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36/2013 - Ganz gemeine Rollenspiele
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Ungelesen , 10:13
Ganz gemeine Rollenspiele

Welche Position ein Kind innerhalb der Klassengemeinschaft einnimmt, kann lebenslang prägend sein. Über die Dynamiken und Abgründe eines Systems.

Von Doris Helmberger

Da stehen sie also mit ihren vollgestopften Schultüten: Größere und Kleinere, Kräftigere und Zartere, Vorlautere und Schüchternere. Bis auf Ausnahmen sind sie einander noch nie begegnet; unbeschriebene Blätter, vom Zufall in eine gemeinsame Klasse geweht. Hier werden sie vermutlich nicht nur Freunde fürs Leben finden, Peers, denen sie sich auf Augenhöhe anvertrauen. Hier werden sie auch in völlig neue Rollen schlüpfen: als Anführer oder Mitläufer, als Streber oder Problemschüler, als Unauffällige oder jene, die nirgendwo dazugehören.
Wie es dazu kommt, dass Kinder in die Außenseiterrolle schlittern oder sogar Ziel physischer oder psychischer Gewaltakte werden, ist ein ewiges Rätsel. „Erscheinungsbild, physische Schwäche oder Introvertiertheit machen Kinder nicht zu Mobbing-Opfern“, glaubt Mechthild Schäfer, Psychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Autorin des 2010 erschienenen Buches „Du Opfer! Wenn Kinder Kinder fertigmachen“ (Rowohlt Verlag). „Es geht vielmehr um die Position, die das Kind im sozialen Gefüge der Klasse hat.“

Mobbing als Führungsproblem

So diffus diese Erklärung bleibt, so konkret wird Schäfer bei den Zahlen: In neun von zehn Klassen komme es ihrer Schätzung nach zu „Bullying“, also zu systematischen Attacken auf Gleichaltrige. Die Palette reicht dabei von subtilen, gruppendynamischen Prozessen wie Ausgrenzen oder Belächeln bis hin zu direkten, aggressiven Handlungen oder Cybermobbing.
Die Folgen für die Betroffenen sind fatal: Viele leiden unter psychosomatischen Erkrankungen, Depressionen und geringem Selbstbewusstsein. Die These, dass kindliche Mobbing-Opfer auch später wieder in diese Rolle geraten, wurde zwar von Studien widerlegt. Es gibt freilich Hinweise darauf, dass sie als Erwachsene in der Qualität ihrer Beziehungen beeinträchtigt sind.
„Konflikte gibt es in jeder Gruppe. Mobbing hingegen ist ein Konflikt im Wildwuchs – und als solches ein Führungsproblem“, weiß die Salzburger Psychotherapeutin Barbara Nigitz-Arch. Umso wichtiger sei es, dass Pädagogen Probleme rechtzeitig ansprechen – und bei weit fortgeschrittener Dynamik intervenieren. „Am wirksamsten ist, wenn Klassenvorstand, Beratungslehrer und Direktor gemeinsam die Mobber einer Tat überführen und bei Wiederholung Konsequenzen in Aussicht stellen, etwa den vorübergehenden Wechsel in eine andere Klasse“, sagt sie. „Was der Mobber erreichen will, nämlich die Ausgrenzung des anderen, stellt man ihm selbst als Rute ins Fenster.“
Bedarf nach Interventionsstrategien wie diesen gibt es in Österreich genug. Zwar ist das Problem „Cyberbullying“ hierzulande nur durchschnittlich ausgeprägt, doch beim „herkömmlichen“ Mobbing liegt man laut WHO-Studien im obersten Drittel – „und zwar im negativen Sinn“, weiß Christiane Spiel, Leiterin des Instituts für Angewandte Psychologie der Universität Wien. Eine repräsentative Zusatzanalyse zur PISA-Studie 2006 bestätigte die Dramatik: Acht Prozent der Jugendlichen erklärten, innerhalb der letzten sechs Wochen von Kollegen geschlagen oder verletzt worden zu sein, elf Prozent sagten, unterdrückt oder gequält worden zu sein – Buben stets häufiger als Mädchen.
Aufgeschreckt von diesen Daten wurde 2007 die nationale Initiative „Weiße Feder. Gemeinsam für Fairness und gegen Gewalt“ lanciert und 2008 im Regierungsprogramm verankert. Sie sah nicht nur mehr Psychologen und Sozialarbeiter in den Schulen vor, sondern auch die Gewaltpräventionsprogramme „Faustlos“ für Kindergärten und Volksschulen sowie „WISK“ für mehr soziale und interkulturelle Kompetenz im Sekundarbereich. 36 WISK-Begleiterinnen unterstützen mittlerweile die Schulen bei der Umsetzung, 24 befinden sich gerade in Ausbildung. Zudem wurde auch ein Online-Selfassessment zur Feststellung des Gewaltvorkommens in Schulen konzipiert. Doch haben diese Maßnahmen auch Früchte getragen? „Sie müssen sicher noch mehr in die Breite gehen“, erklärt Christiane Spiel, die sowohl die nationale Strategie wie auch das WISK-Programm mitkonzipiert hat. „Und es muss klar sein, dass Gewaltprävention auf Schul*ebene verankert werden muss, damit sie nachhaltig wirkt.“
Dessen ungeachtet gebe es für einzelne Lehrer viele Möglichkeiten, das Klassenklima zu verbessern: Erlebte Demokratie, also die Einbeziehung von Schülern in Entscheidungen, gehört laut Spiel ebenso dazu wie das Bemühen, in Klassen mit vielen Kindern aus Migrantenfamilien Gemeinsamkeiten zu betonen – und das Interesse an fremden Kulturen zu wecken.
Durchaus hilfreich wäre es vermutlich auch, das System „Klasse“ insgesamt durchlässiger zu gestalten – und die Rollen regelmäßig zu durchmischen. In Mehrstufenklassen geschieht das automatisch jedes Jahr: Jüngere kommen nach, Ältere gehen weg und „jeder erlebt sich auch einmal als einer, der anderen etwas weitergeben kann“, meint Claudia Leditzky, die jahrelang an der Volksschule Pfeilgasse im achten Wiener Gemeindebezirk unterrichtet hat. In altershomogenen Klassen hingegen komme es (wie beim Bundesheer) leicht zu Hahnenkämpfen. „Und wer einmal schwach ist“, so Leditzky, „der bleibt auch schwach.“
So etwas könnte auch im Wiener Lernzentrum „w@lz“ passieren, wo sich 14- bis 19-Jährige in Jahrgangsteams die Welt aneignen. Umso intensiver hat Gründerin Renate Chorherr am Modus der Gruppenbildung gefeilt: Schon bei der Aufnahme achtet sie darauf, keine Außenseiter zu provozieren. „Wir können nicht in eine Gruppe von Dynamischen einen einzelnen Schüchternen setzen“, sagt sie, „der wäre verloren.“

Jeden zumindest einmal wahrnehmen!

Ein einwöchiges Outdoor-Projekt im Kamptal gleich zu Schulbeginn soll die Gemeinschaft der neuen „W@lzisten“ zudem stärken. Vergangenen Dienstag ist der aktuelle Jahrgang aufgebrochen – mit im Gepäck Lebensmittel, Kochgeschirr und jene Planen, die beim Campieren im Freien notdürftig vor Regen schützen. Am Kamp angekommen, stehen nun nach dem Lageraufbau zahlreiche Übungen am Programm: von der Aufgabe, den eigenen sozialen Kosmos mit Naturgegenständen darzustellen, bis zur „Zen-Reihe“, bei der man sich paarweise gegenüber sitzt und erzählt, wie man als US-Präsident agieren würde oder wie sich die Beziehung zum Vater gestaltet. „Wir wollen, dass jeder Einzelne alle anderen zumindest einmal wahrgenommen hat“, erklärt der Outdoor-Pädagoge Johannes Halsmayer, der mit einer Kollegin die Gruppe begleitet. „Sonst bilden sich sofort Grüppchen von Leuten, die sowieso auf der gleichen Welle schwimmen. Und ein paar bleiben übrig.“
Einzelfälle von Mobbing kann auch dieser Start nicht verhindern. Das Gemeinschaftsgefühl intensiviert er aber gewiss, wie Halsmayer weiß: „Schon am zweiten Tag sagen viele, dass sie sich mehr als Teil einer Klassengemeinschaft fühlen als in der gesamten Schulzeit davor.“


Heißes Pflaster Klasse
Barbara Nigitz-Arch wird am 28. Februar 2014 im Bildungshaus St. Virgil über „Mobbing in der Schule“ referieren. Infos: www.virgil.at

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