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30/2013 - Gefährliche Courage
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Ungelesen , 12:38
Gefährliche Courage

Rund um den NSA-Abhörskandal nehmen Whistleblower eine immer wichtigere Rolle als moderne Informanten ein.

Daniel Domscheit-Berg im Gespräch mit Julia Ortner

Die Furche: Wie wichtig sind Whistle*blower wirklich?
Daniel Domscheit-Berg: Whistle*blower sind extrem wichtig und werden mit fortschreitender Zeit auch immer wichtiger werden, denn sie stellen ein Fehlerkorrektiv dar. Sie sind ein Mechanismus der Gesellschaft, um Missstände zu erkennen und zu melden, damit diese diskutiert und behoben werden können. In komplexen Sys*temen, wie beispielsweise dem politischen System, ist Integrität wichtig – nur so kann es gut funktionieren.
Die Furche: Ist Whistleblowing überhaupt wirksam?
Domscheit-Berg: Die Diskussion um Whistleblower gibt es schon länger, allerdings kommt es gerade zu einem kulturellen Wandel, auch in Deutschland, wo man noch nicht einmal ein Wort dafür hat. Mit diesem kulturellen Wandel ändert sich, wie man das Whistle*blowing betrachtet und wie sehr wir es annehmen. Dem gegenüber steht die schnelllebige Zeit. Der Alltag ist heute geprägt von Echtzeitstress, weil in jeder Sekunde etwas passiert. Mit dieser Hektik fällt es dann zunehmend schwerer, sich zu orientieren. Einige Themen wie zum Beispiel Umwelt oder Wirtschaft sind komplex und deprimierend und dürfen trotzdem nicht vernachlässigt werden. Man darf sich nicht von spannenden und oberflächlichen Themen ablenken lassen, lieber sollte man sich auf wichtige Themen konzentrieren und dran bleiben – das ist eine Kompetenz, die man in Zukunft brauchen wird.
Die Furche: Wie wertvoll sind die Informationen, die durch Edward Snowden ans Tageslicht gekommen sind?
Domscheit-Berg: Für meine Generation wird das die wahrscheinlich wichtigste Information sein, die durch Whistleblowing an die Öffentlichkeit getragen wird. Vom Prinzip her ist es so, dass diese Enthüllung die Kernbereiche unserer Gesellschaft betrifft. Es geht nicht nur um den Umstand, was jemand überwacht, sondern darum, was jemand über mich persönlich weiß. Und es geht auch darum, was in Zukunft mit dem Werkzeug Internet möglich sein wird. Nur ein freies Internet kann die Grundlage von Kommunikation und Austausch sein. In dem Moment wo ein Medium eingeschränkt wird oder dessen Integrität gefährdet wird, pokern wir mit der Möglichkeit, unsere Zukunft gemeinsam zu gestalten.
Die Furche: Sind die Enthüllungen von Snowden vergleichbar mit jenen von WikiLeaks?
Domscheit-Berg: Es ist auf jeden Fall dadurch inspiriert worden. Der Verdienst von Wikileaks war es, einen kulturelle Wandel anzustoßen. Es ist nicht so, dass man aufgedeckte Informationen jetzt lieber hat als vorher, aber für jene Mensche, die Missstände wahrnehmen, hat es einen Anstoß gegeben. Durch WikiLeaks denken sie heute ganz anders darüber nach, ob sie mit ihren Informationen an die Öffentlichkeit gehen oder nicht. Nach der Festnahme von Bradley Manning (Anm.: Ehemaliges Mitglied der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, dem wegen des Verdachts, er hätte geheime Dokumente aus Armeedatenbanken an WikiLeaks weitergegeben, lebenslange Haft droht) gab es auch heiße Diskussionen darüber, ob das künftige Whistleblower abschrecken wird. Aber wie sich zeigte, war das nicht der Fall: Courage inspiriert andere. Es hat aber gezeigt, wo Fallstricke liegen und zukünftige Whistleblower können diese so vermeiden.
Die Furche: Journalisten können sich auf das Redaktionsgeheimnis berufen – Whistleblower sind aber weniger gut abgesichert. Wie können sie sich Schutz verschaffen?
Domscheit-Berg: Hier braucht es dringend eine ordentliche rechtliche Regulierung, nämlich ein Whistleblowerschutzgesetz. Das ist ganz wichtig für die Frage, wo wir denn eigentlich hin wollen. Was machen wir mit Menschen, die Zivilcourage zeigen? Nehmen wir sie in der Mitte der Gesellschaft auf und hören ihnen zu? Verstehen wir, dass wir diese Informationen brauchen, um damit sinnvolle Entscheidungen treffen zu können? Oder sagen wir, „alles ganz nett, aber schützen müssen sie sich schon über eine anonyme Website“? Ich finde das Konstrukt, dass sich ein Mensch technisch über eine Website schützen muss, komisch. Aber momentan, bis Rahmenbedingungen durch Gesetze geschaffen werden, ist es scheinbar notwendig.
Die Furche: Wie hat sich Ihr Leben durch WikiLeaks verändert?
Domscheit-Berg: Es hat sich dramatisch verändert. Ich war drei Jahre lang mit der wahrscheinlich spannendsten Sache der Welt beschäftigt. Ich habe dabei geholfen, etwas anzukurbeln, in einer Zeit, in der keiner an die Sache geglaubt hat. Abgesehen davon, dass wir Akten publiziert haben, haben wir auch den besagten kulturellen Wandel herbeigeführt.
Die Furche: Persönliche Einschränkungen, wie beipielsweise ständige Tarnung durch Wegwerfhandys und anderes, haben Sie nicht gestört?
Domscheit-Berg: Jeder, der investigativ arbeitet oder mit sensiblen Daten zu tun hat, verhält sich so ähnlich, das ist nichts Besonderes. In Zeiten der Vorratsdatenspeicherung ist das die einzige Möglichkeit, denn es gibt viele Softwares, die einen identifizieren können. Das ist auch das Gefährliche an dieser Sammelwut. Wenn jemand nur eine Perspektive auf bestimmte Daten hat, ist das nicht so dramatisch. Wenn jemand auf verschiedene Ebenen Zugriff hat, dann wird es gefährlich.
Die Furche: Worin genau besteht denn die Gefahr?
Domscheit-Berg: Jeder Mensch hat etwas zu verstecken. In dem Moment, wo jemand die eine private Sache von mir weiß, die ich nur für mich privat wissen möchte, bin ich erpressbar. Das kann natürlich ein hypothetisches Szenario sein. Aber beispielsweise wurden in der DDR auch Mitarbeiter erpresst, damit sie zur Stasi gehen. Die NSA ist auch so ein Organ, dessen einziges Ziel es ist, auf allen Ebenen, politisch, wirtschaftlich und auch privat, soviel Wissen anzuhäufen, dass man einen Vorteil gegenüber anderen hat. Wir befinden uns aber gerade im Wandel zu einer inklusiven Welt, in der das Internet ein grundlegender Mechanismus ist: Es gibt die Möglichkeit zu erkennen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und uns daher nicht gegenseitig ausgrenzen sollten. Diese Erkenntis bedroht bestehende Machtapparate, deshalb versucht beispielsweise die NSA, dieses System von gestern am Leben zu erhalten.
Die Furche: Ist es das überhaupt wert, sich einer Gefahr auszusetzen, um gewisse Informationen öffentlich zu machen?
Domscheit-Berg: Was wäre denn die Alternative? In Kauf zu nehmen, dass vielleicht andere Menschen Schäden davontragen? Man nimmt selbst einen Nachteil in Kauf, um solche Nachteile für andere abzuwenden. Ich finde, das ist eine sehr empathische und selbstlose Entscheidung.
Die Furche: Das klingt ein wenig so, als wären Whistleblower moderne Märtyrer ...
Domscheit-Berg: Das ist vielleicht ein wenig hoch gesteckt. Aber es ist ja nicht so, dass es nur um die NSA oder Geheimdienste geht, sondern auch um realitätsnahe Fälle. Zum Beispiel Brigitte Heinisch in Deutschland, die Missstände in Altenpflegeheimen aufgedeckt hat: Wenn man sieht, wie jemand am Bett fixiert wird, ohne ärztliche Anordnung, nur weil die Pflegekräfte fehlen. Oder wenn jemand bis zum Nachmittag in seinen eigenen Exkrementen liegen muss, bevor er gereinigt wird und der Chef das aber nicht hören will. Was macht man dann? Das Risiko, nicht wieder einen Job in dieser Branche zu finden, wie es bei ihr der Fall ist, ist die Konsequenz davon, dass man etwas wahrnimmt und nicht will, dass es einem selbst einmal so ergeht.
Die Furche: Noch einmal zurück zum aktuellen Fall: Wie denken Sie, wird es für Edward Snowden jetzt weitergehen?
Domscheit-Berg: Ich finde, es ist eine Riesenschande, dass er in Moskau festsitzt und keines der demokratischen Länder in Westeuropa ihn aufnimmt. Ich verstehe auch nicht, warum immer über Asyl geredet wird. Für mich wäre er ein Kronzeuge in einem Prozess, in dem es um den millionenfachen Bruch unserer Grundrechte geht. Er ist einer der wenigen Leute, die helfen können, das ganze aufzuklären. Die Diskussion um das Asyl ist auch ganz falsch aufgehängt, sie zeigt aber auch, dass es keinen politischen Willen gibt, das Thema richtig anzugehen, so wie es eigentlich konsequent wäre. Das ist beschämend und sagt einiges über den Zustand der Demokratie in Europa aus.


Daniel Domscheit-Berg ist ein deutscher Informatiker und war von 2007 bis 2010 bei der Enthüllungsplattform WikiLeaks tätig. Danach gründete er seine eigene Whistleblower-Plattform OpenLeaks Im Mai 2012 trat er der deutschen Piratenpartei bei.

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