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51/2010 - Mit X wie Hoffnung (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:43
Mit X wie Hoffnung

Von entzauberten Hoffnungsträgern, komplexen Zusammenhängen, dem Verlangen nach Reduktion und Einfachheit und was das alles auch in unseren Tagen noch mit der uralten Geschichte von Weihnachten zu tun haben könnte.

Von Rudolf Mitlöhner

Alles stolpert irgendwie dahin, teils belustigt, teils gelangweilt, teils missmutig. Immer schneller dreht sich das Rad, kurzatmiger werden Politik und Gesellschaft, entsprechend erbitterter werden die Kämpfe um die ohnedies nur kurzen Zeitspannen an öffentlicher Aufmerksamkeit geführt. Hoffnungsträger aller Art sind schnell entzaubert. Bei Barack Obama dauerte es bis zu den Midterm Elections, bei Josef Pröll ohne Midterm Elections ungefähr genauso kurz, und bei Julian Assange läuft die Entzauberung parallel zum Hype.
Zwischen den Skandälchen und Skandalen vor der eigenen Haustür und den globalen ökonomischen Verwerfungen haben die Menschen vielfach den Überblick und das Interesse verloren. Sie versuchen sich einigermaßen irritationsfrei durch ihren Alltag zu manövrieren und sind damit weitgehend ausgelastet. Man muss das nicht als neues Spießertum abqualifizieren, man kann darin schlicht ein Verhaltensmuster erkennen: Auf Überforderung und Überfrachtung reagiert der Mensch mit Strategien zur Reduktion von Komplexität.

Das System sind wir selbst

Übersehen wird dabei meist nur, dass es nicht die einen und die anderen gibt: die wenigen Handelnden, Verantwortlichen, Schuldigen – und die vielen Unverdächtigen, Wohlmeinenden, Machtlosen; nicht das kalte, abstrakte „System“ und dessen konkrete Opfer. Vielmehr ist es so, dass, zu Ende gedacht, das System wir selbst sind und dessen Krise unsere Krise ist.
Aber diese Einsicht verschärft das Problem nur: dass wir uns nicht davonstehlen können aus Zusammenhängen, von denen wir dennoch das Gefühl haben, sie kaum beeinflussen zu können, und die wir bestenfalls ansatzweise verstehen. Überdies beschleicht uns zunehmend der Verdacht, es gehe den von Berufs wegen damit befassten politischen und wirtschaftlichen Eliten nicht wesentlich anders. Sind also doch diese Eliten schuld? Nein, jedenfalls sind sie nicht losgelöst von uns zu sehen – denn wir sind ihre Wähler, Kunden, Geschäftspartner et cetera. Die Dinge drehen sich im Kreis, wir werden, wie wir es auch wenden, immer wieder letztlich auf uns selbst zurückgeworfen: Ist da jemand?
Die Botschaft von Weihnachten taucht all diese Fragen, unsere gegenwärtige Gemengelage, letztlich die conditio humana als solche (zu der die Krise wesentlich dazugehört) in ein ganz spezifisches Licht. Darin erscheinen die Dinge merklich anders als in unserer medial vermittelten Alltagswahrnehmung. Eine ziemlich prosaische Geschichte von einer Geburt unter schwierigen Umständen, in einer überfüllten, hektisch-betriebsamen Stadt wird dadurch ihrer Banalität enthoben, dass sie gewissermaßen unter dem offenen Himmel stattfindet. Nicht der Inhalt der Weihnachtsgeschichte ist das Besondere, sondern dass sie Gott zu seiner eigenen macht – weil das Kind in der Krippe eben in besonderer und einmaliger Weise das Kind Gottes ist.

Schutzschirm und Triple-A-Rating

So ließe sich in der Glaubensperspektive von Weihnachten auch unsere jeweilige Geschichte in all ihren Widersprüchlichkeiten als eine unter offenem Himmel und dadurch von Gott befreite verstehen. Nicht dass wir deswegen schon des Auf-uns-selbst-zurückgeworfen-Seins, von dem die Rede war, der Mühen der Ebene, der Zweifel und Ungewissheiten enthoben wären. Aber es bedeutet eine Art Schutzschirm, der über uns aufgespannt ist. Wie auch immer wir, gleich aus welchen Gründen, durch Zeitläufte und Lebenswendungen herabgestuft werden mögen – ein ultimatives Triple-A-Rating kann uns nicht genommen werden: Solcherart könnte man die paradoxe Botschaft von Weihnachten vielleicht übersetzen.
Paradox ist sie nicht zuletzt deshalb, weil sie an der einen Person des Jesus von Nazareth hängt. Das X (griech. „ch“) steht seit jeher als Symbol dafür, dass dieser Jesus, das Kind von Weihnachten, der Christus (griech. christos) ist. Analog zu einem gängigen Bankslogan müsste es demnach heißen: Mit X wie Hoffnung.

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