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32/2013 - Scharia ist der Weg des Herzens zu Gott
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Ungelesen , 09:44
Scharia ist der Weg des Herzens zu Gott

Muslime wie Nichtmuslime nehmen die Scharia als juristisches Werk wahr – mit Gesetzen, Befehlen, Geboten und Verboten. Dahinter verbirgt sich jedoch ein missverstandener Gott.

Von Mouhanad Khorchide

Über kaum einen Begriff wird so kontrovers diskutiert, wie über die „Scharia“. Während die meisten Muslime darunter das göttliche Gesetz verstehen, assoziieren viele Nichtmuslime sie mit menschenfeindlichen Aspekten, wie Frauendiskriminierung, Körperstrafen, oder Intoleranz gegenüber anderen. Auffällig ist, dass Muslime wie Nichtmuslime Scharia als juristisches Werk wahrnehmen. Es geht um Gesetze, um Gebote und Verbote.
„Scharia“ bedeutet im Arabischen „Der Weg zur Quelle“. Auf den Islam übertragen ist Scharia der Weg zu Gott, denn Gott ist die „Quelle“, er ist der Anfang und das Ende, „von ihm kommen wir und zu ihm kehren wir zurück“ (Koran 2:156). Welcher Weg führt aber zu Gott? Ist er wirklich ein juris-tischer Weg? Wird der Weg, den Gott für den Menschen vorgesehen hat, um in seine Gemeinschaft zu kommen, über juristische Kategorien bestimmt? Wird die Gott-Mensch-Beziehung im Islam über diesen Weg bestimmt?

Es geht um das Wohl des Menschen

Die Antwort auf diese Fragen hängt von der Gottesvorstellung und der Vorstellung der Gott-Mensch-Beziehung ab. In meinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ (vgl. FURCHE 49/2012) unterscheide ich zwischen zwei Verständnissen der Gott-Mensch-Beziehung. 
Im ersten Fall nimmt man Gott als restriktiven Befehlshaber wahr, der lediglich Gehorsam verlangt, weil es ihm darum geht, dass sich die Menschen ihm bedingungslos unterwerfen. Gott würde in diesem Fall nach Sklaven suchen, die nur Befehle ausführen. Oder man nimmt Gott als vollkommen wahr; als Gott, dem es keineswegs um sich selbst geht, dem es keineswegs darum geht, verherr-licht zu werden; als barmherzigen, liebenden Gott, dem es darum geht, seine Liebe zu teilen und die Menschen in seine ewige Barmherzigkeit aufzunehmen: „Wenn ihr euch abwendet, dann wird Gott Menschen bringen, die er liebt und die ihn lieben“ (Koran 5:54).
Entlang dieser beiden Modelle unterscheiden sich zwei Auffassungen von Scharia: 1. Die Gott-Mensch-Beziehung verstanden als Beziehung zwischen einem Befehlshaber und Befehlsempfänger, die ein Verständnis von Scharia als Ansammlung an Gesetzen/Befehlen impliziert, welche dem Menschen von außen aufgesetzt wird und unhinterfragt befolgt werden muss, sonst droht die göttliche Strafe. Der Mensch wird hier angehalten, Befehlen zu folgen, um dadurch auf die Gnade Gottes zu hoffen. 2. Die Gott-Mensch-Beziehung, verstanden als Liebes- und Vertrauensbeziehung, impliziert hingegen ein Verständnis von Scharia als Weg zu Gott, und das ist der Weg des Herzens, der wiederum durch eine gerechte Gesellschaftsordnung begünstigt wird. Das reine Herz leistet seinerseits einen Beitrag zur Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung.
In dieser dialogischen Gott-Mensch-Beziehung wird die Dualität: Was will Gott, was will der Mensch? aufgehoben. Denn Gott will alles, was dem Menschen gut tut, also was menschliche Vernunft selbst für sich will. Scharia ist demnach ein dynamisches Modell, das neben dem Weg des Herzens zu Gott, das Prinzip Gerechtigkeit beschreibt, welches nur dann verwirklicht wird, wenn weitere Prinzipien, wie Unantastbarkeit menschliche Würde, Freiheit, Gleichheit und soziale Verantwortlichkeit, garantiert werden. Scharia, so verstanden, macht jedoch keine konkreten juristischen Vorgaben, wie diese Prinzipien verwirklicht werden, denn auch Gott „reagiert“ auf die Dynamik seiner Schöpfung entsprechend dynamisch: „Ihn bittet, wer in den Himmeln und auf der Erde. Jeden Tag ist er in einer anderen Angelegenheit“ (Koran 55:29). Ich gehe von einer dialogischen Gott-Mensch-Beziehung aus. In dieser stellt sich nicht die Frage, was Gott für sich selbst will, sondern was Gott für den Menschen will. Es geht also um den Menschen, um seine Vervollkommnung und letztlich um seine Glückseligkeit im Diesseits und im Jenseits, um seine Gemeinschaft mit Gott.
Meine These in diesem Zusammenhang lautet: Nicht der juristische Weg bringt uns Menschen in die Gottes-gemeinschaft, sondern der ethische und spirituelle. Damit will ich keineswegs die islamischen Gebote und Verbote über Bord werfen, ich sehe die-se aber auch nicht als Selbstzweck an, sondern sie sollen im weitesten Sinne der Glückseligkeit des Menschen im Diesseits und Jenseits dienen. Dies impliziert, dass jeder Weg und jede Handlung, die der Glückseligkeit des Menschen dient, eine von Gott willkommene Bereicherung ist, auch wenn diese nicht im Koran, oder in der prophetischen Tradition (Sunna) explizit beschrieben wird bzw. wenn sie gar in scheinbarem Widerspruch zu einem wort-wörtlichen Verständnis dieser Texte steht, aber auch wenn sie nicht die Überschrift „isla-misch“ trägt. Dies betonte der Prophet Muhammad in seinem Ausspruch: „Was die Men-schen für gut halten, hält auch Gott für gut“.

Individueller und kollektiver Auftrag

Der Koran spricht zwei Aspekte als Sinn der Verkündigung durch die Propheten an: einen individuellen, der auf die Läuterung des Inneren des Menschen zielt und einen kollektiven, der auf die Herstellung von Gerechtigkeit und somit auf eine gerechte Gesellschaftsordnung zielt.
Der Koran stellt den Auftrag an den Menschen, sich selbst zu läutern: „Glückselig ist, wer seine Seele reinigt, unselig aber, wer sie verkommen lässt“ (Koran 91:7–10). Dieser Auftrag kann nur vom Menschen selbst erfüllt werden, keiner kann dem Anderen diese Aufgabe abnehmen. Der Islam macht auf diesen Prozess aufmerksam, erinnert den Menschen an den Auftrag der Selbstläuterung, schafft auch religiöse Medien und Anlässe, um in sich hineinzugehen, wie das Gebet, das Fasten, die Pilgerfahrt, das freie Gespräch mit Gott, gibt jedoch keine konkreten Rezepte, wie jedes Individuum sich selbst läutern soll, denn jeder Mensch hat seine individuellen Stärken und Schwächen und kann diese am besten selbst erkennen. Das Herz ist deshalb Ziel religiöser Verkündigung, weil es einerseits das Medium ist, das mit Gott kommuniziert und in seine Gemeinschaft zurückkehrt: „An dem Tag werden weder Geld noch Kinder helfen, erfolgreich sein wird der, der mit einem gesunden Herzen zu Gott kommt“ (Koran 26:88f); andererseits, weil es der Schauplatz der Austragung von Normenkonflikten, der Suche nach dem rechten Weg, der „richtigen“ Entscheidung und des Handelns ist.
Neben dem individuellen Aspekt spricht der Koran die Gesellschaft als Kollektiv an und erinnert an deren Auftrag, eine gerechte Gesellschaftsordnung herzustellen: „Aus euch soll eine Gemeinschaft entstehen, die zum Guten ruft und gebietet, was Recht und verbietet, was Unrecht ist“ (Koran 3:104). 
Wie jedoch eine gerechte Gesellschaftsordnung zu etablieren ist, dazu führt der Koran ebenfalls keine konkreten Rezepte an, denn Gesellschaften sind im stetigen Wandel.
Je nach Kontext sind andere Instrumente und juristische Maßnahmen notwendig, um die göttliche Intention nach gerechter Gesellschaftsordnung verwirklichen zu können. Würde es ein kontextunabhängiges allgemeingültiges überzeitliches Rezept geben, wie eine gerechte Gesellschaftsordnung zu gewährleisten wäre, hätte Gott dieses Rezept gleich von Beginn der Schöpfung an verkündet, der Koran sagt allerdings: „Für jeden von euch haben wir Richtung und Weg bestimmt“ (Koran 5:48), unterstreicht jedoch gleichzeitig am Anfang dieses Verses, dass es sich bei der koranischen Botschaft um dieselbe inhaltliche Botschaft handelt, wie sie in früheren Schriften und Verkündigungen zu finden ist. Der Wandel juristischer Maßnahmen zur Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung steht also keineswegs im Widerspruch zum Selbstverständnis der koranischen Botschaft. Dass jede prophetische Sendung dieselbe inhaltliche Botschaft verkündet, jedoch einen anderen Weg (arabisch: Schir‘a) zur Verwirklichung dieser beschrieben hat, bezeugt die Notwendigkeit eines dynamischen Verständnisses religiö-ser Botschaften und zwar gerade dort, wo es um Aspekte des Lebens geht, die dem gesellschaftlichen Wandel unterlegen sind, wie eben die Gesellschaftsordnung. Dies wiederum setzt ein dialogisches Verständnis der Gott-Mensch-Beziehung voraus, in der es Gott ums Wohlergehen des Menschen und nicht um sich selbst geht.


Der Autor leitet das Zentrum für 
Islamische Theologie an der Uni Münster

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