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32/2013 - Eine Welt vielfacher Modernitäten
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Ungelesen , 09:39
Eine Welt vielfacher Modernitäten

Die neuen Denkerinnen und Denker des Islam – jenseits einer verhärteten religiösen Orthodoxie, aber auch jenseits einer bloßen Nachahmung des Westens.

Von Ernst Fürlinger

Die mediale Wahrnehmung des Islam ist seit Jahrzehnten von den lauten politischen Phänomenen geprägt – seien es die Konflikte zwischen säkularen Teilen der Gesellschaft und den islamistischen Parteien in verschiedenen Ländern (wie zurzeit in Ägypten), der Islam als Staatsideologie (wie im Iran) oder die Aktivitäten extremistischer Gruppen, die sich bei Gewalt auf die Religion berufen (wie in Nigeria). Dadurch entwickelt sich die Tendenz, den Islam mit Politik, Ideologie, Identität zu identifizieren, mit einer erstarrten, vergangenheits- und juristisch orientierten Religion und einem veräußerlichten Ritualismus, und nicht mit seiner ethischen und spirituellen Dimension und seinem kulturellen Reichtum als einer der bedeutenden Zivilisationen. Im Kontext globaler Konflikte wird das Thema „Islam“ Gegenstand starker Polarisierungen – zwischen dem Pol der polemischen Verachtung des Islam als Gewalt*ideologie und dem Pol einer Beschönigung tiefgreifender Probleme innerhalb der islamischen Religion und Welt. Eine ausgeglichene Betrachtung wird das verzerrte Islambild des Westens kritisieren, aber gleichzeitig den drängenden Reformbedarf des islamischen Denkens feststellen.

19. Jahrhundert: Islamischer Reformismus

Diese Reform des Islam ist das Anliegen von neuen Denkern und Denkerinnen des Islam in verschiedenen Ländern. Ihnen geht es nicht bloß um die Kritik an einzelnen Fehlentwicklungen im Islam, um eine Anpassung an die westliche Moderne, aber auch nicht um eine radikale Infragestellung der Religion an sich. Ihr Anliegen ist vielmehr eine tiefgreifende Erneuerung der Religion von innen her, aus den Quellen der Ethik und Spiritualität des Islam, und ihre Befreiung aus der Instrumentalisierung durch die Politik. Der Angelpunkt ist die Auseinandersetzung mit Koran und Tradition mit den Mitteln moderner wissenschaftlicher Kritik. Diese Reformdenker erhalten weit weniger öffentliche Aufmerksamkeit als die spektakulären negativen Ereignisse im Zusammenhang mit dem Islam – ihre geistigen Anstöße sind aber für die Zukunft des Islam von größter Bedeutung.
Reformversuche in Richtung einer Erneuerung des Islam reichen bis in das 18. Jahrhundert zurück. Damals entstand beispielsweise die salafistische Bewegung der Wahhabiyya, die die Rückkehr zu den „reinen Ursprüngen“ der islamischen Frühzeit vertritt und das Konstrukt einer „Reinform“ des Islam propagiert. Diese Richtung wird seit fast 100 Jahren von der saudiarabischen Monarchie vertreten und mit hohem Kapitaleinsatz weltweit verbreitet.
Gegen diese traditionalistische, äußerst reaktionäre Richtung steht die modernis*tische Linie einer islamischen Reform, der „islamische Reformismus“ im 19. Jahrhundert, der vor allem mit dem persischen Publizisten und panislamischen Aktivisten Jamal ad-Din Afghani (1838–97), seinem Anhänger in Ägypten Muhammad Abduh (1849–1905) und dessen syrischen Schüler Rashid Rida (1865–1935) verbunden war. Im Gegensatz zum Wahhabismus handelte es sich um eine liberal orientierte Reformrichtung, die sich vor dem Hintergrund der Kolonialisierung den wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften des Wes*tens bewusst öffnete, sodass die islamische Welt in der Konkurrenz mit Europa wieder mithalten könnte. Für Abduh, den späteren ägyptischen Großmufti und Rektor der al-Azhar-Universität, besteht kein Widerspruch zwischen dem Islam und der kritischen Vernunft, vielmehr fordern Koran und Sunna die Anwendung der menschlichen Vernunft. In Österreich wurde diese innerislamische Reformlinie vom bosnischen Gelehrten Smail Bali´c vertreten, einem der Gründer des „Moslemischen Sozialdienstes“, der Vorgängerorganisation der „Islamischen Glaubensgemeinschaft“, der sich in seinen Vorträgen immer wieder auf das Werk von Abduh bezog. Der Ansatz des islamischen Modernismus war in der maßgeblichen Institution des österreichischen Islam präsent, bis es Ende der 1970er Jahre zu einem Wechsel in der Führung des „Sozialdienstes“ und in der Ausrichtung kam.
Die neuen Denkerinnen und Denker des Islam stehen heute im Kontext von Globalisierung, Digitalisierung und den damit verbundenen tiefgreifenden Veränderungen der Wissensgesellschaft vor weit radikaleren Herausforderungen als noch die Gründer der modernen islamischen Reform im 19. Jahrhundert. Sie setzen heute einer ängstlichen, rückwärtsgewandten, illiberalen, sich traditionalistisch einkapselnden und antiwestlichen Reaktion von Muslimen auf Modernisierung, Globalisierung und die anhaltende Dominanz des Westens eine liberale, offene Alternative entgegen. Es geht ihnen ums intellektuelle Projekt einer islamischen Moderne als Teil der „vielfachen Modernitäten“ (Shmuel N. Eisenstadt) – jenseits einer verhärteten religiösen Orthodoxie, aber auch einer bloßen Nachahmung des Westens.

Intellektuelles Projekt: Islamische Moderne

Kürzlich sind Bücher des französischen Islamwissenschaftlers Rachid Benzine und der in Hamburg lehrenden Islamwissenschaftlerin und Politologin Katajun Amirpur erschienen, die eine Auswahl dieser gegenwärtigen Reformdenker(innen) im Islam vorstellen und ihre Ansätze einem breiten Publikum zugänglich machen. Zu den intellektuellen Persönlichkeiten und ihrem Werk, die in aufschlussreichen Porträts dargestellt werden, zählen u.a. der iranische Gelehrte Abdolkarim Soroush, einer der bedeutendsten zeitgenössischen muslimischer Denker, der 2010 verstorbene, an der Pariser Sorbonne tätige Islamwissenschaftler Mohammed Arkoun, und der aus Pakistan stammende Gelehrte Fazlur Rahman (1919–88), der weltweit viele Islamwissenschaftler und muslimische Theologen prägte, u.a. den ehemaligen Reis-ul-Ulema von Bosnien Mustafa Ceri´c, der 1987 bei Rahman promovierte und in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Stimmen eines in Europa kontextualisierten, dialogoffenen Islam wurde („Deklaration europäischer Muslime“ von 2006). Ein bedeutender Reformdenker, der in beiden Büchern behandelt wird, ist der ägyptische Koran- und Literaturwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid (1943–2010), der den Koran als Gotteswort, aber als Gotteswort im Menschenwort, also als Text betrachtete, der in einem historischen Kontext steht, für Interpretation immer offen ist und mit modernen literaturwissenschaftlichen Methoden analysiert werden soll.
Während das Buch von Benzine nur männliche Gelehrte ausführlich vorstellt, behandelt Amirpur auch bedeutende Denkerinnen wie die US-amerikanische Koranwissenschaftlerin und Feministin Amina Wadud, die 2005 als Frau ein Freitagsgebet leitete und damit kontroverse Debatten auslöste, sowie die aus Pakistan stammende und ebenfalls in den USA tätige Wissen schaftlerin Asma Barlas, die mit ihrer Arbeit zur Koranhermeneutik und zu Genderfragen die patriarchale Tradition der Koraninterpretation einer kritischen Analyse unterzieht. Als Defizit beider Bücher könnte man ansehen, dass einzelne intellektuelle „Superstars“ behandelt werden, aber nicht die vielen progressiven muslimischen Organisationen und Netzwerke in der islamischen Welt, wie z.B. die NGO „Internatio*nal Center for Islam and Pluralism (ICIP)“ in Indonesien, das „Liberal Islam Network“
(http://islamlib.com/en) oder das „International Movement for a Just World” von Chandra Muzaffar in Malaysia – die globale Bewegung progressiver Muslime, die sich in verschiedenen Ländern als islamische befreiungstheologische Kraft versteht und sich langsam zu vernetzen beginnt (s. Omid Safi, Progressive Muslims, 2003).
Beide Bücher geben einen faszinierenden Einblick in einen Strang der intellektuellen Auseinandersetzung über die Rolle und Stellung von Religion in der modernen Welt, die nicht nur für Muslime und am Islam Interessierte relevant ist: Es geht um die Spannung zwischen einem Glauben im Modus des Besitzens, der Sicherheit, der absoluten Wahrheit und einem rational verantwortbaren Glauben im Modus des Suchens nach der Wahrheit, der Offenheit und Freiheit.


Der Autor, kath. Theologe u. Religionswissenschaftler, leitet das Zentrum Religion u. Globalisierung an der Donau-Uni Krems

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  00:57:29 07.18.2005