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33/2013 - „Ein besonderer Rohdiamant“
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Ungelesen , 13:06
„Ein besonderer Rohdiamant“

Philippe Narval, seit dem Vorjahr Geschäftsführer des Europäischen Forums Alpbach, sprach mit Simon Warga über das Spezifikum der traditionsreichen Zusammenkunft im Tiroler Bergdorf.

Das diesjährige Forum Alpbach ist das ers*te, das zur Gänze die Handschrift von Präsident Franz Fischler und dem von ihm als Geschäftsführer bestellten Philippe
Narval trägt.

DIE FURCHE: Herr Narval, wie hat sich Ihr Bild über das Europäische Forum Alpbach seit Ihrem Engagement als Geschäftsführer im Jahr 2012 geändert?
Philippe Narval: Ich kannte das Forum vorher – wie wahrscheinlich viele – als Name und als Symbol. Im Jahr 2011 nahm ich an den Politischen Gesprächen in Alpbach teil und hatte so meinen ers*ten Kontakt. Ich wusste also ungefähr, was mich erwarten würde, als mich Franz Fischler fragte, ob ich diese Aufgabe übernehmen möchte. Mein Bild über das Forum hat sich, da ich vorab nur einen Ausschnitt kannte, sehr geändert. Mir war von Anfang an klar, dass das Forum Alpbach ein besonderer Rohdiamant ist, den viele Menschen über fast drei Generationen mit viel ehrenamtlichem Engagement und Interesse geschaffen haben. Die Komplexität dieses großen Unternehmens ist mir erst später klar geworden: Teamarbeit, Ehrenamtlichkeit, Engagement etc.
DIE FURCHE: Gab es bereits die eine oder andere Sache, die Sie in Ihrer Tätigkeit überrascht hat?
Narval: Ich will nicht wie eine saure Zitrone klingen: Aber was mich wirklich überrascht hat, ist, dass sich die österreichische Politik – mit wenigen Ausnahmen – für das Forum nur im Sinne von Eigenmarketing interessiert und Alp*bach nicht als Möglichkeit betrachtet, Österreich mit der Welt zu vernetzen. Was mich zusätzlich aber positiv überrascht hat, waren die Hoffnungen, die Menschen in das Forum Alpbach setzen.
DIE FURCHE: Welche Erwartungen werden gegenüber dem Forum konkret geäußert?
Narval: Das hängt sehr stark mit der Krisensituation Europas zusammen und damit, dass bestimmte Eliten in der Vergangenheit versagt haben. Von Alpbach erwartet man sich einen Ort, in dem Entscheidungsträger von Heute und von Morgen zusammen gebracht werden. Dabei ist eine der Aufgaben, einen Raum zu schaffen, in dem diese Menschen einander anders begegnen können als im Alltag. Eine andere Erwartung ist, mit der Idee des Forums Österreich aus der Provinzmentalität herauszuholen und unser Land wieder als „Brückenbauer“ zu entwickeln, als „Tor zur Welt“. Erwartet wird nicht zuletzt, dass Alpbach eine Plattform ist und einen geschützten oder öffentlichen Raum bietet für den Diskurs. Darin liegt auch die gesellschaftliche Verantwortung des Forums.
DIE FURCHE: Mit welcher Motivation haben Sie das Amt übernommen?
Narval: Ich habe mich immer für Sachen engagiert, die einen gesellschaftlichen Auftrag haben. Hier war es das Potential, das Forum weiterzuentwickeln und so einen eigenen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Servant Leadership, das Prinzip dienender Unternehmensführung, ist dabei mein Ansatz. Das ist etwas, was das Forum Alp*bach auch vermitteln sollte: Das dienende Element in den Mittelpunkt von Führung zu stellen. Bei uns treffen sich Menschen, die bereit sind, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen für ein gemeinsames, nachhaltiges und demokratisches Europa. Aus dieser Motivation heraus wurde Alp*bach gegründet, und so werden wir es auch weiterentwickeln.
DIE FURCHE: Das Forum setzt auf ein weites Stipendiennetz für junge Menschen. Warum wird darauf so viel Wert gelegt?
Narval: Im Alpbacher Kontext ist das Thema „Jugend“ ein zentraler Inhalt geworden. Das Stipendienprogramm gehört hier dazu und wurde von Erhard Busek und seinen Wegbegleitern in den letzten zehn Jahren zügig aufgebaut. Damit haben sie Alpbach zu einer der jüngsten Veranstaltungen Europas gemacht. Das ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Dazu gehören auch unsere Sponsoren, private Unterstützer und die externen Absolventen-Gruppen, die das Forum fördern. Junge Menschen sehen oftmals viel Potential, viele Möglichkeiten, aber ihnen fehlt die Erfahrung der Umsetzung. Die älteren Generationen haben die Erfahrung der Umsetzung, aber nicht mehr den Glauben an das Machbare. Wenn wir diese Gruppen miteinander vernetzen, dann werden wieder neue Visionen möglich.
DIE FURCHE: Was grenzt das Forum gegenüber anderen „Orten des Denkens“ bzw. anderen Veranstaltungen ab?
Narval: Erstens der Ort selbst. Es hat durchaus Charme, in einem Bergdorf mit Ministern zu diskutieren, oder sich am Abend spontan auf Diskussionen auf einer Parkbank einzulassen. Zweitens der interdisziplinäre Anspruch, der bewusst sehr breit angelegt ist. Drittens die Präsenz von jungen Menschen und jene der aktuellen Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Forschung. Viertens – und zusammenfassend – die Offenheit der Veranstaltung. Es kann jeder kommen, sich einbringen, mitdiskutieren und hinterfragen. Es gibt keine Absperrungen, keinen Stacheldraht, wenn José Manuel Barroso oder Ban Ki-moon zu uns nach Alpbach kommen.
DIE FURCHE: „Erfahrungen und Werte“ lautet das Jahresthema des heurigen Forums. Welche Überlegungen stehen hinter der Themenwahl?
Narval: Das Jahresthema spielt meiner Ansicht nach eine untergeordnete Rolle. Das Spannende sind die einzelnen Themen, die in den unterschiedlichen Bereichen bearbeitet werden. Das ist die eigentliche Kraft des Forums. Ich persönlich halte das Jahresthema für einen Schirm, unter dem aber die eigentliche Arbeit stattfindet. Spannend ist hier vielmehr, welche Themen jährlich konkret bearbeitet werden, so wie heuer z. B. das Thema „Digitale Welten“ – heute aktueller denn je.
DIE FURCHE: Mit dem Nationalratswahlkampf hat das Thema „Werte“ also nichts zu tun?
Narval: Dass Wertepolitik heute gut tut oder gut tun würde, ist wohl kein Geheimnis. Aber Innenpolitik hat in Alpbach wenig Bedeutung. Wir wollen keine Wahlveranstaltung sein. Dafür sind wir nicht da.
DIE FURCHE: Rechnen Sie heuer mit konkreten gesellschaftlichen Ergebnissen oder politischen Lösungen im Rahmen des Forums?
Narval: Da spielen zwei Aspekte eine Rolle. Zum einen ist bei Veranstaltungen mit über 1000 Teilnehmern – wie bei den Wirtschaftsgesprächen – ein konkretes, allgemeines Ergebnis nicht zu erwarten, das wäre überheblich. Nutzen und weitere Perspektiven aus diesen Begegnungen muss hier jeder Einzelne selbst entwickeln und selbst weiter verfolgen. Zum anderen gibt es z. B. auch die Gesundheitsgespräche, bei denen sehr lösungsorientiert gearbeitet wird und mit deren Ergebnissen die Politik konfrontiert wird.
DIE FURCHE: Ban Ki-moon und José Manuel Barroso wollen heuer „Neue Ideen für eine faire Globalisierung“ diskutieren. Wie kam diese Einladung zustande?
Narval: Das Thema kam von diesen beiden genannten Zentralakteuren selbst. Beide kennen einander, kennen auch das Forum Alpbach, und sie haben sich bewusst für ein weiteres Treffen in diesem Rahmen entschieden. Beide kennen und schätzen Alpbach als einen Ort ohne politische oder ideologische Färbung.
DIE FURCHE: Ist das Bergdorf Alpbach heute noch der richtige Ort, um internationale, komplexe politische Vernetzungen zu diskutieren? Anders gefragt: Ist die Art dieses entschleunigten Diskurses noch zeitgemäß?
Narval: Was mit Alpbach nicht passieren darf, ist, dass wir uns auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen und nicht weiter in die Zukunft schauen. Sonst betrachtet man uns eines Tages vielleicht wie die Lipizzaner. Der kritische Geist muss sich immer hinterfragen. Nur so können wir vorankommen. Entschleunigung ja – aber auf dem Puls der Zeit. Räume zu schaffen, wo Menschen einander begegnen können und sich mit Ideen auseinandersetzen, ist selten, sollte aber nicht vernachlässigt werden. Wir sind keine Messeveranstaltung, sondern ein Forum des Diskurses, sozusagen intellektuelle Festspiele des Geistes.
DIE FURCHE: Wo sehen Sie das Forum in fünf bis zehn Jahren?
Narval: Wir wollen einen klaren Beitrag und einen Rahmen für Dialog in Krisensituationen anbieten, der umso wichtiger ist, je stärker die Gesellschaft auseinander driftet. Wenn es uns gelingt, Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen zu bringen, die sich im europäischen Kontext mit globalem Input austauschen, wird das Forum Alpbach immer aktuell und zeitgemäß sein.

Seit 1945 findet das Europäische Forum im Tiroler Bergdorf Alpbach statt. Heuer im August unter dem Jahresthema „Erfahrungen und Werte“. 600 Referenten aus 60 Nationen werden dazu erwartet. Philippe Narval ist seit 2012 Geschäftsführer des Europäischen Forum Alpbach. Er studierte Geschichte und Bildungswissenschaften in London, Belo Horizonte und in Oxford. www.alpbach.org

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