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35/2013 - Das Gefühl von einem Funken Freiheit
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Ungelesen , 11:03
Das Gefühl von einem Funken Freiheit

Sie sind eingesperrt, aber bewältigen ihren Alltag. Wie Frauen im Gefängnis leben, im Gefängnis Mütter sind und im Gefängnis Theater spielen.

Von Anna Maria Steiner

Aus der Küche dringt Vanille-Duft, zum Lärm der Küchengeräte gesellen sich Frauenstimmen und Gelächter. Montag scheint Backtag zu sein im Frauentrakt des Gefangenenhauses Graz-Jakomini. Sieht so der Gefängnisalltag aus? Eigentlich schon. Und trotzdem dürfe, so Anstalts-Leiter Manfred Ulrich, nicht vergessen werden, dass es in Gefängnissen auch anders zugehe. „Viele denken bei Gefängnis an Menschen, die an Händen und Füßen gefesselt sind. Das gibt es leider auch.“ In der Frauenabteilung der für 519 Häftlinge ausgerichteten Justizvollzugsanstalt in der Conrad-von-Hötzendorfstraße hingegen herrsche gelockerter Vollzug: Die Haftraumtüren sind untertags geöffnet, der Großteil der Frauen hier geht einer geregelten Beschäftigung nach, es gibt Gemeinschaftsräume und Freizeitmöglichkeiten – ein bisschen wie im Schülerheim. Autorität bekämen die gut 20 Frauen im Alter zwischen 14 und 71 nur dann zu spüren, „wenn eine nicht weiß, wo sie steht. Ansonsten geht es hier sehr locker zu. Funktionieren muss es halt: Aufstehen, Medikamente ausfassen, Zelle in Ordnung halten, pünktliches Erscheinen zum Essen.“
Bezirksinspektorin Michaela Walzl, der die Frauenabteilung untersteht, erweckt mehr den Eindruck einer Mutter als einer Aufseherin. Eine Freigängerin, die von der Arbeit draußen gerade heimkehrt, winkt ihr lächelnd zu. Als Kommandantin der Abteilung ist Walzl nahe an den Lebensgeschichten der Frauen dran. Dass es bei manchen Frauen hier angesichts ihrer erschütternden Biografie nicht zu weitaus schlimmeren Delikten gekommen ist, wundert sie mitunter. Immerhin sitzen die meis*ten Frauen wegen Delikten ein, die unter „Beschaffungskriminalität“ fallen und oft mit Drogenerkrankung einhergehen.

Gitterbett hinter Gittern

Ein krakelig mit Fensterfarbe gemalter „Benjamin Blümchen“ auf der Glastür im Obergeschoß des Frauentraktes verstört ein wenig. Kleinkinder hinter Gittern – das gibt es in Graz-Jakomini tatsächlich immer wieder. Bis zum zweiten Lebensjahr dürfen die Sprösslinge an der Seite ihrer inhaftierten Mutter bleiben – vorausgesetzt, diese kann den Nachweis über das ihr zustehende Recht auf pflegende Erziehung erbringen. Läuft die Haftstrafe voraussichtlich vor dem vollendeten dritten Lebensjahr aus, darf der Sprössling sogar bis zum Höchstalter von drei Jahren im Gefängnis bleiben. Die Mutter-Kind-Abteilung der Grazer Justizanstalt Jakomini wurde genau für solche Fälle eingerichtet. Bis auf die vergitterten Fenster erinnert hier alles an eine normale Wohnung: Eine kleine, helle Küche, Schlafzimmer mit Bett und Gitterbettchen, Aufenthaltsraum, Gehschule und Spielsachen. Bis neun Uhr abends können sich Frauen hier mit ihren Kleinen frei bewegen. Die Reaktionen, die ein herumtollendes Kind bei inhaftierten Frauen auslöst, würden ihn jedes Mal sehr berühren, meint Pater Johannes König. „Die Frauen blühen dann regelrecht auf.“ Allerdings seien diese Augenblicke rar, weil pro Jahr nur ein bis zwei Kinder in Graz-Jakomini wären, weiß der Gefangenenseelsorger. Anhaltezeiten für Kindesmütter wolle das Gericht so kurz wie möglich halten. Also müssen sich die im Frauentrakt untergebrachten Insassinnen zumeist andere Freizeitbeschäftigungen suchen. Und die gibt es: Vom Anti-Gewalt-Training über Koch- und Töpferworkshops bis hin zu Yoga reiche die Angebotspalette. Er selbst, so Jesuitenpater König, habe eine Bibelrunde initiiert – auf Anfragen einer Inhaftierten hin. Nur mit Musik- und Theatergruppen hätte man hier keine allzu guten Erfahrungen gemacht. Zu hoch sei die Fluktuation der in Untersuchungshaft befindlichen Häftlinge.

Medea in der Schwarzau

Was in Graz-Jakomini aufgrund einer oft nicht vorhersehbaren Aufenthaltsdauer weniger gut funktioniert, machte in der Justiz*anstalt Schwarzau Schule. Wer hierher, in das einzige Frauengefängnis Österreichs, kommt, hat nicht nur eine Strafe im Ausmaß von 18 Monaten bis lebenslänglich ausgefasst – die Frauen erfüllen auch eine wichtige Voraussetzung im Theaterbetrieb: Kontinuität. Filmemacherin Tina Leisch weiß darum. Ein knappes Jahr lang arbeitete sie mit den Schwarzauer Insassinnen am Stück „Medea bloß zum Trotz“. Als 2006 ihr auf dieser Arbeit basierende Film „Gangster Girls“ in die Kinos kommt, kann die gebürtige Deutsche bereits auf eine mehrjährige Theaterworkshop-Erfahrung in heimischen Gefängnissen zurückblicken. In der Sonderanstalt Gerasdorf hatte sie bereits mit jugendlichen Häftlingen gespielt, ebenso im Männerwohnheim in der Meldemannstraße im zwanzigsten Wiener Gemeindebezirk.
Was für sie den Unterschied in der theaterpädagogischen Arbeit mit Frauen ausmacht? „Unter Frauen gibt es weniger Gewalt in der Haft. Konflikte werden weniger schnell mit der Faust ausgetragen.“ Außerdem seien die Hierarchien unter Frauen weniger ausgeprägt. Als Tina Leisch die Schwarzauer Frauen im Theaterworkshop unter die Fittiche nimmt, stößt sie gleich auf großes Interesse und hohe Motivation. An einem Ort, an dem man sich zumeist verstellen müsse, bedeute Theater oft die einzige Form von Freiheit. Eine Rolle, in der man sich selber spiele oder jemanden anders mime, sei im Gefängnis oft die einzige Form der Selbstverwirklichung. „Theater ist ein neutrales Land, wo Dinge offen gesagt werden können, ohne dass etwas passiert oder Regeln der Anstalt verletzt werden.“
Wie eine Seelsorgerin sei sich Leisch bei den Proben mitunter vorgekommen, wenn sich ihr die Insassinnen sprachlich mitteilten, und darüber hinaus durch ihre Rollen. „Es kann total wohltuend sein, im Gefängnis*alltag einmal jemand anderer sein zu können.“ Und außerdem gebe es im Theater etwas Entscheidendes nicht: Die im Gefängnis überstrapazierte Kategorisierung von Wahrheit und Lüge.
Wieder zurück in der steirischen Landeshauptstadt. Im Frauentrakt der Justizanstalt Graz-Jakomini ist der Kuchen inzwischen fertiggebacken. Wie wohl ein Stück Mehlspeise hier im „Häf’n“ schmeckt? Erfahren werden das Leute von draußen nicht. „Das Schlimmste ist und bleibt immer noch der Freiheitsentzug“, erinnert Anstaltsleiter Manfred Ulrich die Besucher. Und der ist auch bei aufkommender Heimeligkeit und leckerem Kuchen immer noch Realität.

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