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33/2013 - Europas Vergangenheit hat Zukunft
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Ungelesen , 13:02
Europas Vergangenheit hat Zukunft

Europa zwischen Selbstüberschätzung und Geschichtsvergessenheit: Ein Plädoyer für ein neues, unverkrampftes Verhältnis zum eigenen geistigen und religiösen Erbe.

Von Rudolf Mitlöhner

Das Generalthema des diesjährigen Forums Alpbach ist ein genuin europäisches. „Erfahrungen und Werte“: Kein anderer Kontinent hält sich so viel auf seine Traditionen, also aus historischer Erfahrung gespeiste Überlieferungen, sein überkommenes Erbe und die damit verbundenen – geistigen, ethischen, kulturellen – „Werte“ zugute. Dies gilt auch noch in einer säkularisierten, pluralisierten und wie immer sonst zu charakterisierenden Gesellschaft, wo die Quellen, aus denen sich diese Werte speisten, bestenfalls noch schwach sprudeln, die theoretischen und spirituellen Grundlagen nur noch blass durchschimmern.
Es manifestiert sich nicht zuletzt in dem – ja tatsächlich nicht falschen – Bewusstsein, dass dieses Europa ein Ort ganz besonderer Lebensqualität ist, eine ökonomisch, sozial, kulturell, klimatisch … privilegierte Weltgegend. Politiker haben dafür das schöne Wort vom „europäischen Lebensmodell“ gefunden – womit zumindest implizit auch eine Abgrenzung insbesondere zum US-amerikanischen way of life aber auch zum asiatischen „Kapitalismus ohne (oder mit wenig) Demokratie“ vorgenommen werden soll.

Schmerzliche Wahrheiten

Da ist auch manch Wahres dran. Diese Selbstgewissheit geht aber oft mit einer gewissen Selbstüberschätzung, wenn nicht gar Überheblichkeit einher. Europa gefällt sich nämlich ganz gut in einer Pose der moralischen Überlegenheit, aus der heraus es sich leicht gute Ratschläge in Richtung West wie Ost geben lässt – in geopolitischer wie ökonomischer Hinsicht. Und man ist versucht zu sagen: Diese Haltung tritt umso mehr zutage, je weniger sie sachlich gerechtfertigt erscheint; so wie sich auch bei Einzelpersonen forsches Auftreten nach außen und die tatsächlichen Kenntnisse und Fähigkeiten disproportional entwickeln (das fängt ja schon in der Schule an).
Schmerzliche Wahrheiten in diesem Sinne hat kürzlich der britisch-amerikanische Historiker Walter Laqueur in einem Spiegel-Interview ausgesprochen. Laqueur, deutsch-jüdischer Abstammung, 1921 in Breslau geboren, 1938 emigriert, diagnostiziert nüchtern-illusionslos: „Europa befindet sich im Abstieg.“ Die „Hilflosigkeit angesichts der heraufziehenden Stürme“ sei erschreckend, Europa „viel zu schwach, um eine zivilisierende oder moralische Rolle in der Weltpolitik zu spielen“. Also genau das, worin sich Berufs- und Bekenntniseuropäer aus Politik, Medien sowie Kultur- und Geis*tesleben unterschiedlichster Couleur so gut gefallen.

„Vergnügungspark für die Neureichen“

In deren Ohren muss fast jeder Satz Laqueurs hämmern – aber seine Aussagen sollten auch all jene aufrütteln, die es sich allzu behaglich im „europäischen Lebensmodell“ eingerichtet haben und dieses für unhintergehbar halten. „Hat der materielle Wohlstand eine furchtsame Gesellschaft hervorgebracht, die allen Konflikten ausweichen und sämtliche Warnsignale miss*achten möchte, durch die sie ihren Hedonismus gestört sieht?“; oder: „Die Möglichkeit, dass Europa ein Museum oder ein Vergnügungspark für die Neureichen der Globalisierung wird, ist nicht völlig von der Hand zu weisen.“ Und – last but not least – wenn man sich schon damit abfindet „aus der Champions League“ auszuscheiden, dann, so Laqueur, „wäre es vielleicht ratsam, die freigiebige Verteilung von guten Ratschlägen an andere Länder etwas einzuschränken und die eigenen Leistungen weniger pathetisch zu beschwören“.
Starker Tobak, fürwahr! In eine ähnliche Kerbe schlägt der schottische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson mit seinem Buch „The Great Degeneration“ („Der Niedergang des Westens“), auf den sich Helmut F. Karner in seinem Beitrag (Seite 11 f.) bezieht. Fergusons Postulat: Um dem Niedergang entgegenzuwirken, müsste sich der Westen wieder jener vier Säulen besinnen, die ihn stark gemacht haben: Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaat, Zivilgesellschaft. Man könnte auch sagen: jener Werte, die mit der Erfahrung der europäischen Erfolgsstory untrennbar verbunden sind.
Aber stocken wir nicht hier schon? Will uns das Wort von der Erfolgsstory so leicht über die Lippen kommen? Fehlt es in Eu-ropa generell über weite Strecken nicht an einem „unverkrampften“ Verhältnis zur eigenen Geschichte und Tradition, wie das der frühere deutsche Bundespräsident Roman Herzog einmal zu Recht für sein Land diagnostiziert hat?
Ja, gewiss ist die Geschichte des Kontinents eine blutige und grausame, von Kriegen, Machtkämpfen, religiösen Konflikten, Unterdrückung von Minderheiten und dergleichen mehr – von den Schrecknissen und Verbrechen des 20. Jahrhunderts noch gar nicht zu reden. Aber hat das alles nicht den Blick auf die großen geistigen, kulturellen, wissenschaftlichen und, ja, auch humanitär-zivilisatorischen Errungenschaften verstellt, die dieses Europa zuwege gebracht hat? Wer sich aber seiner Vergangenheit (nur) schämt, kann keine Zukunft haben.
Solche Überlegungen mögen den Hautgoût des politisch Inkorrekten tragen. Aber das Diktat der politischen Korrektheit evoziert auch die Nivellierung auf ein allgemein verträgliches Mittelmaß, dem die von Laqueur genannte „furchtsame Gesellschaft, die allen Konflikten ausweichen möchte“ (s. o.), entspricht. Die Versuchung zu dieser Nivellierung ist, gerade weil sie im Zeichen des „Guten“ befördert wird, freilich groß.
Europa wird also, wenn es sich nicht selbst aufgeben will, ein neues, konstruktives Verhältnis zu seiner Vergangenheit – jenseits von Triumphalismus und Heroisierung einerseits sowie habitueller Selbstbezichtigung andererseits (auch achselzuckende Indifferenz wird zu wenig sein) – gewinnen müssen. Dazu zählt in besonderer Weise die Auseinandersetzung mit der christlichen Prägung des Kontinents. Hier wird man bei der Identitätsbestimmung um ein Bekenntnis zu irgendeiner Art von „Kulturchristentum“ nicht herumkommen.
Dieses lebt wohl davon, dass es auch ein Bekenntnis-Christentum (also praktizierende Christinnen und Christen) gibt, ist aber seinerseits nicht an persönliche Glaubensüberzeugungen gebunden. Es ist das Substrat, von dem auch jene – die große Mehrheit – zehren, die selbst nicht zum Glutkern des Glaubens vorstoßen wollen oder können. Dies festzustellen, bedeutet anzuerkennen, wie sehr unsere Vorstellungen und Begriffe, unsere Ikonographie, unsere ethischen Kategorien, aber auch unsere Lebenswelt in Stadt und Land christlich durchformt sind.

Der Papst aus Lateinamerika

Vielleicht verhält es sich mit dem Chris-*tentum und Europa ähnlich wie mit der Welt und Europa: Europa braucht die Welt – aber die Welt braucht Europa gewiss nicht mehr so zwingend wie früher, dreht sich jedenfalls längst nicht mehr um Europa. Das Christentum braucht Europa zumindest demographisch gesehen nicht unbedingt (was manchen auch durchaus gelegen kommen mag). Der neue Papst ist auch dafür ein unübersehbares Zeichen, auch wenn er in vielem europäisch geprägt ist. Aber Europa sollte sich doch ernsthaft die Frage stellen, ob es aus seiner Erfahrung heraus auf sein christliches Erbe, seine christlichen Werte verzichten kann.

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