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32/2013 - Leben mit anderen kulturellen Codes
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Ungelesen , 09:52
Leben mit anderen kulturellen Codes

Das säkular geprägte Europa tut sich mit seinen Muslim(inn)en nach wie vor schwer. Diese müssen darüber nachdenken, wie sie ihren Glauben hier kreativ leben können.

Das Gespräch führte Ursula Baatz

Die türkische Soziologin Nilüfer Göle lehrt seit 2001 in Paris. Sie ist eine führende Sozialwissenschafterin im Feld Islam-Säkularismus-Genderforschung. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt „Anverwandlungen – der Islam in Europa zwischen Kopftuchverbot und Extremismus“ (2008).

Die Furche: Im öffentlichen Raum kommt es häufig zu Konflikten zwischen den „Eingesessenen“ und
den „Anderen“. Warum?
Nilüfer Göle: Im öffentlichen Raum werden Differenz und Nähe geteilt. Es geht darum, den „Anderen“ Raum zu geben. Im Kolonialismus trennte man Weiße und Schwarze, es gab ein regelrechtes Management der Differenzen und die exotische Repräsentation der „Anderen“. Nun betreten Muslime als Migranten die Räume der Europäer. Als Arbeiter blieben sie an den Rändern, in der industriellen Zone. Doch als die „Anderen“ aufhörten, nur Gastarbeiter zu sein und ihre Rechte verlangten – z.B. einen Sitzplatz in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Gleichheit als Bürger –, rief das Ablehnung hervor. Wenn eine Frau mit Kopftuch im Museum putzt, stört das nicht, aber wenn sie mit Kopftuch das Museum besucht, dann stört das. Ich nenne das räumliche Transgression.
Die Furche: Seit wann spielt „das Kopftuch“ eine so dominante Rolle?
Göle: Die Gastarbeiter waren mehrheitlich Industriearbeiter und Singles. Später kamen dann Frauen und Kinder nach. In Frankreich sprach man damals von „arabischen Burschen“, die herumhingen und kriminell wurden. Bei den Türken gab es dann das Kopftuch als ethnischen Marker, und dadurch wurde die Migration „muslimisch“ und zugleich „feminin“, ein eigenartiges Paradox. In Frankreich kamen Anfang der 1990er Jahre zwei Mädchen mit Kopftuch in die Schule. Zunächst regelte man das auf lokaler Basis, doch da Frankreich sehr zentralisiert ist, gibt es nun zwei Gesetze gegen „muslimische Symbole an öffentlichen Schulen“ und ein weiteres gegen die volle Verhüllung auf der Straße. Das betrifft nicht nur Muslime, sondern die ganze Gesellschaft, denn hier verlangen staatliche Gesetze Konformität.
Die Furche: Gibt es feministische Muslimas?
Göle: Was den Feminismus so stark machte, war, dass eine Minorität von Frauen nicht konform ging mit den Rollenmodellen, die ihnen die Männer zudachten, und sie haben damit einen Raum neuer Lebensstrategien eröffnet. Heute machen religiöse Frauen dasselbe: sie sind aktive Minoritäten, nicht konform mit dem Modell der säkularen Feministinnen, aber meistens auch nicht konform mit dem religiös orthodoxen Modell.
Die Furche: Unterdrückt die Verschleierung die muslimischen Frauen?
Göle: Die Frauenbefreiung war verbunden mit der Befreiung unserer Körper, aber nun sind wir wie besessen von einem Kult des Körpers. Wir wollten plural und heterogen sein, doch es gibt einen Trend zur Uniformität: man muss fit sein, der Körper ist die Identität. Viele Frauen, die konvertieren, sind sich dessen bewusst. Sie wollen nicht mit ihrem Körper identifiziert werden. Ihre Verhüllung ist eine Art von Schild. Emanzipation bedeutet heute Nacktheit – das ist auf eine gewisse Weise barbarisch. Wir müssen privater werden, unsere Körper schützen.
Die Furche: Erstarkt der Islam in der Türkei?
Göle: Es gibt eine starke soziale Aufwärts-Mobilität in der Türkei. Das sind nicht mehr die bescheidenen, von den säkularen Eliten verachteten Muslime. Es gibt muslimische Intellektuelle, eine islamische Bourgeoisie, eine islamische Mode. Ein muslimischer Hintergrund hilft heute, um zur Elite zu gehören, weil diese Personen kulturelles Kapital besitzen: sie können den Koran rezitieren und zugleich über Globalisierung, Öffentlichkeit, Feminismus diskutieren, mit Bezug auf islamische Quellen. Und es gibt neue Formen der Kritik: Muslime nennen islamische Kapitalisten „Kapitalisten mit Gebet“.
Die Furche: Und die Musliminnen in Europa?
Göle: Die jungen Musliminnen sind enorm gebildet, nicht wie ihre Mütter, die als An-
alphabetinnen aus kleinen Dörfern in Anatolien kamen. Sie wurden hier erzogen, können die Sprache und bemühen sich, sich anzupassen. Sie müssen darüber nachdenken, wie sie hier ihren Glauben kreativ leben können. Die Europäer haben bis jetzt nicht verstanden, dass diese jungen Leute darum kämpfen, jenseits der Identitätspolitik zu gelangen. Sie bewegen sich im öffentlichen Raum und leben zugleich mit anderen Codes: dem Kopftuch, Halal-Essen, Moscheen. Diese Durchdringung bringt nicht einfach friedliche kulturelle Hybridität. Viele Menschen fürchten sich, weil die Grenze zu den „Anderen“ nicht mehr existiert und wir nun Gemeinsamkeiten finden müssen.

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