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31/2013 - Das Leben ist ein Spiel
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Ungelesen , 11:57
Das Leben ist ein Spiel

Unsere verbissene Leistungsgesellschaft verdeutlicht die kulturkritische Diagnose, wonach im Lauf der Geschichte ein kollektives Spielverderbertum überhandgenommen hat.
Ein Plädoyer für mehr Leichtigkeit.


Von Martin Poltrum

Sommer, Sonne, Sand und Meer. Es stimmt, was Schiller einmal gesagt hat, der Mensch ist nur „da ganz Mensch, wo er spielt“ – die Urlaubs- und Reisezeit ist der ide*ale Zeitpunkt, dieses Diktum zu erproben. Das Leben soll wenigstens im Sommer etwas vom Geist der Freiheit und des Spiels atmen. Alles andere wäre zu mühsam und anstrengend. In der heißen Zeit soll alles leicht werden. Dass das Spiel nichts Oberflächliches und Unethisches ist, auch dann nicht, wenn man das ganze Leben als Spiel sieht, hat Hermann Hesse einmal treffend formuliert. „Gerade das ist es ja, das Leben, wenn es schön und glücklich ist, ein Spiel. Natürlich kann man auch alles andere aus ihm machen, eine Pflicht oder einen Krieg oder ein Gefängnis, aber es wird dadurch nicht schöner.“
Wem es gelingt, sein Leben spielerisch leicht zu leben, dem wird es gleichsam zum Fest. Man spielt dann die Hauptrolle und sitzt nicht im Zuschauerraum seiner eigenen Existenz. Das Spiel des Lebens und der Lauf der Dinge haben dann unter Umständen einen beispielgebenden Charakter für ein gelungenes Verhältnis zur Welt.

Spiel und Ernst

Ein Spiel ist nicht nur etwas Spielerisches. Im Gegenteil, ein Spiel funktioniert nur dann, wenn die Spieler ihr Tun ernst nehmen. Man denke an ein Fußball-, Karten- oder ein Spiel der Wahl. Wären diese Tätigkeiten wirklich Spiele und würden sie Spaß machen, ohne dass die Teilnehmer das Geschehen ernst nähmen? Wäre es dem Stürmer egal, ob er ein Tor schießt und für den Torwart unbedeutend, den Ball zu halten; wäre es dann ein richtiges Fußballmatch? Kein Mensch würde sich den Streit um das Leder ansehen, kämpften die 22 Spieler nicht, als ginge es um alles. Das Spiel besteht somit aus zwei Momenten: Erstens aus der strengen, ernsthaften Befolgung der Regeln und zweitens aus dem befreienden Genuss der dadurch ermöglichten Spielzüge.
Ins Grundsätzliche gewendet heißt es beim Philosophen Hans-Georg Gadamer dazu: „Das Spielen hat einen eigenen Wesensbezug zum Ernsten (…). Der Spielende weiß selber, dass das Spiel nur Spiel ist und in einer Welt steht, die durch den Ernst der Zwecke bestimmt wird (…). Nur dann erfüllt ja Spielen den Zweck, den es hat, wenn der Spielende im Spielen aufgeht. Nicht der aus dem Spiel herausweisende Bezug auf den Ernst, sondern nur der Ernst beim Spiel lässt das Spiel ganz Spiel sein. Wer das Spiel nicht ernst nimmt, ist ein Spielverderber.“ Über das Verhältnis von Ernst und Spiel ist viel gesagt worden. Festhalten lässt sich, dass viele Denker und Dichter darin übereinstimmen, dass es im Leben eine Balance zwischen Tiefsinn und Leichtsinn, zwischen Ernst und Spiel braucht. Goethe, der bei vielen Dingen oft den Mittelweg empfiehlt, meint, dass der Ausgleich zwischen Ernst und Spiel elementar sei. „Das Menschenleben ist aus Ernst und Spiel zusammengesetzt, und der Weiseste und Glücklichste verdient nur derjenige genannt zu werden, der sich zwischen beiden im Gleichgewicht zu bewegen versteht.“ Thomas von Aquin geht sogar so weit, dass er die nur ernsten Zeitgenossen als untugendhaft bezeichnet. Möglicherweise könnten wir von den Kindern hier einiges lernen.

Kinderspiele

Irgendwann mit zwölf, dreizehn oder vierzehn Jahren versickert die Fähigkeit zum Spielen. Die geliebten Puppen, Schlümpfe und Stofftiere sprechen nicht mehr. Das ist ein sehr trauriges Ereignis, das man als Kind zum Glück kaum bemerkt; maximal mit einem kleinen Stich in der Seele wird es zur Kenntnis genommen: Als Teenager ist das nicht schlimm, viele andere Dinge sind aufregend.
Die Zeit der Jugend, die sich zwischen der Abhängigkeit des Kindes und der Autonomie des Erwachsenen erstreckt, ist nicht nur die aufregende Zeit des ersten Mals: der erste Kuss, der erste Disco-Besuch, die erste Zigarette. Diese Phase des Übergangs zwischen sexueller Unreife und Reife, zwischen Ausbildung der geistigen Fähigkeiten und ihrer Entfaltung in der Arbeitswelt, zwischen Sturm und Drang ist auch eine Phase, in der enorm viel zu bewältigen ist. Man spricht nicht umsonst von diesem Abschnitt als der „Rushhour des Lebens“. In ein relativ kurzes Zeitfenster fallen die erste Partnerwahl, die erste Ausbildung und die erste berufliche Integration. Da bleibt keine Zeit, dem Schweigen der Puppen Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist auch gut so. Dennoch verändert sich von dieser Zeit an das Spiel. Jetzt wird es ernster, geht es doch darum, sich in der Welt einzurichten.
Das Kinderspiel ist anders als das Spiel der Erwachsenen, es hat einen anderen Ernst. Nicht, dass das Spiel des Kindes keinen Ernst hat, aber so wie sich das Spiel ändert, so ändert sich auch der Ernst. Wenn die Mutter das Kind ruft, es möge doch endlich zum Essen kommen und könne später ja wieder bei den Puppen verweilen, dann löst sich das Kind darum so schwer, weil es das Tun als Homo ludens so wichtig nimmt, so ernst wie der Erwachsene seine Arbeit, die er vor dem Essen noch erledigen möchte oder deretwegen er die Speise hinauszögert. Für das Kind ist alles Spiel, weil seine Welt und Wirklichkeit Spiel ist. Der Erwachsene unterscheidet zwischen Spiel und Wirklichkeit, wie Sigmund Freud treffend bemerkt hat. „Der Gegensatz zu Spiel ist nicht Ernst, sondern – Wirklichkeit.“

Dichter seines Lebens sein

Es gibt allerdings eine Spezies Erwachsener, die sich und denen die Gesellschaft erlaubt, aus ihrem spielenden Tun einen ernsthaften Beruf zu machen und die unselige Trennung von Wirklichkeit und Spiel zur Versöhnung zu bringen: Künstler und Dichter. Freud geht sogar so weit, dass er behauptet, „dass die Dichtung wie der Tagtraum Fortsetzung und Ersatz des einstigen kindlichen Spielens ist.“ Die Dichter haben es also geschafft, sich das Spiel zu bewahren, und wenn es an einer anderen Stelle heißt, dass wir ‚wie die Kinder werden sollen‘ oder dass ‚die Kinder an die Macht gehören‘, dann heißt das übersetzt, wir sollen alle Dichter werden. Eine Notwendigkeit, die Nietzsche in seiner Hellsichtigkeit klar sah: „Wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein, und im Kleinsten und Alltäglichsten zuerst!“ Das ist die Herausforderung. Nicht Büchnerpreisträger, nicht Bachmannpreisgewinner, nicht den Goethepreis einheimsen, wie Freud es tat, sondern Dichter sein im „Kleinsten und Alltäglichsten“. Allerdings, und das scheint ein großes Hemmnis zu sein, ist der Alltag von den meisten so eingerichtet, dass er eher Fantasie-narkotische Wirkungen hat. Darum brauchen wir die Dichter, die für sich die Fantasie als Existenznotwendigkeit entdeckt haben und uns daran teilhaben lassen. Auch wir, um es mit Schopenhauer zu sagen, die gewöhnliche „Fabrik Ware Mensch“, dürfen uns zeitweilig den inneren Bildern, Tänzen und bunt-nackten Erscheinungen mit einem Jauchzen überlassen. Wir lieben die Dichter, weil sie zeigen, dass es auch anders geht.

Spiel als Ursprung der Kultur

Überlegungen zum Thema Spiel wären unvollständig ohne Erwähnung von Johan Huizingas „Homo Ludens“, in dem die These entwickelt wird, dass alle Kultur ihren Ausgang im Ernst des Spiels nimmt. Blickt man in die Vergangenheit, sieht man, dass alle Kulturleistungen – Philosophie, Wissenschaft, Religion, Recht, Kunst, Medizin, sogar der Krieg, dieses Zeichen der Barbarei – ihren Ursprung im Spiel haben. Alles war am Beginn unserer Kultur verspielt und hat etwas vom Geist der Freiheit und der Luft des Spiels geatmet. Im Kampf der Gladiatoren, im archaischen Krieg waren Ritual, Zeremoniell und verspielte Ornamentik nicht wegzudenken, ja es ging sogar nie um die schnellste und effizienteste Tötungsart, sondern in Anbetracht des möglicherweise letzten Kampfes und angesichts des Todes hatten immer auch Spielelemente Bedeutung.
Das Leben und die Welt insgesamt wurden in vergangenen Zeiten als Spiel gedeutet. Wenn alles Spiel ist, dann ist auch die letzte Szene Schauspiel. Wer will schon im letzten Kampf eine schlechte Figur und eine verkrampfte Nummer abgeben? In der Philosophie, im sophistischen Feilschen und neckend liebenden Streit waren Sprach- und Wortspiele gleich wichtig wie geschliffene Argumente. Ohne Inspiration und geistreiche Einfälle keine Wissenschaft, ohne spielerische Leichtigkeit, Intuition und fließenden Ideenzustrom keine wesentlichen Entdeckungen. Ohne Kuss und Inspiration durch die Musen keine Dichtung, keine Kunst. Religion ohne Liturgie, verspielte Rituale, Tänze und Gesänge lockt keine Götter hinter dem Ofen hervor, das war der Vergangenheit klar. Ohne Zauber, Schamanismus und Wortmagie keine Medizin und Heilung.
Die Kultur, alle Kultur ist nach Huizinga aus dem Spiel entstanden und der Ernst der kulturstiftenden Spiele war der „heilige Ernst“. Doch leider habe sich die Balance zwischen Spiel und Ernst im Laufe der Geschichte, das ist die schlechte Nachricht, zugunsten des Ernstes verschoben und der Spielcharakter der Kultur und des Lebens hätte sich immer mehr verflüchtigt – ein Thema, das etwa der Wiener Philosoph Robert Pfaller in seinen zeitgenössischen Ausprägungen reflektiert. An die Stelle des Lustprinzips in der Kultur ist das Realitäts- und Leistungsprinzip getreten, und damit ein kollektives „Spielverderbertum“. Es wird alles viel zu ernst genommen. Das gehört geändert – zumindest in der Sommerzeit.


Der Autor ist Philosoph und Psychotherapeut in Wien

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