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31/2013 - Ene mene muh und was Spielst du?
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Ungelesen , 12:01
Ene mene muh und was Spielst du?

Menschen unterschiedlichster Länder haben eines gemeinsam: Gerne erinnern sie sich an die Spiele ihrer Kindheit. Aktuelle Projekte versuchen, alte Spiele und damit auch eine versunkene Spielkultur wiederzubeleben.

Von Sonja Fercher

Auf dem alten Schwarz-Weiß-Foto ist ein kleines Mädchen abgebildet, das auf dem Gehsteig ein Ballspiel spielt; im Hintergrund zu sehen ist ein einzelnes Auto, das aus dem Foto hinausfährt. Neben dem Mädchen ist der Ball in der Luft, sie klatscht gerade in die Hände.
Das Spiel, das dieses Mädchen spielt, nennt sich Zehnerln. Die Aufgabe besteht darin, den Ball erst zehn Mal an die Wand zu werfen, ohne dass er auf den Boden fällt. In den nächsten Runden muss man zwischen den Würfen zusätzliche Aufgaben erfüllen, dafür werden es weniger Würfe. In die Hände klatschen ist eine solche Aufgabe, in einer anderen Runde muss man den Ball hinter dem Körper vorbei gegen die Wand werfen oder sich einmal um die eigene Achse drehen. Dabei sind der Phantasie der Kinder keine Grenzen gesetzt.

Kindheit in Armut

Das Foto ist aus dem Fundus der Wiener Bezirksmuseen und ist ein Beispiel für Spiele von früher, die Ulli Fuchs vom Verein „Labor Alltagskultur“ wieder in die Gegenwart zurückholen möchte: „Wir wollen das Gemeinsame neu beleben. Wir wollen die Kinder, die immer mehr vor dem Computer sitzen oder alleine mit dem Handy spielen, wieder in ein Miteinander bekommen, auch zwischen den Generationen und den Kulturen“, erklärt Fuchs.
Für einen Aktionstag am Meidlinger Platzl hat der Verein unlängst eine Reihe von Spielutensilien zusammengetragen, um so Passanten anzulocken und vor allem den Menschen zu entlocken, welche Spiele sie in ihrer Kindheit gespielt haben, egal wo sie die*se verbracht haben. Es ist keine schwere Aufgabe, denn wer denkt nicht gerne an Spiele zurück, die man in der Kindheit gespielt hat, auch wenn diese vielleicht nicht unbeschwert war?
„Ich hatte eine wunderschöne Kindheit trotz der enormen Armut. Wir haben gehungert und gefroren, es waren schwere Zeiten“, erinnert sich eine 86-jährige Seniorin. Verbracht hat sie diese in Meidling: „Da gab es einen Großvater, der die Kinder eingesammelt hat und uns dann nach Schönbrunn gebracht hat.“ Gespielt wurde Fangen, Verstecken, Hüpfen, mit Schnüren Springen oder Reifentreiben. Sie wirft einen Blick auf den Tisch mit den Spielsachen und entdeckt noch ein anderes Spiel, das sich heute auch bei Erwachsenen noch großer Beliebtheit erfreut: Diavolo.
Eine Polin wiederum erzählt von einer Art Schnitzeljagd: „Das war ein Spiel, das an die Geospiele von heute erinnert, es war eine Mischung aus Koordinaten- und Versteckspiel. Dabei hat sich eine Person versteckt, und zwar oft auch zwei oder drei Kilometer entfernt. Die anderen haben so etwas wie eine Schatzkarte mit Pfeilen bekommen und mussten die Person finden.“ Mitunter dauerte dies denn auch länger: „Stundenlang manchmal und wir sind durch Wiesen und Wälder gewandert. Das war wunderschön!“ Eine Serbin beschreibt ein Spiel mit Murmeln, bei dem man Murmeln gewinnt, wenn man es schafft, sie „abzuschießen“. „Klickerer“ habe man das genannt, erinnert sie sich.
Ob der Reim nun „Ine ane u und raus bist du“ oder „Ene mene muh“ lautet: Verbreitet sind auch Abzählspiele wie dieses. Anmäuerln, Pfitschigogerln, Donner-Wetter-Blitz, Gummihupfen, Tempelhupfen, das Fadenspiel, Räuber und Gendarm oder Topfschlagen: Mindestens eines dieser Spiele hat wohl jeder früher einmal gespielt, wenn auch vielleicht unter anderen Namen – ganz abgesehen von den Spielen, die sich Kinder einfallen lassen, wenn sie in der Natur unterwegs sind und sich von dieser inspirieren lassen.
Natürlich sind Kinder auch immer wieder zu Streichen aufgelegt: „Obst und Gemüse aus dem Garten des Nachbarn zu stehlen, war das Schönste“, sagt ein Mann, der in der Türkei aufgewachsen ist. Dabei hätten sie oft mehr stiebitzt, als sie essen konnten – und sie hatten Glück, denn erwischt worden seien sie nie, sagt er lächelnd.
Weitaus weniger hingegen hätten sie Fußball und Basketball gespielt.
Eine Seniorin aus Meidling wiederum erinnert sich, dass bei ihnen Volleyball das beliebteste Spiel war: „Da gab es sogar zwei bis drei Mannschaften, so dass man nur abwechselnd spielen konnte.“

Alte Spiele neu entdeckt

Auch andere Einrichtungen versuchen, alte Spiele wiederzubeleben und wieder in die Pädagogik einfließen zu lassen, wie es auch das Ziel des „Labor Alltagskultur“ ist. Die Umweltberatung Nieder*österreich etwa hat eine Broschüre mit dem Titel „Alte Spiele – neu entdeckt“ herausgegeben, außerdem bietet sie Workshops für Kinder wie Erwachsene an. In der Steiermark bietet die Kunsthalle Leoben zum Kindergeburtstag einen Workshop unter dem Titel „Alte und neue Kinderspiele“ an. Und auch in anderen Bundesländern wird man fündig, wenn man im Internet nach den Schlagworten „Alte Spiele“ sucht.
Der Tenor überall: Das Leuchten in den Augen oder die roten Wangen lassen keinen Zweifel daran, wie bereichernd eine Reise in die versunkene Spiel-Kindheit für alle Beteiligten ist.

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  05:08:41 07.21.2005