ro ro

Themen-Optionen Ansicht

35/2013 - Haft-Notizen einer Seelsorgerin
  #1  
Ungelesen , 10:52
Haft-Notizen einer Seelsorgerin

Die erste Zeit in der Haft kann heilsam sein. Wer aber nicht gut betreut wird, schafft den Neuanfang kaum. Auszüge aus dem neu erschienenen Buch „Die Haftfalle“.

Von Christine Hubka

Knapp 1200 Menschen befinden sich derzeit in der Justizanstalt Wien-Josefstadt in Haft. Könnte ich alle 1200 besuchen, würde ich in 1200 verschiedene Gesichter schauen und 1200 einzigartige Lebens- und Tatgeschichten hören. Doch die Folgen der Haft sind für alle sehr ähnlich.
Wer das erste Mal in Haft kommt, erlebt einen heftigen Schock. Die schwere Metalltüre fällt ins Schloss. Der große Schlüssel wird umgedreht. Herrn David, einem Wirtschafts*täter, fällt in dem winzigen, nicht einmal zehn Quadratmeter großen Einzelhaftraum sofort die Decke auf den Kopf. 23 Stunden am Tag ist er allein, ohne irgendetwas tun zu können. Ihm wird in den ersten Tagen im Gefängnis vieles klar. „Ich habe meine Familie vernachlässigt“, sagt Herr David. „Ich bin schnurstracks auf den Herzinfarkt zugerast“, erkennt er. In unseren Gesprächen reflektiert er sein Leben und Tun. So wie ihm geht es vielen, die zum ersten Mal in Haft sind. Menschen, die aus dem vollen Leben mit Handy, Laptop und dickem Terminkalender im Gefängnis landen, ersticken beinahe an der erzwungenen Untätigkeit und dem Abbruch aller Kontakte.

Täter finden zu sich

Die ersten Wochen und Monate der Haft können ein heilsames Umdenken bewirken. Alle Werte werden in Frage gestellt. Ein Täter findet zu sich. Er steht zu seiner Tat. Und er erschrickt über das, was er getan hat. Er fragt: „Wie konnte es so weit kommen? Wie konnte ich so etwas tun?“ Viele denken das erste Mal über sich und ihr Leben nach. Das aber ist nur möglich, wenn ein Gefangener vom ersten Tag an ein Gegenüber hat, mit dem er vertrauensvoll sprechen kann.
Herr Bauer lebt mit sieben anderen im Haftraum, 23 Stunden am Tag. Auf 30 Quadratmetern: Vier Stockbetten. Ein Tisch in der Mitte. Für jeden ein schmaler Spind. Jeder bekommt von jedem alles mit – bis zum Toilettengang. Auch Herr Bauer fragt vom ersten Tag an immer wieder, warum er einen Menschen in seiner rasenden Wut schwer verletzt hat. Monatelang ringt er um Antwort. Er weint, er tobt. Er schweigt. Er kämpft mit sich und seinem Wunsch, die Tat zu beschönigen. Eines Tages kann er endlich von sich sagen: „Ich habe einen Menschen verletzt. Ich bin ein Täter.“
Dieser Durchbruch erfolgt nach zwei Jahren, in denen wir jede Woche intensive Gespräche geführt haben. Herr Bauer ist wie ausgewechselt: Er kann nun seine lange Haftstrafe akzeptieren. Zehn Jahre hat er bekommen, er wird in ein Gefängnis für Langstraftätige überstellt. Mit viel Glück darf er dort ein paar Stunden am Tag arbeiten – oder auch nicht. Vielleicht darf er eine Therapie machen, in der er lernt, seine Wut anders als mit Gewalt auszudrücken – oder auch nicht. Mit viel Glück findet er auch im anderen Gefängnis jemanden, mit dem er regelmäßig sprechen kann – oder auch nicht.
Schon jetzt, nach zwei Jahren, hat Herr Bauer keinen Kontakt mehr zu seiner Familie und zu seinen ehemaligen Freunden. Seine Mutter ist vor kurzem gestorben. An der Beerdigung durfte er nicht teilnehmen. Wenn Herr Bauer nach zehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, steht er auf der Straße. Er wird draußen niemanden kennen. Da er seine Haftstrafe bis zum letzten Tag absitzen muss, bekommt er auch keinen Bewährungshelfer.
Eine Inhaftierung kann zu Beginn sehr heilsam sein. Ein Mensch erlebt, dass sein aktuelles Lebensmuster bedingungslos gestoppt wird. Er muss sich mit seinem Leben auseinandersetzen. Er oder sie kann den grundlegenden Fragen nicht mehr ausweichen. Wird er in dieser Zeit gut begleitet, kann das vieles verändern: Einstellungen, Überzeugungen, das Selbstbild. Die Sicht auf die Gesellschaft und das Leben. Immer wieder habe ich das erlebt, wenn ich mit Inhaftierten über viele Monate im Gespräch war. Bankräuber, Gewalttäter, Drogendealer, Einbrecher, Wirtschaftskriminelle. Wenn die Eingangsphase gelingt, kann sich ein Täter auch mit den von seiner Tat Betroffenen auseinandersetzen und seine Strafe akzeptieren.

Auf die Rückkehr in die Freiheit vorbereiten

Die Strafe ist der Entzug der Freiheit. Während dieser Zeit soll der Täter auch auf die Rückkehr in die Freiheit vorbereitet werden. Am Ende soll er wieder unter uns leben. Er soll mit der zurückgegebenen Freiheit verantwortungsvoller umgehen als zum Zeitpunkt der Tat.
Aber der Freiheitsentzug im Gefängnis verändert die Persönlichkeit des Täters rasant. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Lange Haftstrafen deformieren die Täter so sehr, dass sie kaum mehr zu einem selbständigen Leben finden. Das leuchtet auch ohne viel Wissenschaft ein. Wie soll ein Mensch die Verantwortung für sein Tun und Lassen lernen, wenn ihm jahrelang jede Verantwortung entzogen ist? Viele Häftlinge können im Gefängnis nicht einmal selbst entscheiden, ob sie in der Früh oder am Abend duschen und an welchem Wochentag. Innerhalb kürzester Zeit verlernt ein Gefängnisinsasse, eine Türe selbstständig aufzumachen, auch wenn er sie öffnen könnte. Wie soll sich ein Mensch an regelmäßige Arbeit gewöhnen, wenn es für ihn keine regelmäßige Arbeit gibt? Wie soll ein Mensch Kontakte halten, kontaktfähig bleiben oder vielleicht auch erst kontaktfähig werden, wenn Kontakte zur Familie und Freunden so stark eingeschränkt werden, dass sie eines Tages nicht mehr existieren?
Herr Bauer fürchtet sich heute schon vor dem Tag seiner Entlassung, wenn er allein und ohne jeden menschlichen Bezug auf der Straße steht. Gerne würde er das Opfer seines Wutanfalls entschädigen. Aber auch das ist nicht möglich. Denn ohne Arbeit hat er dafür kein Geld. Er ist kein Einzelfall.

Durch die Haft werden Täter zu Sozialfällen

Um dem Opfer gerecht zu werden, muss es für den Täter Sanktionen geben. Den Betroffenen einer Straftat und der Gesellschaft nützt es jedoch nichts, wenn Täter durch die lange Haft zu lebensuntüchtigen Sozialfällen gemacht werden. Der Großteil der in unseren Gefängnissen Inhaftierten hat Taten begangen, die auch durch gemeinnützige Arbeit, Freiheitsentzug durch elektronisch überwachten Hausarrest oder andere Einschränkungen sanktioniert werden könnten, ohne die Gesellschaft zu gefährden. Im Gegenteil – diese Art der gesellschaftlichen Reaktion auf eine Tat würde die Selbstverantwortung der Täter fördern und Rückfällen vorbeugen. Der Sicherheit wäre gedient. Den Rachegelüsten freilich nicht.


Die Autorin ist evangelische Pfarrerin i. R. und derzeit Gefängnisseelsorgerin in der
Justizanstalt Wien Josefstadt|

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  05:23:38 07.14.2005