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38/2013 - Attraktiv ist relativ
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Ungelesen , 12:21
Attraktiv ist relativ

Liegt es am Aussehen, am Geruch, am sozio-ökonomischen Status – oder an etwas ganz anderem? Die menschliche Partnerwahl gibt den Forschern Rätsel auf.

Von Michael Kraßnitzer und Doris Helmberger

Welche Kraft es war, die Bernie Ecclestone und Slavica Radi´c vor knapp 30 Jahren magisch angezogen hat, kann man nur vermuten. Waren es die Milliarden des Formel-1-Bosses, die Radi´cs Herz spontan höher schlagen ließen? Waren es die körperlichen Vorzüge des kroatischen Armani-Models, die Ecclestone entflammten? Oder war es doch nur ein ähnlicher Sinn für Humor, der stärker war als ein Kopf Größenunterschied? Was es auch war, es band die beiden fast 25 Jahre lang aneinander. Erst im März 2009 wurde die Ehe geschieden; drei Jahre später heiratete der 81-jährige Sport-Tycoon mit der langbeinigen 35-jährigen Brasilianerin Fabiana Flosi zum dritten Mal. Er schätze vor allem ihren Humor, erklärte er gegenüber Journalisten.
Warum sich zwei Menschen anziehend finden, ist eines der großen Rätsel der Menschheitsgeschichte. Heerscharen von Psychologen, Evolutionsbiologen, Anthropologen, Neurologen, Biochemikern und Soziologen haben das Phänomen der Partnerwahl zu ergründen versucht und höchst unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten entschlüsselt. Nicht wenige dieser Erkenntnisse haben Eingang in jene komplizierten Algorithmen und Persönlichkeitstests gefunden, derer sich heute zahllose Online-Partnerbörsen bedienen (vgl. Seite 10).

Digitale Turtelei und reale Ernüchterung

Gerade jetzt zu Herbstbeginn werden diese mehr oder weniger seriösen Angebote wieder vermehrt genutzt. Doch wenn in der Theorie zwei Menschen ein perfektes Paar ergeben, bedeutet das noch lange nicht, dass es zwischen den beiden auch in der Realität funkt. Ob das erste Rendezvous zu einem heißen Flirt oder zu einem quälenden Reinfall wird, hat seine Ursache in Prozessen, die tief in unserem Innersten verankert sind und jenseits unserer Kontrolle liegen.
Ähnliches Aussehen, unterschiedlicher Geruch: Auf diese Formel lässt sich das Prinzip bringen, nach dem die Partnerwahl getroffen wird – und zwar schon in den ersten Augenblicken. Nach Studien des Kognitionsforschers David Perrett von der Universität St. Andrews in Schottland reagieren die meisten Menschen positiv auf Gesichter, die dem eigenen ähnlich sehen. Der Wissenschaftler legte Testpersonen eine Reihe von Fotos andersgeschlechtlicher Personen vor – darunter auch ein am Computer bearbeitetes Bild der Testperson selbst. Prompt reagierten die Probanden am positivsten auf das eigene Bild.
Ganz anders beim Körpergeruch: Laut Manfred Milinski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie im norddeutschen Plön, fühlen sich Personen von jenem Geruch besonders angezogen, der sich stark vom eigenen unterscheidet. Kein Wunder: Schließlich enthält der Körpergeruch Informationen über die Immunausstattung eines potenziellen Partners, und je optimaler dieser die eigenen Immungene ergänzt, desto breiter ist das Spektrum von Krankheitserregern, gegen das etwaige Kinder resistent sind.
Gilt diese starke, olfaktorischer Ausrichtung für beide Geschlechter gleichermaßen, so wird die körperliche Attraktivität des Gegenübers von Männern und Frauen deutlich unterschiedlich gewichtet. Aus Sicht der Evolutionspsychologie leicht nachvollziehbar: Schließlich gibt es zwischen den Geschlechtern ein höchst „asymmetrisches Investment in die Nachkommen“, wie der Wiener Verhaltensforscher Karl Grammer weiß: Während Frauen neun Monate lang eine Schwangerschaft durchlaufen, können Männer in dieser Zeit eine Vielzahl von Kindern zeugen. Folgerichtig bevorzugen Frauen sozial gut gestellte Männer mit Ambition und Fleiß, während Männer ihre Aufmerksamkeit eher auf weibliche Attraktivität richten. Eine Frau mit regelmäßigen Gesichtszügen, vollen Lippen, rosigen Wangen und symmetrischen Brüsten strahlt eben Gesundheit aus und wird daher etwaigen Kindern mit größerer Wahrscheinlichkeit eine gute, biologische Mutter sein.
Gemäß dem aktuellen Schönheitsideal präferieren Männer heute zwar eher schlanke Frauen – doch die uralte Programmierung des Menschen schlägt manchmal durch: Stehen Männer unter Stress, dann bevorzugen sie üppigere Frauenkörper, die ausreichenden Zugang zu Nahrung und eine bessere Gesundheit signalisieren. Besonders attraktiv werden Frauen für Männer während der Tage ihres Eisprungs, wie die Biologinnen Alexandra Alvergne und Virpi Lummaa von der Universität Sheffield in einer Meta-Studie feststellen konnten.
Diese Zyklus-Abhängigkeit zeigt sich nach Ansicht der beiden Forscherinnen auch umgekehrt bei den weiblichen Präferenzen: Durchlaufen Frauen gerade die fruchtbaren Tage ihres Zyklus, so erliegen sie eher den Verlockungen des Testosterons – also bevorzugt maskulinen, dominanten Männern mit breiten Kieferknochen. Zudem schätzen Frauen in dieser Phase auch potentielle Konkurrentinnen unattraktiver ein als sonst, wie Forscher der Universität Toronto entdeckt haben. Sind Frauen hingegen nicht empfängnisbereit, dann tendieren sie zu „weicheren“ Männertypen, denen sie unbewusst mehr Empathie und Treue zutrauen – Eigenschaften, die für die gemeinsame Kinderaufzucht von Vorteil sind.

Duften wie der Vater

Ein weiterer Faktor verkompliziert freilich die weibliche Partnerwahl noch zusätzlich: Frauen fühlen sich nämlich auch zu Körpergerüchen hingezogen, die dem ihres eigenen Vaters ähneln. Die Humangenetikerin Carole Ober von der University of Chicago hat festgestellt, dass Frauen Gerüche von Männern mit ähnlichen Genen im so genannten MHC-Komplex favorisieren. Die Erbinformationen in diesem Komplex, die nicht nur eine wichtige Funktion im Immunsystem haben, sondern auch den individuellen Geruch eines Menschen beeinflussen, bekommen Frauen vom männlichen Elternteil mit.
Doch läuft die Partnerwahl des 21. Jahrhunderts tatsächlich noch immer nach den gleichen evolutionsbiologischen Prozessen ab wie weiland in den Höhlen der Steinzeit? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Kulturelle und soziologische Faktoren, Bildung und Beruf spielen zunehmend eine Rolle. Zwar werden Beziehungen – zumindest in den westlichen Industriegesellschaften – nicht mehr von der Gemeinschaft oder den Eltern arrangiert: Dennoch formieren sich bis heute nur selten Paare über soziale Grenzen hinweg. Gerade in Österreich ist diese „Bildungshomogamie“ besonders ausgeprägt – und die soziale Mobilität bei der Partnerwahl besonders gering, wie Erna Appelt und Albert F. Reiterer 2009 in der „Österreichischen Zeitschrift für Soziologie“ publizierten: So leben über 60 Prozent aller Akademikerinnen hierzulande mit einem Akademiker zusammen. Bei Frauen mit einem Lehrabschluss ist dieser Homogamie-Quotient mit 71,5 Prozent sogar noch höher.
Und welche Rolle spielen bei alledem die inneren Werte? Keine allzu große, zumindest wenn man dem Sozialpsychologen Paul Eastwick von der Northwestern University in Illinois (USA) glaubt: Im Rahmen einer Dating-Studie habe sich gezeigt, dass geduldige, wohlwollende und offenherzige – kurzum nette – Männer bei Frauen schlechte Karten haben und gegenüber männlichen Konkurrenten häufig den Kürzeren ziehen. Am anziehendsten fanden Frauen demnach jene Männer, die sie im Ungewissen darüber ließen, ob sie Interesse an einem weiteren Treffen haben. Am besten sollten Männer nicht einmal lächeln, sondern ihre düstere oder dominante Ader hervorkehren: Laut der Psychologin Jessica Tracy von der University of British Columbia macht der Ausdruck von Freude und Glück ein männliches Gesicht für Frauen schlichtweg unattraktiv.
Vielleicht war es ja einfach Bernie Ecclestones finsterer Blick, den Slavica Radi´c vor knapp 30 Jahren so ungeheuer anziehend fand. Wer braucht da schon Milliarden?

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  23:34:55 07.16.2005