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31/2013 - Pathologie des Spielens
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Ungelesen , 12:12
Pathologie des Spielens

Da Glücksspiel zur ruinösen Sucht werden kann, wird verantwortungsvolles Spielen großgeschrieben. Aufgrund steigender Spielmöglichkeiten steht die Prävention vor neuen Herausforderungen.

Von Martin Tauss

Mit Geldbeträgen wird in Österreich leidenschaftlich gern gespielt: Der Umsatz für Glücksspiele betrug im Vorjahr rund 14 Milliarden Euro, wie die Marktforscher Kreutzer, Fischer & Partner unlängst in ihrem jährlichen Branchenreport berichteten. Ungeachtet der Wirtschaftskrise sind die Spieleinsätze seit Jahren relativ stabil. Und das Glücksspiel bietet heute so viele Möglichkeiten wie nie zuvor: Neben etablierten Spielen wie Lotto, Casino oder Automaten hat sich ein boomender, großteils illegaler Markt für Online-Spiele herausgebildet. Da die Möglichkeiten zum Glücksspiel weltweit stark zugenommen haben, finden auch dessen Schattenseiten steigende Beachtung. Denn das Glücksspiel kann langfristig zu Verhaltensweisen führen, die in jeder Hinsicht ruinös sind – psychisch, sozial und finanziell. Wenn, wie der Psychiater Victor Emil von Gebsattel vor rund 50 Jahren bemerkte, „jede Richtung des menschlichen Interesses süchtig zu entarten vermag“, so gilt dies gerade auch für das Spiel: Unter den nicht an Drogenkonsum gebundenen Süchten ist die Glücksspielsucht bzw. das pathologische Spielen die am längs*ten bekannte und am meis*ten erforschte Sucht.
Die Unfähigkeit, dem Drang zum Glücksspiel zu widerstehen oder zumindest in Schranken zu halten, gilt als problematisches Spielen, eine Vorstufe der Spielsucht. Tatsächlich von Spielsucht Betroffene setzen ihr Verhalten selbst angesichts schwerwiegender Folgen für sich und ihre Familien fort – trotz hoher Geldverluste und des Risikos, ihre Arbeit oder ihren Partner zu verlieren. „Unter den Glücksspielen weisen Automaten in Spielsalons, Spielbanken und Internet-Poker das größte Sucht*risiko auf“, berichtet Aron Kampusch, Suchttherapeut am Anton Proksch Institut in Wien. Als Risikogruppen für Spielsucht gelten vor allem jüngere Männer mit geringer Bildung und niedrigem Einkommen, Arbeitslose sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Prävention ist wichtig, darin sind sich alle Beteiligten einig – Regelungen und Strategien stehen aber erst am Anfang.
Mit der Novelle zum Glücksspielgesetz im Jahr 2010 wurden in Österreich auch Maßnahmen zum Spielerschutz festgelegt. Dazu zählen etwa ein Zutrittssystem zur Feststellung der Identität sowie ein Warnsystem mit abgestuften Spielerschutzmaßnahmen und gegebenenfalls Sperren. „Bislang gelten die Sperren aber nur für den Bereich einzelner Glücksspielunternehmen“, so Dominik Batthyány, Spielsuchtexperte an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. „Hier wäre eine übergreifende Regelung mit österreichweiter Sperre wünschenswert.“ Präzise Werberichtlinien, die in Deutschland seit Februar bereits umgesetzt werden, fehlen in Österreich noch.

Kognitive Verzerrungen

Zum Spielerschutz zählen auch Schulungskonzepte für Mitarbeiter von Glücksspielbetreibern, die Kompetenz im Umgang mit pathologischen Spielern erwerben sollen. In Österreich gibt es bislang zwei Anbieter: Am Anton Proksch Institut in Wien, der größten Suchtklinik Europas, wurde vor drei Jahren ein Lehrgang zur Spielsuchtprävention ins Leben gerufen; und an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien wird im Herbst zum zweiten Mal der zertifizierte Lehrgang „Glücksspiel mit Verantwortung“ starten.
Ob die Anzeige der mathematisch ermittelten Gewinnausschüttungsquote zum Spielerschutz beiträgt, wie dies in der Gesetzesnovelle von 2010 vorgeschrieben ist, wird von Experten bezweifelt. Denn Spieler neigen zu kognitiven Verzerrungen wie externen Schuldzuweisungen oder magischem Denken hinsichtlich der Gewinnerwartung (siehe Interview): Automaten mit hoher Gewinnausschüttung etwa wird fortan eine geradezu wundersame Fähigkeit zugeschrieben, und manche pathologische Spieler nehmen große Wegstrecken und Wartezeiten in Kauf, um an ihren ausgewählten Automaten spielen zu können.
Auch der russische Schriftsteller Fjodor M. Dostojewsky, der seine Spielsucht im Roman „Der Spieler“ literarisch verarbeitete, glaubte felsenfest, ein Spielsystem entdeckt zu haben, mit dem er sicher gewinnen könne. Die irrationale Überzeugung, die geheimen Regeln des Glücksspiels zu durchschauen, findet sich nicht nur bei Dostojewski und folgenden Spielergenerationen, sondern wird von Spielbetreibern nach wie vor ausgenützt, um ihr Geschäft zu maximieren – ein Trugschluss, der verhängnisvoll sein kann. „Allfällige Gewinne sind immer ein Produkt des Zufalls und haben nichts mit Ihrer Glückssocke oder der Sternenkonstellation zu tun“, betont der Suchttherapeut Kampusch.

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