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25/2013 - Selbstverständliches Konzil (Otto Friedrich)
  #1  
Alt 19.06.2013, 11:04
Selbstverständliches Konzil

Die ersten hundert Tage von Papst Franziskus waren von markanten Symbolen und Gesten geprägt. Und von einer ungeahnten Renaissance des II. Vatikanums.

Von
Otto Friedrich


Man kann den Blick auf die ersten hundert Tage des neuen Pontifikats zum Anlass nehmen, um nach den Konturen und Markierungen zu fragen, die an der katholischen Kirchenspitze nun sichtbar werden. Wer dem bloß die altbekannten Raster (kirchen)politischer Berichterstattung zugrunde legt, wird bei Papst Franziskus wenig Spektakuläres entdecken. Ob der Kirchenwind nun in Richtung konservativ oder progressiv wehe, wird oft gefragt, ist aber eben eine falsche Kategorisierung. Franziskus hat bislang keine von seinem Vorgänger abweichende Positionierung erkennen lassen, was jene Themen betrifft, bei denen von den Liberalen Änderungen sehnsüchtig erwartet werden: Geschiedene Wiederverheiratete dürfen – offiziell – nach wie vor ebenso wenig zur Kommunion gehen wie Priester heiraten können.
Dennoch sind es zurzeit die sehr Konservativen, die vom neuen Pontifikat irritiert scheinen: Diese Parteiung pflegte sich bislang ja als besonders papsttreu zu gerieren, aber man weiß, dass die Papsttreue allzu schnell vergessen ist, wenn der Pontifex diesen Gruppierungen nicht nach dem Mund redet. Man darf gespannt sein, wie das konservative Lager sich mit Franziskus in Zukunft tun wird.

Revolutionierte Symbolpolitik

Das, was zu diesem Papst bislang gesagt werden kann, betrifft vor allem die Symbolpolitik, die von Franziskus geradezu revolutioniert wurde und ebenso gekonnt wie bewusst eingesetzt erscheint. Das beginnt mit der Namenswahl und dem einfachen Stil, den Franziskus auch seiner neuen Position abzutrotzen sucht: Er macht keinerlei Anstalten, aus dem vatikanischen Gästehaus auszuziehen, in dem er schon beim Konklave gewohnt hat. Auch dass er jugendlichen Straftätern am Gründonnerstag die Füße gewaschen hat – darunter auch einer jungen Muslima – wird Spuren hinterlassen. Und dass er versucht, wie ein einfacher Priester Gottesdienst zu feiern und zu predigen, ohne dass jedes Wort dabei gleich als eine lehramtliche päpstliche Aussage zu verstehen ist, weist ebenfalls in die*se Richtung. Dass umgekehrt aus den Predigten der Morgengottesdienste sowie verschiedenen Privataudienzen Aussagen und Positionen berichtet werden, die die kirchendiplomatische Correctness nicht im Blick haben, ist die Kehrseite davon.

Das Ende der Restauration?

Zurzeit kann die staunende Öffentlichkeit beobachten, wie die starre Institution Vatikan und der neue Pontifex, der ja schon bei seinem ersten Auftritt den hermelingesäumten roten Umhang verweigert hat, miteinander ringen – der Ausgang ist offen. Aber dass Franziskus das byzantinische Hofgehabe, welches zum erbärmlichen Bild, das der Vatikan zuletzt bot, beitrug, zurechtstutzen möchte, ist evident. Man wünscht, dass der frische Wind anhält und nicht das Beharrungsvermögen einer noch so ehrwürdigen Institution siegt. Um das beurteilen zu können, sind die ersten wichtigen Personalentscheidungen dieses Papstes, die zurzeit noch ausstehen, von Bedeutung.
An Franziskus fällt jedenfalls auf, dass mit ihm ein Vertreter der Nachkonzilsgeneration an der Kirchenspitze steht. Die Selbstverständlichkeit, mit der er das II. Vatikanum als Ausgangspunkt heutiger Kirchlichkeit annimmt – und zwar ohne Wenn und Aber – ist beeindruckend. Unter Benedikt XVI. geriet das Konzil unter einen schiefen Blick; die Restaurationstendenzen waren unübersehbar. Mit einem Mal scheint es anders zu sein. Das ist eigentlich kein großer Fortschritt, sondern eine Selbstverständlichkeit. Dennoch darf und soll man froh sein, dass zumindest dieser gemeinsame Nenner des Katholischen vom neuen Pontifex außer Streit gestellt wird. Das mag Extremisten wie die Pius-Brüder nicht freuen. Für den normalen Katholiken gibt es endlich wieder Atemluft – und Hoffnung auf offene Diskussion, die zuletzt immer weniger möglich schien.
  #2  
Alt 26.06.2013, 06:31
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Registriert seit: 15.11.2007
Beiträge: 423
Kann die Franziskus-Begeisterung nicht teilen

Die Euphorie von Herrn Friedrich über Papst Franziskus kann ich nicht teilen. Dass der Papst sympathisch, weil volksnah und unkompliziert ist, ist eine Seite. Dass er bisher keinerlei inhaltliche Schritte gesetzt hat, ist – vielleicht noch verständlich nach erst 100 Tagen – die andere Seite. Aber nun wird es Zeit.
Die angebliche Selbstverständlichkeit, die er dem Zweiten Vatikanum nach Friedrichs Meinung beimessen soll, ist mir bisher nicht aufgefallen. Woran soll das feststellbar sein? Wunschdenken des sonst so scharfsichtigen Redakteurs!?
Dass für die Kurienreform eine achtköpfige Gruppe von Kardinälen zur Mitarbeit eingeladen wurde, ist ein Schritt in Richtung kollegiales Handeln, hat aber noch nichts mit der Konzilsaufforderung zu mehr Partizipation, Ortskirchlichkeit oder Laienmitverantwortung zu tun. Sieht man sich diese Kardinäle näher an, so sind es nicht gerade jene, die für eine Öffnung stehen. Die Kurie braucht nicht nur neue Köpfe, sie benötigt eine radikale inhaltliche Umstrukturierung, das wird mit diesen Kardinälen kaum zu machen sein.
Wenn es nicht gelingt, die Kirche in die Themen der globalen Entwicklung hinein zu führen – Menschenrechte, Gender (dazu zählt auch die Beteiligung von Frauen in kirchlicher Leitung; die Kurienreform wäre da eine Chance, immerhin haben diese Gremien keine Jurisdiktion, sodass vom Leiter über Sekretär und Untersekretär Laien und besonders Frauen einzubeziehen wären), Umgang mit Pluralität (der nicht nur zwischen Laisser-faire und Angst pendelt), Umgang mit Säkularität (der nicht nur den Schulterschluss mit den Weltfeinden in Orthodoxie und Islam sucht), Ethik in Sachen weltweite Finanzen, Migration, Gerechtigkeit, Ökologie und vieles mehr – wenn Franziskus also nicht aufbricht, um sich in diesen Auseinandersetzungen angstfrei und konstruktiv zu beteiligen, dann bleibt alles beim Alten, und das Konzil erfährt keinen neuen Rückenwind.
Auch die heißen Eisen des kirchlichen Lebens selbst – Übersetzungen liturgischer Bücher, Zwangszölibat statt eines freiwilligen etc. – stehen an. Jede und jeder weiß das. Der lächelnde Franziskus, der so gerne umarmt und segnet, wird durch die vielen wenig kompetenten Interviews mit seinen Ordensbrüdern, den Jesuiten in nah und fern, nicht inhaltsreicher.
Dass ein Jesuit – wie jüngst in der „Orientierung“ wieder einmal – die päpstliche Amtsführung eher sachunkundig kommentiert, nur einfach weil er auch Jesuit ist, wird zur zunehmend peinlichen Selbstdarstellung eines Ordens, der in Österreich laufend abbaut, beliebte Häuser in einsamen Entscheidungen schließt und im Wesentlichen nach bezahlten Posten für seine Mitglieder Ausschau hält. Peinlich auch deshalb, weil die Symbolhandlungen des Papstes beim jesuitischen Fußvolk in unseren Landen keinen Widerhall finden (der Rückzug aus der Katholischen Sozialakademie sei nur exemplarisch für die inhaltliche Verengung genannt).
Dass Franziskus aus Lateinamerika kommt, wirkt sich selbstverständlich auf die kulturelle Prägung, die er mitbringt, aus, ebenso selbstverständlich auf seine Interessen, eben jene, die dort vorrangig relevant sind. Ein Programm ist das aber noch nicht.
Wir können zwei Dinge tun: für ihn beten, wie er es sich wünscht. Vor allem aber auch Kanäle der Partizipation suchen, um zur Meinungsbildung bei ihm und in der Öffentlichkeit beizutragen.
Claire Müller
  #3  
Alt 26.06.2013, 06:34
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Registriert seit: 15.11.2007
Beiträge: 423
Benedikt – Franziskus: Bitte beiden genau zuhören!

Mir bleibt schleierhaft, warum das berechtigte Lob für Papst Franziskus immer mit einem Einschlagen auf Papst Benedikt verbunden sein muss. Es wird innerkatholisch immer versucht einen Bruch heraufzubeschwören, der nicht vorhanden ist. Das war schon beim Konzil so und wird nun wieder versucht. Der Versuch das Konzil den Menschen als Kontinuität aufzuzeigen wird Papst Benedikt mittlerweile als vorkonziliar angekreidet. Benedikt und Franziskus sind zwei völlig unterschiedliche Charaktere: Benedikt ein brillanter Theologe, der mit einer tiefsinnigen Theologie versucht wieder zu den Wurzeln des christlichen Glaubens zurückzukehren; Franziskus einer, der diese Theologie mit seiner Volksnähe und seiner einfachen Sprache den Menschen näher bringt. Es scheint nur leider so, dass beiden nicht zugehört wird. Man ist fixiert auf diverse Kleidungsstücke und Äußerlichkeiten und vergisst das Wesentliche. Hören wir doch endlich hin und hören wir auf Gräben noch zu vertiefen.
Zur Kritik an der Liturgie möchte ich den hl. Franz von Assisi aus einem Brief zitieren: „Die Kelche, die Korporalien, den Altarschmuck und alles, was zum eucharistischen Opfer in Beziehung steht, sollen sie in kostbarer Ausführung haben.“
Florian Bauchinger

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