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37/2013 - Achtsamkeit als FastFood
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Ungelesen , 10:04
Achtsamkeit als FastFood

Es geht um mehr als um Stressabbau oder Burnout-Prophylaxe: Achtsamkeitspraxis darf nicht von den buddhistischen Wurzeln und ihrer ethischen Relevanz entkoppelt werden.

Von Ronald E. Purser und David Loy

Über Nacht wurde die achtsame Meditation zum Mainstream, sie wird in Schulen, Firmen, Gefängnissen, Behörden, sogar beim US-Militär praktiziert. Millionen ziehen aus ihrer jeweiligen Achtsamkeitspraxis konkreten Nutzen: weniger Stress, bessere Aufmerksamkeit, vielleicht auch ein wenig mehr Mitgefühl. Diese Entwicklung ist zweifellos zu begrüßen, sie hat aber auch Schattenseiten.
Die Achtsamkeitsrevolution scheint ein Allheilmittel für beinahe jede Alltagssorge zu sein. Bücher zum Thema heißen etwa „Achtsam erziehen“, „Achtsam essen“, „Achtsam unterrichten“, „Achtsame Politik“, „Achtsame Therapie“, „Achtsam führen“, „Der achtsame Weg durch die Depression“, „Der achtsame Weg zum Selbstmitgefühl“. Fast täglich zitieren die Medien Studien über den vielfältigen gesundheitlichen Nutzen der Achtsamkeitsmeditation, und wie solch simple Praktiken neurologische Veränderungen im Gehirn zur Folge haben.
Den Popularitätsboom der Achtsamkeitsbewegung macht sich auch eine lukrative Trainings- und Seminar-Industrie zunutze. Smarte Anbieter versprechen, dass das Achtsamkeitstraining die Arbeitseffizienz erhöht, die Fehlzeiten reduziert und die Sozialkompetenz steigert, die für den beruflichen Erfolg entscheidend ist. Einige behaupten gar, dass das Achtsamkeitstraining als eine „revolutionäre Technologie“ fungieren kann, die sogar aus völlig zerrütteten Firmen nettere, mitfühlendere und nachhaltigere Organisationen macht. Allerdings gibt es bislang keine empirischen Studien, die diese Behauptungen stützen.

Buddhistische Verbindungen gekappt

Im Bemühen, ihre Marke zu etablieren, kündigen die Anbieter von Achtsamkeitstraining ihre Kurse oft als „buddhistisch inspiriert“ an. Aber, mitunter im gleichen Atemzug, versichern sie ihren Auftraggebern, dass ihre je spezielle Marke von Achtsamkeit alle Verbindungen und Beziehungen zu ihren buddhistischen Ursprüngen gekappt hätte. Das Entkoppeln der Achtsamkeit von ihrem ethischen und religiösen, buddhistischen Kontext kann da als ein Schachzug verstanden werden, um solch ein Training zu einem marktfähigen Produkt zu machen. Doch die Geschwindigkeit, Achtsamkeit zu säkularisieren und in eine marktgerechte Technik umzuwandeln, führt auch dazu, die alte Praxis ihrer Natur zu berauben, die viel mehr kann als Kopfschmerzen zu lindern, den Blutdruck zu verringern oder Führungskräfte zu unterstützen, zielgerichtet und produktiver zu werden.
Während eine entkleidete, säkularisierte Technik – einige Kritiker sprechen von „Fastfood-Achtsamkeit“ – in der Geschäftswelt leichter genießbar sein kann, bedeutet die Entkoppelung der Achtsamkeit von ihrem ursprünglich befreienden und umgestaltenden Ziel sowie von ihrer sozialethischen Grundlegung, einen Pakt mit dem Teufel. Anstatt die Achtsamkeit als ein Mittel zu verstehen, Einzelne und Organisationen aufzuwecken, um die unheilvollen Wurzeln von Gier, Böswilligkeit und Täuschung zu überwinden, wird sie zu einer banalen, therapeutischen Selbsthilfemethode, die genau diese Wurzeln wieder zum Vorschein bringt.

Ein Pakt mit dem Teufel

Die meisten wissenschaftlichen wie populärwissenschaftlichen Abhandlungen, die in den Medien kursieren, beschreiben die Achtsamkeit in Bezug auf Stressabbau und Aufmerksamkeitsförderung. Aber Achtsamkeit, wie sie in der buddhistischen Tradition verstanden und praktiziert wird, ist keine ethisch neutrale Technik, Stress zu reduzieren und die Konzentration zu steigern. Achtsamkeit ist vielmehr eine bestimmte Qualität der Aufmerksamkeit, die von vielen anderen Faktoren abhängt und beeinflusst wird: von der Natur unserer Gedanken, Redeweise und Taten; von unserer Lebensweise; von unserem Bemühen, unheilvolle und ungeschickte Verhaltensweisen zu vermeiden und dagegen solche zu entwickeln, die dem vernünftigen Handeln, der sozialen Harmonie und dem Mitleid zuträglich sind.
Deshalb unterscheiden die Buddhisten zwischen rechter Achtsamkeit (samma sati) und verkehrter Achtsamkeit (miccha sati). Die Unterscheidung ist keine moralische: Es geht um die Frage, ob die Qualität des Bewusstseins durch heilsame Intentionen und positive Qualitäten des Geistes charakterisiert wird, welche zu menschlicher Entwicklung und höchstem Wohlbefinden für andere wie für sich selbst führen.
Nach dem Pali-Kanon, den ältesten dokumentierten Lehren des Buddha, kann sogar eine Person, die ein vorsätzliches und abscheuliches Verbrechen begeht, Achtsamkeit anwenden, allerdings verkehrte Achtsamkeit. Klarerweise hat die achtsame Aufmerksamkeit, die zielgerichtete Konzentration eines Terroristen, eines Attentäters aus dem Hinterhalt oder eines Wirtschaftskriminellen nicht die gleiche Qualität wie die Achtsamkeit, die der Dalai Lama und andere buddhistische Meister entwickelt haben. Rechte Achtsamkeit ist von Vorsätzen und Motiven geleitet, die auf Selbstbeherrschung beruhen, einem gesunden Geisteszustand sowie ethischem Verhalten – Ziele, die Stressabbau und Verbesserungen in der Konzentration einschließen, aber darüber hinaus gehen.
Ein weiteres Missverständnis identifiziert die Achtsamkeitsmeditation als eine private, innere Angelegenheit. Achtsamkeit wird oft als eine Methode zur persönlichen Erfüllung empfohlen, eine Atempause in den Irrungen und Wirrungen des mörderischen Berufslebens. Solch eine individualistische und konsumistische Ausrichtung gegenüber der Praxis der Achtsamkeit mag zur Selbsterhaltung und persönlichen Entwicklung beitragen, ist aber grundsätzlich ungeeignet, die Ursachen von kollektiven oder organisatorischen Mängeln zu bekämpfen.
Wenn die Achtsamkeitspraxis auf diese Weise zersplittert wird, geht das Zusammenspiel der persönlichen Motive verloren. Der eigene persönliche Wandel wird von der Notwendigkeit eines sozialen und organisatorischen Wandels, der die Ursachen und Bedingungen des Leidens in der weiteren Umwelt in den Blick nimmt, getrennt. Solch eine Kolonisierung der Achtsamkeit instrumentalisiert die Praxis und unterzieht sie einer Umorienterung gemäß den Anforderungen des Marktes, anstatt die Ursachen unseres kollektiven Leidens oder sozialer Dukkha kritisch zu reflektieren.
Der Buddha unterstrich, dass seine Lehren das Verständnis und das Beenden von Dukkha („Leiden“ im weitesten Sinn) zum Inhalt haben. Wie also umgehen mit Dukkha, das durch die Funktionsweise von Institutionen hervorgerufen wird?
Bis heute vermisst man in der Achtsamkeitsbewegung jede ernsthafte Überlegung, warum Stress im modernen Wirtschaftsleben so um sich greift. Statt dessen springen die Unternehmen auf den Achtsamkeitszug auf, denn dieser legt bequemerweise die Last auf den einzelnen Mitarbeiter: Stress gilt als persönliches Problem, und die Achtsamkeit wird als die richtige Medizin angeboten, die den Beschäftigten hilft, effizienter und gelassener in einer vergifteten Umgebung zu arbeiten.
Von einer Aura aus Fürsorge und Menschlichkeit verhüllt, wird die Achtsamkeit zu einem Sicherheitsventil umgestaltet, einem Weg, Dampf abzulassen, einer Technik, mit den Belastungen des Wirtschaftslebens fertigzuwerden.

Der ethische Zugang bleibt zweitrangig

Das Ergebnis ist eine fein zerstäubte und hochprivatisierte Version der Achtsamkeitspraxis.
Bhikkhu Bodhi, ein bekannter westlicher buddhistischer Mönch, warnt: „Fehlt eine klare Sozialkritik, so können buddhistische Praktiken leicht dazu benutzt werden, den Status quo zu rechtfertigen und zu stabilisieren, und so zu einer Stärkung des Konsumkapitalismus zu werden.“ Leider wird ein ethischerer und sozial verantwortlicherer Zugang zur Achtsamkeit derzeit von vielen Praktizierenden als untergeordnetes Anliegen betrachtet oder als unnötige Politisierung eines persönlichen Wegs der Selbsttransformation.
Es ist zu hoffen, dass die Achtsamkeitsbewegung nicht dem üblichen Kurvenverlauf geschäftlicher Moden folgt – hemmungsloser Enthusiasmus, unkritische Annahme des Status quo und schließlich Desillusionierung. Um eine ernsthafte Triebkraft für persönlichen und sozialen Wandel zu sein, muss sie einen ethischen Rahmen wiedergewinnen und nach höheren Absichten streben, die das Wohl aller Lebewesen im Blick haben.


Ronald E. Purser ist Professor of Management an der San Francisco State University, David Loy ist Zen-Lehrer, sowie Professor und Buchautor zu Buddhismus und Moderne.
Aus dem Amerikanischen von Otto Friedrich.

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