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34/2013 - „I have a Dream“ oder: Der Weg Liebe
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Ungelesen , 11:51
„I have a Dream“ oder: Der Weg Liebe

Martin Luther King hat vor 50 Jahren mit seiner Rede gegen die Rassentrennung die Vereinigten Staaten verändert. Seine Botschaft ist heute aktueller denn je. Würdigung eines großen Visionärs.

Von Anita Natmeßnig

Martin Luther King war ein Held meiner Jugend, ein Vorbild und Wegweiser. In der Schule habe ich über seinen gewaltfreien Widerstand referiert, als ORF-Journalistin bin ich schon vor Jahren auf US-amerikanischen Schauplätzen seinen Spuren gefolgt. Und er fasziniert mich bis heute, der schwarze Baptistenpfarrer, der die Welt verändern wollte : „I have a Dream!“. Ein Satz, eine Rede, die der Welt vor genau fünfzig Jahren soviel Hoffnung gab.
Von wegen Traum. Das englische Wort „dream“ wäre im Deutschen treffender mit „Vision“ wiedergegeben, so inflationär wird der Begriff „Traum“ heute in unserem Sprachgebrauch verwendet: der Traum vom Eigenheim oder Porsche, von der großen Liebe oder glücklichen Familie. Doch Martin Luther King Jr. war kein Träumer, er war ein Visionär. Er hatte eine Vision, glaubte an die göttliche Verheißung – und an die innewohnende Potenz zur Realisierung. Sprich: Den Himmel auf Erden bringen. Tatkräftig. Mit Einsatz des eigenen Lebens.

Der Tag des großen Marsches

Wer auf YouTube „I Have a Dream“ eingibt, kann im Internet die berühmteste Rede von Martin Luther King hören, gehalten vor 50 Jahren am 28. August 1963. Der Schwarz-Weiß-Film zeigt den Höhepunkt der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, den Marsch auf Washington. 250.000 Menschen, darunter 60.000 Weiße, folgen den Worten des charismatischen Redners.
Als ihr gewählter Sprecher beruft sich Martin Luther King auf die amerikanische Verfassung, die die Gleichheit aller Menschen garantiert. Ein bewegendes Zeitdokument und zugleich ein Kunstwerk der Rhetorik: „Ich habe einen Traum, dass eines Tages in Alabama, mit seinen bösartigen Rassisten, mit einem Gouverneur, von dessen Lippen Worte wie „Intervention“ und „Annullierung der Rassenintegration“ fallen. ... Ich habe einen Traum, dass eines Tages genau dort, in Alabama, kleine schwarze Buben und Mädchen mit kleinen weißen Buben und Mädchen als Schwestern und Brüder die Hände schütteln können.“
Die Kraft dieser Worte wirkt bis heute. Dass im World Wide Web ein paar Millionen Menschen die*se Rede aufgerufen haben und Tausende sie laufend kommentieren, spricht für sich.
Martin Luther King konnte und wollte die Seelen der Menschen berühren – und erweist sich als Prophet des 20. Jahrhunderts. Seine Rede endet wie folgt: „Wenn wir die Freiheit erschallen lassen, wenn wir sie erschallen lassen von jeder Stadt und jedem Weiler, von jedem Staat und jeder Großstadt, dann werden wir den Tag beschleunigen können, an dem alle Kinder Gottes – schwarze und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken – sich die Hände reichen und die Worte des alten Negro Spiritual singen können: Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!“
In den vergangenen 50 Jahren ist zwar noch nicht der Himmel auf Erden wahr geworden, aber es gab positive Veränderungen, von der gesetzlichen Aufhebung der Rassentrennung 1964 bis hin zur Wahl von Barack Obama 2008 zum Präsidenten der USA – als erstem Afroamerikaner. Die Gewaltfreiheit, die Martin Luther King propagierte und vorlebte, hat bis heute Modellcharakter für den Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung.
Denn Gewaltfreiheit bedeutet mehr als eine Taktik, sie ist ein Lebensstil. Ein Weg der Liebe. Wie sein Vorbild Mahatma Gandhi wurzelt Martin Luther King in seinem politischen Engagement auf religiösem Background. Wie Gandhi schöpft er von dort seine Kraft. Ich zumindest betrachte seine Frömmigkeit, oder moderner formuliert, seine Spiritualität, als die Quelle, die solch einen Mut zu geben vermag: der eigenen Berufung zu folgen, bis zum Tod.

Der dienende Prophet

Martin Luther King wusste, dass sein Leben in Gefahr war – er hatte bereits mehrere Anschläge überlebt – und blieb seinem Weg treu. Mich berührt besonders seine Predigt „Der Tambourmajor-Instinkt“, gehalten am 4. Februar 1968 in Atlanta, auf den Tag genau zwei Monate vor seiner Ermordung. Er antizipiert dabei sein eigenes Begräbnis, unter Bezugnahme auf die Bergpredigt: Wenn ihr jemanden die Grabrede halten lasst, sagt, sie sollen nicht zu lange reden. ... Sagt ihnen, sie sollen nicht erwähnen, dass ich den Friedensnobelpreis erhielt. Sagt ihnen, sie sollen nicht erwähnen, dass ich 300 oder 400 Auszeichnungen erhielt. ... Ich möchte, dass jemand an jenem Tag sagt: „Martin Luther King versuchte, mit seinem Leben anderen zu dienen.“ Ich möchte, dass jemand an jenem Tag sagt: „Martin Luther King Jr. versuchte, Liebe zu üben. ... Ich möchte, dass ihr an jenem Tag sagen könnt, ich versuchte, die Hungrigen zu speisen ... die Nackten zu kleiden. ... Wenn ich meine Pflicht als Christ tun kann, wenn ich Erlösung für eine einst aufgewühlte Welt bringen kann, wenn ich die Botschaft wie der Herr ausbreiten kann, dann wird mein Leben nicht vergeblich sein.“
In seiner Predigt „Auf dem Berggipfel“ am 3. April 1968, am Abend vor seiner Ermordung in Memphis nimmt er Anleihen bei Moses: „Wie jeder andere würde ich gern lang leben. Langlebigkeit hat ihren Wert. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinübergesehen. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit euch. Aber ihr sollt heute Abend wissen, dass wir als ein Volk in das Gelobte Land gelangen werden. Und deshalb bin ich glücklich heute Abend. Ich mache mir keine Sorgen. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.“
Mich fasziniert dieses Vertrauen, das aus einem tiefen Glauben resultiert. Ein Vertrauen, das von jeder Angst befreit und zum Handeln ermächtigt. Das Vertrauen, dass die Liebe stärker ist als der Hass. Martin Luther King kann insofern ein Vorbild sein für die Verbindung von politischem Engagement und Spiritualität. Der Blick auf den Baptistenpfarrer könnte Anregung bieten für eine globale Vision. In seiner Diktion: „Now is the time...“, Jetzt ist die Zeit, die Gerechtigkeit zu einer Realität für alle Kinder Gottes zu machen – ein Zitat aus seiner Rede „I Have a Dream“.

Zeit-Gebote

Jetzt ist es Zeit, möchte ich formulieren, den Rahmen zu erweitern. Im Zeitalter des World Wide Web und der Quantenphysik gilt es, den persönlichen Blickwinkel zu vergrößern. Jetzt ist es Zeit, die Verbundenheit mit allen zu erkennen. Das Leben von Martin Luther King kann dazu ermutigen, die Bewertung in gut und böse, in schwarz und weiß aufzugeben. Jetzt ist es Zeit, die Dualität in uns selbst zu überwinden. Im Denken, Fühlen und Handeln. Denn jede Bewertung und Unterdrückung fällt auf einen selbst zurück. Martin Luther King ist für mich bis heute ein Held durch seinen Mut, ein Vorbild im Vertrauen und ein Wegweiser fürs Handeln. – Jetzt ist es Zeit, das Gefängnis der Angst zu verlassen und die Liebe zu leben.


Die Autorin ist Filmemacherin, Psychotherapeutin und Coach in Wien.
www.anitanatmessnig.at

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