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33/2013 - Werte zu leben heißt Zeugnis zu geben
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Ungelesen , 13:11
Werte zu leben heißt Zeugnis zu geben

Werte erarbeiten wir uns und Werte brauchen wir. Christliche Werte entstehen durch Erfahrungen, soziale Kontakte – und die Gnade Gottes.

Von Clemens Sedmak

Einmal hat mich ein Unternehmer gefragt: Wie kann ich Werte in meinen Betrieb bringen? Er hatte wohl einen Ort im Kopf, an dem man Werte bestellen, bezahlen und ins Haus liefern lassen konnte. So geht es nicht. Entweder ein Betrieb hat Menschen, die selbstverständlich im Alltag Werte leben, oder ein Betrieb hat keine Werte. Hausordnungen und Deklarationen werden keine Werte hervorbringen. Werte werden nicht am grünen Tisch gemacht, sondern zeigen sich in der Praxis des Zusammenlebens, sie müssen eingeübt werden. Das geschieht im Rahmen einer Gemeinschaft. Werte sind „stabile Grundlagen für Präferenzenordnungen“, sie geben Orientierung und Motivation, sind handlungsleitend und -strukturierend. Werte helfen uns, im Konfliktfall Prioritäten zu setzen.

Mit Werten zur Lebenskraft

Werte geben Kraft für den Weg, sie sind Quelle der Orientierung wie auch Quelle für moralische Kraft zur Überwindung der Willensschwäche, der Akrasie. Der israelische Philosoph Avishai Margalit hat treffend bemerkt, dass wir die Ethik brauchen, um unsere Gleichgültigkeit zu überwinden. Anders gesagt: Wir brauchen Werte, um die Kraft für moralische Anstrengungen zu gewinnen. Wenn man von „Werten in der Medizin“ spricht, führt man meist bestimmte Prinzipien an – das Autonomieprinzip, das Nichtschadensprinzip, das Fürsorgeprinzip, das Gerechtigkeitsprinzip. Diese Prinzipien können begründet und im Bedarfsfall abgewogen werden. Hier kann der Eindruck entstehen, dass Werte abstrakte Gegenstände sind, über die man verfügen kann. In der christlichen Tradition kann man dies kaum so sehen: Christliche Ethik ist Ethik in der Nachfolge Jesu. Christliche Werte sind Werte, die sich mit dem Blick auf Jesus ergeben. Das Christentum ist keine Religion, die sich im Wesentlichen durch ein Buch oder eine Tradition definierte, sondern durch eine Person. Das Christentum beruht auf dem Vertrauen auf den menschgewordenen Gott. Hier sind „Botschaft“ und „Bote“ nicht zu trennen, hier wird „Weisung“ durch „Person“ ersetzt.
Die Kirche hat die schöne und schwere Aufgabe, den Blick auf Christus zu lenken. Das geschieht vor allem durch die Texte der Heiligen Schrift und durch „VIPs“, very inspiring people, durch Menschen, die die Nachfolge Jesu selbstverständlich und glaubwürdig leben. Mitunter kann man solche Menschen Heilige nennen; sie geben durch das Zeugnis ihres Lebens eine „dichte Beschreibung“ dessen, was Nachfolge Jesu bedeuten kann. Sie zeigen Werte. Die Unterscheidung zwischen Sagen und Zeigen ist in der Philosophie des frühen Ludwig Wittgenstein bedeutsam geworden; bestimmte Dimensionen des Lebens entziehen sich der Rede – sie können nur im Leben gezeigt werden.
Ich denke hier etwa an die Frage, was es bedeutet, ein Kind mit besonderen Bedürfnissen großzuziehen. Der kanadische Journalist Ian Brown hat in seinem berührenden Buch „Der Junge im Mond. Wie mein Sohn mir half, die Welt zu verstehen“ beschrieben, wie das Zusammensein mit seinem schwerstbehinderten Sohn Walker sein Leben verändert hat. Ähnlich tiefe Einsichten finden wir in Sheila Bartons Buch „Living with Jonathan“, in dem sie das Leben mit ihrem autistischen Sohn beschreibt. Natürlich werden in diesen Büchern Worte benutzt, aber diese Worte zeigen das Leben in seiner Dichte und Tiefe. Die Kirche ist in besonderer Weise eingeladen, durch Lebenserfahrungen und Zeugnisse von Werten zu erzählen und zu zeigen, was es bedeutet, als Christ zu leben.

Durch Begegnungen mit Jesus

Wenn man sich die Berufungserzählungen im Neuen Testament vor Augen führt, sieht man diese Dynamik der persönlichen Begegnung: Jesus ruft die Jünger in seinen Dienst und verheißt ihnen ein neues Leben: „Ich werde euch
zu Menschenfischern machen“ (Mt 4,19). Das ist die Zusage einer Transformation. Im Johannes*evangelium wird Jesus als Gastgeber beschrieben, der die Frage „Wo wohnst du?“ mit der Einladung „Kommt und seht!“ beantwortet (Joh 1,39). Wieder ist es eine Begegnung, die zu Werten führt.
Eine der berühmtesten geistlichen Autobiographien des 20. Jahrhunderts ist die Lebensdarstellung Thomas Mertons, „The Seven Storey Mountain“, 1946 auf Geheiß des Abtes der Abtei „Our Lady of Gethsemani“ in Kentucky verfasst, veröffentlicht im Jahr 1948. Merton war damals 33 Jahre alt. Er beschreibt in diesem Buch seine „Wertereise“ bis hin zum Eintritt in das Trappistenkloster. Merton vermittelt die tiefe Einsicht, dass das Leben eines Menschen inmitten von sozialen Kontakten stattfindet und entsprechend beeinflusst wird – man kann nicht durchs Leben gehen, ohne das Leben anderer Menschen zu prägen. Gerade deswegen darf die Wirkkraft der „Seelsorge“ nicht unterschätzt werden. Das Wirken eines Menschen ist wie ein Stein, der ins Wasser fällt und Kreise zieht.
Thomas Merton vermittelt auch die Einsicht, dass die Suche nach Werten nicht nur im Rahmen einer Gemeinschaft erfolgt, sondern auch angesichts der „Zeichen der Zeit“. Er betont, dass er „Produkt seiner Zeit“, „Kind der modernen Welt“ ist und diesen kulturellen Quellen auch viel verdankt. Prägend wurden für ihn auch zwei Bücher, die er auf Geheiß eines indischen Mystikers las, der ihn einlud, die eigene Tradition besser kennen zu lernen: die „Bekenntnisse“ des Augustinus und die „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen. Von besonderer Kraft erwies sich für Merton die Eucharistie. Er erzählt von seiner Erfahrung einer Kraft, die von diesem Sakrament ausgeht, er ist davon überzeugt, dass die Gnade in der Seele arbeitet, auf eine nicht erkennbare Weise. Werte im Sinne einer „Lebensrichtung“, so hat es Merton erfahren, werden gebildet durch göttliches Fügen und Führen. Immer wieder verwendet er den Begriff der Vorsehung. Die Stimme des Gewissens deutet er als Zeichen dafür, dass er noch nicht moralisch tot war – etwa das schlechte Gewissen, das er nach durchzechter Nacht verspürte, wenn er zu Tagesbeginn die Arbeiter zu ihren Baustellen gehen sah. Ein Jahr nach dem Tod seines Vaters fühlt er sich gedrängt, in seinem Zimmer in Rom zu beten. Es war ein signifikanter, ein bestimmender Augenblick, der Beginn einer Konversion. Werte sind nicht Ergebnis rationaler Kalkulation, sondern lebendige Produkte einer gelebten Existenz mit ihren kontingenten „definierenden Momenten“. Als einen ähnlich signifikanten Augenblick hat er sein Gebet auf Knien nach dem Tod seines Großvaters erfahren.

Wir werden geformt

Hier zeigt sich, dass der Weg zu einem wertbestimmten Leben mit Erfahrungen zu tun hat, dass Wertebildung nach christlichem Verständnis wesentlich mit der Gnade Gottes, mit persönlichen Beziehungen und Gesprächen, mit Vorbildern und mit signifikanten und definierenden Momenten zu tun hat. Es ist ein Weg, der nicht über das Argument, sondern über die Erfahrung führt. Ähnlich hat ja auch Simone Weil das Leiden als eine Lehrmeisterin beschrieben, die uns viel über die Struktur der Welt lehrt. Werte formen den Menschen. Damit soll nicht das Leiden glorifiziert, aber doch gezeigt werden, dass sich Wertelandschaften signifikant verschieben können. Nachfolge Christi ist ein Leben in der „fordernden Gegenwart“ Jesu. Und dann kann die „Kirche der Armen“, von der Papst Franziskus spricht, „wachsen“ und muss nicht „gemacht“ werden. Dazu bedarf es Menschen, die durch das Zeugnis ihres Lebens selbstverständlich zeigen, was das heißen kann.

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