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37/2013 - Achtsamkeit ist eine Kunst
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Ungelesen , 09:56
Achtsamkeit ist eine Kunst

Seminare und Literatur zum Thema Achtsamkeit boomen: 
Ist das Heilmittel gegen Burnout und Aufmerksamkeitsdefizite gefunden?

Von Ursula Baatz

Die Wörter „Stress“ und „Achtsamkeit“ haben einiges gemeinsam: Beide Worte sind noch keine 100 Jahre alt, und sie machen gemeinsam Karriere – je ärger der Stress wird, desto größer wird der Bedarf nach „Ent-Stressung“ durch Achtsamkeit. Selbst der superkritische Spiegel empfiehlt mittlerweile Achtsamkeitsübungen. Der „Achtsamkeits-Markt“ boomt, während immer mehr Menschen an Aufmerksamkeitsdefiziten oder Burnout leiden. Achtsamkeit erscheint als neues Allheilmittel für Probleme von Menschen in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit eine umkämpfte Ressource darstellt.

Von der Andacht zur Aufmerksamkeit

Meine Großmutter kochte nicht nur mit „Butter und Liebe“, wie sie sagte, sondern konnte auch etwas „mit Andacht“ tun. Gelegentlich ermahnte sie mich zum Beispiel, das Essen mit Andacht zu genießen. Das war keineswegs fromm gemeint, sondern ein Hinweis, wie ich „Butter und Liebe“ wertschätzend zu mir nehmen sollte. Sprachgeschichtlich betrachtet, wurde „Andacht“ zwar schon im 18. Jahrhundert als ein Wort mit frömmlerischem Beigeschmack empfunden und durch „Aufmerksamkeit“ ersetzt. Das wiederum war meiner Großmutter unbekannt, für sie konnte Andacht das eine wie das andere heißen. So verbanden die sonntäglichen Essensanweisungen als eine Art verbale Nabelschnur mit einer weit zurückliegenden Vergangenheit mit einem anderen Lebensstil: ohne elektronische Medien und Internet, Autos, elektrische Geräte aller Art usw., und wohl auch ohne Termindruck und Hetzjagd – und ohne Anforderung, permanent aufmerksam zu sein.
Man könne nicht dauernd aufmerksam sein, stellte der Wiener Arzt Viktor Urbantschitsch 1875 fest, indem er eine leise tickende Armbanduhr in einiger Entfernung vor das Ohr seiner Patienten hielt. Nach sechs bis acht Sekunden hörten die Patienten das Ticken nicht mehr – sie hatten sich daran gewöhnt und nahmen es nicht mehr wahr. Was Aufmerksamkeit ist, und wie sie funktioniert, ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eines der großen Themen der psychologischen Forschung. Die dient keineswegs nur der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern dem technisch-ökonomischen Komplex. Denn ohne Aufmerksamkeit keine Industriegesellschaft, aber ohne Aufmerksamkeit auch keine Konsumgesellschaft. Autofahrer sollen nicht gleichzeitig telefonieren, sondern ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Verkehr widmen; die E-Mails am PC oder Smartphone verlangen Aufmerksamkeit, zugleich sollte man aber auch aufmerksam ein Gespräch führen, usw. Die fokussierte, willkürliche Aufmerksamkeit, die im Alltag gefordert ist, macht müde. Wer sich dann erschöpft abends vorm Fernseher niederlässt, um sich zu entspannen, wird neuerlich um Aufmerksamkeit gebeten: diesmal allerdings unwillkürlich. Die Bilder am Schirm ziehen die Aufmerksamkeit unwillkürlich an, ein Effekt, den die Werbung zielgerichtet und in immer ausgeklügelterer Weise nützt.
Seit den Zeiten von Edward Bernays, dem Freud-Neffen und Erfinder der PR haben sich die Methoden mithilfe der Neuro-Forschung verfeinert, doch das Prinzip ist dasselbe geblieben: Es geht um eine gezielte Steuerung der unwillkürlichen Aufmerksamkeit, und das macht vor allem die elektronischen Medien zum „effektivsten und durchdringendsten Apparat der Welt für die Vermittlung von Ideen“ (Edward Bernays). Die Aufmerksamkeit wird so zu einem ökonomisch wichtigen Motor der Gesellschaft, wie Georg Franck festgestellt hat.
Die Ökonomisierung der Aufmerksamkeit überfordert die Menschen jedoch – denn das Potenzial an Aufmerksamkeit ist aus physiologischen Gründen begrenzt. Die Reaktion auf die Überforderung ist denn auch sowohl emotional als auch physiologisch: sie beginnt mit Wahrnehmungsverengungen, Muskelverspannungen, Erschöpfung, es folgen Störungen des vegetativen Nervensystems – Schlafstörungen z.B. oder undefinierbare Bauchschmerzen; Wutanfälle oder depressive Verstimmungen; und am Ende heißt es dann „Burnout“, ein Phänomen, das erstmals in den 1970er-Jahren beschrieben wurde.

Von der Aufmerksamkeit zur Achtsamkeit

In den 1970er-Jahren tritt auch die „Achtsamkeit“, „Mindfulness“ auf Englisch, zum ersten Mal am klinischen Parkett auf. Der US-amerikanische Mediziner Jon Kabat-Zinn hatte für sich selbst die hilfreiche Kraft buddhistischer Meditationspraktiken wie Zen oder Vipassana entdeckt. Sich offen, ohne Beurteilung, neugierig und liebevoll auch auf schwierige Situationen einzulassen, erwies sich auch für seine chronischen Schmerzpatienten als hilfreiche Übung. Die Achtsamkeit auf den Atem stellte dabei so etwas wie einen „Anker“ für die Übung dar. Kabat-Zinn begann, diese Achtsamkeits-Praktiken – ohne ihren buddhistischen Kontext – systematisch in der Klinik der Medical School der University of Massachusetts anzuwenden. Daraus entstand MBSR, Mindfulness Based Stress Reduction, achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, als Prophylaxe und zur Unterstützung von anderen Therapien bei Stress, Schmerzen und psychophysischen Belastungen. Diese Methode, die Elemente buddhistischer Meditation, Yoga und Gruppenprozesse verbindet, ist in ihrer Wirksamkeit klinisch gut evaluiert.
Eine weitere klinisch gut evaluierte Anwendung von Achtsamkeitsübungen ist Mindfulness Based Cognitive Therapy (MBCT), die unter anderem vom englischen Psychotherapeuten Mark Williams für die Rückfall-Prophylaxe bei Depressionen entwickelt wurde. Mittlerweile zeigen Studien, dass die Methode – die in Österreich nur von Ärzten und Psychotherapeuten angewendet werden darf – auch bei akuter Depression hilfreich ist.
Um den Unterschied zwischen Achtsamkeit und Aufmerksamkeit deutlich zu machen, muss man sich an die Herkunft des Wortes erinnern. Als erster verwendete der Indologe Karl Eugen Neumann um 1900 das damals ungebräuchliche und altertümliche Wort, um Anweisungen des Buddha aus dem Pali-Kanon für die Übung der Meditation auf Deutsch wiederzugeben. Eine feste Bedeutung erhielt „Achtsamkeit“ dann durch Nyanatiloka, einen gebürtigen Deutschen, der von 1903 bis zu seinem Tod 1957 in Sri Lanka als buddhistischer Mönch lebte. In seinem „Wörterbuch buddhistischer Grundbegriffe“ – bis heute ein Standard-Nachschlagewerk – übersetzt Nyanatiloka den Pali-Ausdruck „sati“ unter anderem mit „Achtsamkeit als Fähigkeit, als Kraft, als rechte Besinnung“.

Mehr als Konzentration und Entspannung

Es geht also nicht bloß um eine Konzentration auf das „Hier und Jetzt“, aber es geht auch nicht um Entspannung. Es geht um eine andere Haltung zum Leben. Achtsamkeit bedeutet, alle Lebensprozesse – körperliche, emotionale oder Denkprozesse usw. achtsam wahrzunehmen. In einer Pali-Lehrrede des Buddha wird das mit der Arbeit eines geschickten Drechslers verglichen, der genau weiß, wie er ein schönes Werkstück herstellen kann. Achtsamkeit braucht „technische Hinweise“, wie zum Beispiel Impulse, wie man mit störenden Gedanken oder Gefühlen umgehen könnte, oder wie man dem Atem folgen kann. Doch Achtsamkeit ist weit mehr als eine „Technik“ – denn sonst wäre jeder gute Taschendieb ein Meister der Achtsamkeit. Es geht um „rechte Achtsamkeit“, und die braucht „rechte Erkenntnis“, also den Maßstab einer ethischen Lebensorientierung.
In gewisser Weise ist die Übung der Achtsamkeit eine Kunst. Wie bei einem Instrument lernt man zuerst die Grundbegriffe und erst mit fortschreitender Übung lernt man dessen Möglichkeiten und Reichweiten besser kennen, handhaben und verstehen. So ähnlich verhält es sich auch mit Achtsamkeit, nur dass das Instrument der Achtsamkeit die oder der Übende selbst ist. Man könnte sagen: Es ist das Instrument des eigenen Lebens – und zwar als Teil des Orchesters der Welt, das man durch die Achtsamkeitsübung kennen, schätzen und immer feiner spielen lernt. Dass diese Übungen auch physiologisch nachweisbare Wirkungen haben, trägt zu ihrer Akzeptanz bei. Doch ihre Essenz ist die Erfahrung der subtilen Tiefe des Lebens, eine zutiefst menschliche Qualität. Statt zu hetzen, einmal innehalten, sich umsehen, atmen: das ist es einfach.


Die Autorin ist Religionsjournalistin, Religionsphilosophin sowie Lehrerin für Meditation und MBSR.

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