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34/2013 - Im Rausch der Bilder
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Ungelesen , 12:09
Im Rausch der Bilder

Die Macht der Visionen begleitet den Menschen von der Steinzeit bis heute: In ihrer Deutung treffen sich Anthropologen, Kulturhistoriker und Evolutionsbiologen.


Von Martin Tauss

Wer Visionen hat, muss sich um seine Gesundheit sorgen: Diese Auffassung wurde von einem ehemaligen Bundeskanzler auf den Punkt gebracht, der damit lediglich auf Sachzwänge verweisen wollte. Auch wenn Visionen in der österreichischen Politik zugegebenermaßen schwer zu verwirklichen sind: Das Phänomen sogleich in den Zuständigkeitsbereich der Psychiatrie zu delegieren, wird seiner Ambivalenz bei weitem nicht gerecht. Wer den Wert der Visionen verkennt, so ließe sich anthropologisch argumentieren, missachtet sogar einen grundlegenden Teil des menschlichen Wesens. Denn die Kulturgeschichte der Visionen ist so alt wie die Menschheit selbst, ja sie ist untrennbar mit der Wiege der Menschheit verbunden und repräsentiert vielleicht am besten unser archaisches Erbe.
Den Ursprung dieser Geschichte markiert das Auftauchen des Schamanen in prähistorischer Zeit – jener archetypischen Urfigur, welche die Rolle des Arztes, des Künstlers und des spirituellen Vermittlers noch in sich vereint hat. Von einer Urfigur zu sprechen erscheint ungeachtet aller kulturellen Differenzen berechtigt, denn Schamanismus gilt als die älteste spirituelle Tradition der Welt und ist auf allen Erdteilen bezeugt. All die heilenden, spirituellen und ästhetischen Fähigkeiten, die dem Schamanen zugeschrieben werden, beruhen gerade auf seiner Imaginationskraft und Visionsfähigkeit, seinem Potenzial, sich Zugang zu einer visionären Welt zu verschaffen. Und da dies in der Regel eines veränderten Bewusstseinszustands bedarf, ist der Schamane ein Kundiger in Sachen Rausch, Trance und Ekstase.

Visionär inspirierte Kunst

Es ist diese tief verwurzelte Allianz von Rausch und Vision, die spätestens im Zeitalter der Aufklärung zu einer folgenschweren kulturellen Abwertung des Visionären geführt hat. Dem Kult der Vernunft waren die inneren Bilder eines derangierten, berauschten Geistes höchst suspekt. Das Phänomen der Visionen wurde nun vornehmlich in die Gefilde der Geisteskrankheit verbannt. Industrialisierung, die Technisierung der Lebensbereiche und die viel zitierte „Entzauberung der Welt“ schritten voran. Das schamanische Erbe jedoch überlebte in moderner Form – vor allem im Bereich der Kunst.
An der Wende zum 19. Jahrhundert steht die Romantik am Beginn einer Reihe künstlerischer Gegenbewegungen, die gerade die Schattenseiten des Vernunft-geleiteten Geistes zu kultivieren versuchten.Nicht nur für die Romantiker, auch für Symbolisten, Surrealisten und Dadaisten wurden Rausch, Traum und Vision zum poetischen Nährboden. Als sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg Teile der heranwachsenden Generation vom Materialismus der westlichen Nachkriegsgesellschaften abwandte, verbreitete sich eine jugendliche Protestkultur, deren kulturelle Leitfiguren sich ebenfalls einer groß angelegten Visionssuche verschrieben hatten. Zudem schaffte die neuartige Populärkultur die Voraussetzungen dafür, dass romantisch inspirierte Rock-Ikonen ein Massenpublikum erreichen konnten.
Die psychedelische Pop-Kultur der 1960er Jahre zelebrierte mit neuen technischen Möglichkeiten ein bislang unbekanntes, leuchtendes Kaleidoskop der Bilder. Rauschkünstler wie der Sänger Jim Morrison, der die visionäre Dichtung von Arthur Rimbaud verehrte und seine Band „The Doors“ als „elektrische Schamanen“ bezeichnete, wurden aufgrund ihres frühen Drogentods zu tragischen Helden – und werden nicht zuletzt aufgrund ihrer poetischen Visionen bis heute verehrt.

Biologie der Visionen

„Wenn die Kunst Phantasien darstellt, wird sie zur Verheißung und zum Vorboten einer besseren Wirklichkeit“, schreibt Thomas Junker in einer unlängst veröffentlichten Evolutionsgeschichte der Kunst (siehe Kasten unten). Demnach sind Kunstwerke ästhetisch bearbeitete Phantasien und kollektive Visionen, die in der Natur des Menschen angelegt und mit einem evolutionären Vorteil einhergegangen sind: etwa zur Identifizierung der Gruppe mit gemeinsamen Zielen, als Speicher strategischen Wissens und geheimer Wünsche, sowie zur Abschätzung künftiger Ereignisse, um besser auf neue Herausforderungen reagieren zu können.
Im Zeitalter der modernen Hirnforschung hat auch die Erforschung der neurobiologischen Grundlagen von Visionen neue Impulse erhalten, wie etwa der Anthropologe Nicolas Langlitz in einem rezenten Werk zur jüngeren Halluzinogenforschung verdeutlicht. Die grundlegende Ambivalenz der Visionen, die sowohl als Phänomen einer künstlich hervorgerufenen Psychose als auch einer erweiterten Wirklichkeit interpretiert werden können, wird auch hier betont.
Wer sich um ein vertieftes Verständnis von Visionen bemüht, kann nicht nur Hirnforscher, Anthropologen, Evolutionsbiologen und Kulturhistoriker zu Rate ziehen, sondern auch auf die etymologische Nähe der beiden Begriffe „Vision“ und „Weisheit“ verweisen. In der buddhistischen Tradition beispielsweise verweist der Pali-Begriff für „Wissen“ oder „Weisheit“ („vijja“) mit seiner Wortwurzel auf ein direktes Sehen – und zugleich Erkennen.
Diese Fähigkeit erscheint angesichts der Ambivalenz von Visionen höchst relevant: Die zentrale Frage ist dann immer, ob das, was gesehen wird, auch erkannt und durchschaut wird. Im Umgang mit Visionen jedenfalls bedarf es kundiger Menschen, die sich nicht in die Irre führen, sondern den Weg zeigen lassen.

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  05:31:37 07.20.2005