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36/2008 - Amerika im Sturm (Wolfgang Machreich)
  #1  
Ungelesen , 14:53
Amerika im Sturm

Hurrikan „Gustav“ wirbelte Amerikas Küste und den US-Wahlkampf gleichermaßen durcheinander. Für Europa und die Welt wäre es besser, wenn Barack Obama stehen bleibt.

Von Wolfgang Machreich

Barack Obama im Glück: Hurrikan Gustav schwächt sich ab und sein politischer Gegner John McCain kann sich nicht als bessere republikanische Katastrophen-Alternative zu Präsident GeorgeW. Bush präsentieren – noch einmal gut gegangen! Aber nicht nur die Natur meint es gut mit dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten, auch die weltpolitischen Krisen nehmen Barack Obama und seinen Konkurrenten im Wahlkampf ums Weiße Haus nicht wirklich in Beschlag: Russland marschiert in Georgien ein und zieht nur halbherzig wieder ab und ein neuer Kalter Krieg wird an die Wand gemalt und zeichnet sich in vielen West-Ost Hin und Hers schon ab – doch die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten können auf ihren Conventions strahlen, als wenn nichts wäre.

Respekt, Glanzleistung! Die USA waren es doch, die Georgien aufgerüstet und militärisch beraten und Präsident Nicolas Saakaschwili zu seinem wahnwitzigen Kriegszug gegen den übermächtigen Nachbarn verleitet haben – doch jetzt hört man von der anderen Seite des Atlantiks nicht mehr viel über den Kaukasus und die dortige Malaise. Dafür wird in der EU darüber beraten und gestritten und vertagt, wie es mit Russland und seinem Muskel zeigenden Regierungs-Tandem weitergehen soll. „Sauber abgeputzt, Amis!“ könnten die Europäer sagen – sagen sie aber nicht, die sind beschäftigt, die Kluft in den eigenen Reihen zu schließen. Aber in Amerika ist Georgien weit weg und ein neuer Kalter Krieg, schaut es aus, kein Thema. Und wahrscheinlich hat ORF-Moskau-Korrespondentin Susanne Scholl recht, die bei den Politischen Gesprächen in Alpbach gemeint hat, es könne gar keinen neuen Kalten Krieg geben, denn auf beiden Seiten gibt „es kaum eine Ideologie mehr“. Aber auch ohne Ideologie, die Wirtschafts- und anderen Interessen sind geblieben. Die Amerikaner haben ihre und die Russen wollen auch etwas – und dazwischen die Europäer sind zwar nie einer Meinung, stellen sich je nach geographischer Lage und geschichtlichem Hintergrund in Sicherheits-, sprich NATO-Fragen, mehr zu den einen, doch beim Pipeline- und Gas-Thema auch wieder zu den anderen.

Aber bei den US-Präsidentschaftsküren sind diese Sorgen keine Sorgen. Da geht es um die Ängste des US-Mittelstands und darum, wie der amerikanische Häuslbauer seine Kredite zurückzahlen kann. Die außenpolitische Erfahrung der Präsidentschaftskandidaten scheint mehr im Nichtwähler-Europa als im wählenden Amerika ein Thema zu sein. Ansonsten ist es undenkbar, dass eine derartig unbeleckte Vize-Kandidatin, noch dazu für den ältesten Präsidenten-Anwärter, nominiert werden konnte.

Barack Obama hat in einer seiner Reden sinngemäß gesagt, dass das Bush-Amerika die weltweite Führungsrolle eingebüßt hat, er aber diese wieder zurückerobern wolle. Bitte! Okay! Gekauft! Gerne sogar, denn Europa kann und vor allem will nicht führen, aber auch in einer multipolaren Welt braucht es einen, der voran geht. Und lieber die Amerikaner und ihre Welt- und Menschensicht als irgend ein anderer Aspirant auf eine gobale Führungsrolle.

„Leadership“ – denn bei uns tut man sich so schwer von Führerschaft zu reden – braucht es. Zum Nutzen für die Welt: in Klima- und Energiefragen, in Wirtschaftsfragen, oder anders gesagt, in Armuts- und Elendsfragen, in Kriegs- und Friedensfragen, in Menschenrechtsfragen … Pathetisch gesprochen und nach diesen gigantischen US-Wahlshows kann man ja gar nicht anders: Nicht nur Amerika, diese Welt braucht einen „Change“. So wie es läuft, läuft es nicht – in den USA und überall.

Die Einsicht ist nicht neu, aber mit dem Antritt von Barack Obama scheint sie einen neuen globalen Durchsetzungs-Versuch zu starten. Nur so ist ja auch die weltweite Hoffnungs-Hysterie um den schwarzen Präsidentschaftskandidaten zu erklären. Es geht bei diesen US-Wahlen nicht nur um Iowa, Missouri oder Kansas und die anderen Sterne auf der US-Fahne. Es geht um mehr, es geht wieder einmal um alles. Es geht darum, dass in Amerika wieder einmal einer sagt, dass eine bessere Welt möglich ist. Und auch wenn es Obama nicht schafft, die Chance auf einen Wechsel soll Amerika und der Welt nicht genommen werden.
  #2  
Ungelesen , 17:35
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Obama „verseelt“ die Hoffnungen der Welt

In wahlkampfschrecklichen Zeiten wie diesen ist es wirklich spannend, über den atlantischen Zaun zu schauen und zu verfolgen, was sich da drüben tut. Mag es auch eine willkommene Ablenkung von unseren Politik-Stümpereien sein – es ist jedenfalls tatsächlich von globalem Interesse, wohin Amerika steuert. Wolfgang Machreich hat ziel- und treffsicher einige Argumente geliefert, dass er aber von einer „Hoffnungs-Hysterie“ spricht, will ich nur als journalistischen Ausrutscher gelten lassen. Denn ich, bald 69 Jahre alt, habe nun wieder Hoffnung geschöpft, dass es eine Trendwende in der Politik geben könnte. Während des Lesens seines Buches „Ein amerikanischer Traum“ fühlte ich mich jung und zurückversetzt in die Zeit von J. F. Kennedy …
Natürlich habe ich Obamas Auftritt in Berlin mitverfolgt. Ich habe das untrügliche Gefühl gehabt, da geschieht wieder etwas Historisches. Ich habe sogar meine Enkelkinder, Julian (8) und Florian (10), überreden können, zuzusehen. Der eine ist bald verschwunden, der andere war, so dachte ich, auch so fasziniert wie ich, weil er nicht einmal Fragen stellte – bis ich am Ende der Rede merkte, dass er eingeschlafen war … Wenn die Weltpolitik sich so entwickelte, dass Kinder ruhig schlafen könnten!!! „Barack Obama verkörpert die Hoffnung auf ein anderes Amerika“ heißt es am Umschlagtext des Buches. Das Wort „verkörpert“ ist nicht zutreffend – er „verseelt“ die Hoffnungen Amerikas und auch der ganzen Welt. Wie wird Amerika wählen?
Ich fürchte, in der Wahlzelle wird die Mehrheit doch gegen einen „Farbigen“ sein und es nicht wagen, ein anderes Schiff zu besteigen, um das neue Amerika zu entdecken. Wenn ja, dann setzen sie auf einen neuen Columbus, der Amerika sich selbst neu entdecken lässt. Und im weiten Seelenland ist noch mehr zu entdecken, als im Wilden Westen zu finden war. Der neue, andere Gold Rush könnte beginnen. Präsident oder nicht – Obama hat jetzt schon mehr bewegt und verändert als so mancher Präsident, und er wird auch weiter neues Bewusstsein und andere Einsichten wecken.
Dr. Werner Slupetzky
5741 Neukirchen am Großvenediger
werner.slupetzky@aon.at
  #3  
Ungelesen , 17:02
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Wo stünde die freie Welt ohne Bush?

So merkbar umsichtig Ihre Annäherungen an dieses Thema, die Notwendigkeit für eine vorangehende Führung in einer bzw. unserer multipolaren Welt, auch sein mögen, so unbedacht erscheinen mir bestimmte Folgerungen, die realpolitisch nicht schlüssig sein können. Wenn Sie etwa einem Sieg der Liberalen in den USA das Wort reden und sich davon eine größere Chance für „eine bessere Welt“ erwarten, so ist zu sagen: John McCain ist als republikanischer Nachfolger von George W. Bush logischerweise und realpolitisch überhaupt nicht wegzudenken, und er wird auch der Garant dafür sein, dass jenseits europäischer bzw. demokratischer Gegebenheiten zumindest der notwendigste Respekt aufrecht erhalten werden wird!
Am Beispiel Georgien ist für alle Anrainer- und sonstigen Staaten unmissverständlich ablesbar, was tatsächlich Sache sein mag, und wie es im Ernstfall für regionale Staaten sein würde: Hier braucht es ein wirklich überzeugendes Gegenüber, das tunlichst schon bisher als weltpolitisches Schwergewicht vorangegangen ist und auch überzeugend gepunktet hat – zum Nutzen, bitteschön, vieler, sehr vieler!
Bleiben wir doch realistisch: Wo wäre unsere heute freie, demokratische Welt ohne die Bushs & Co. geblieben? Wo, bitteschön – mit einem Europa, das den Vietnamkrieg in Indochina angezettelt hat, oder das einem Wahnsinnigen so lange Asyl gewährt hat, bis das damals westlich orientierte Regime in Persien gestürzt wurde und wir heute mit dem Iran eine Nahost- und Weltbedrohung gewärtigen, die eigentlich nach wie vor und ziemlich ausschließlich den USA als Problem überlassen bleibt?
Soll nicht heißen, Putin & Co. wären übel, ganz im Gegenteil, ich persönlich halte sie für den Bereich Russland für eine bewährte Konstellation, die allerdings immer auch das geeignete (welt-)politische Gegenüber benötigt – und Gleiches mag noch für andere Weltregionen gelten, wenn wir etwa Asien bzw. China betrachten. Wer einen Ausflug in die politische Vergangenheit unserer Gegenwart machen möchte und den Hauch menschlicher Gleichschaltung im Verständnis eines Stalin oder Hitler verspüren will, braucht bloß einen Erlebnisaufenthalt in Nordvietnam realisieren, so Derartiges touristisch möglich sein sollte.
Peter Lobos sen.
ulrike.lobos@chello.at

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  19:52:35 07.16.2005