
Liberale Denker wie Ralf Dahrendorf und Milton Friedman haben deshalb für ein Grundeinkommen plädiert. Bereits heute geht ein Drittel der Staatsausgaben für Soziales drauf. Rational betrachtet kann ein Grundeinkommen viele – mit hohem Verwaltungsaufwand betriebenen – Einzelleis-tungen ersetzen. Es förderte zudem auch die Idee der Subsidiarität, der Hilfe zur Selbsthilfe, von der die vielgepriesene Zivilgesellschaft lebt. Der Widerstand dagegen ist vor allen Dingen kulturell bedingt und auch in einer Politik ausgeprägt, deren wichtigstes Machtinstrument die Umverteilung im – von Erwerbsarbeit genährten – Sozialstaat ist. Hier sind sich linke wie rechte Machtpolitiker einig.
Die Gesellschaft wird sich dringend um Alternativen umsehen müssen, die zwischen der Alimentierung und dem alten blinden Eifer des Hamsters liegen. Man kann natürlich auch noch ein Weilchen im Rad so weitermachen wie bisher, fest reintreten, um nur nicht nachdenken zu müssen, wie eine Wissens- und Zivilgesellschaft zu organisieren ist. Doch eins steht fest: Wer sich davor drückt, ist verrückt.


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