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38/2013 - Amor digitalis
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Ungelesen , 12:24
Amor digitalis

Online-Börsen wie „eDarling“ oder „Parship“ haben die Partnersuche revolutioniert. Doch wie treffsicher sind sie wirklich? Einblicke in den Algorithmus der Liebe.

Von Stefan May

Im vierten Stock einer ehemaligen Fabrik für Beleuchtungskörper in Berlin-Kreuzberg sitzen die Match-Maker. Sie produzieren freilich weder Streichhölzer noch Fußballspiele, wie man dem Namen nach vermuten könnte; sie kreieren vielmehr Liebespaare – etwas, wofür früher der Zufall, das Schicksal oder göttliche Fügung nötig war. „Das Matchmaking ist keine psychologische Übung“, erklärt David Khalil, der 31-jährige Chef der Truppe. „Das ist zwar eine Komponente, aber nicht einmal die Hälfte dessen, was passiert.“
Seit 2008 ist Khalil Geschäftsführer der elektronischen Partnervermittlungsagentur „eDarling“ in Berlin, nach eigenen Angaben europaweiter Marktführer, mit 350 Mitarbeitern und Präsenz in 20 europäischen Ländern – einschließlich Chile und Mexiko. Hier in Berlin laufen alle Fäden zusammen. Hier sitzen junge Leute aus rund 40 Nationen und betreuen 13 Millionen paarungswillige Kunden. So international wie die Firma sind auch die Mitarbeiter: Jedes Land hat mindestens einen Repräsentanten am Bildschirm, der telefonisch oder per E-Mail die Anliegen der Landsleute beantwortet, die sich nach einer Partnerschaft sehnen. Da geht es einmal um Zahlungen, das andere Mal darum, dass der- oder diejenige zu wenig Zuschriften erhält. Dann wird geraten, das Anforderungsprofil zu lockern, beispielsweise einen Nichtraucher ebenso zu akzeptieren wie eine Person unter einen Meter 60 oder über 80 Kilogramm.
Das Matchen, also die Vermittlung von Partnern mit möglichst „passendem“, sprich übereinstimmendem Persönlichkeitsprofil, ist ein technisch-mathematischer Prozess. Täglich nach Mitternacht beginnen die Programme auf Basis von Optimierungs- und Verteil-Algorithmen präsumtive Partner zu verlinken. Wie dies genau funktioniert, ist ein Geschäftsgeheimnis. Das Netz jedenfalls ist eng gestrickt, denn wer sich auf ein Abonnement bei „eDarling“ einlässt, muss erst einmal 280 Fragen beantworten. „Das schreckt Fake-Produzenten ebenso ab wie bloße Abenteurer,“ erklärt David Khalil.
Ab neun Uhr früh wird jeden Tag die elektronische Post versandt. 20 Mitgliedervorschläge erreichen einen Kunden solcherart pro Tag – wobei die Mitglieder, je nach Herkunft, durchaus unterschiedlich agieren. „Die österreichischen Kernmitglieder sind oft in der ,zweiten Runde‘ und wissen genau, was sie suchen“, erklärt Sibylle Regli, die neben der Schweiz und Deutschland auch Österreich betreut. Abonnenten aus Spanien oder Polen seien hingegen deutlich jünger. Die zweite hiesige Besonderheit sei, dass man nicht über größere Distanzen lieben wolle. 63 Prozent der Österreicher möchten die Liebe fürs Leben innerhalb eines Radius von 100 Kilometern erhaschen.

Jedes dritte Abo hat offiziell Erfolg

Nach durchschnittlich 80 Tagen habe schließlich ein Topf seinen Deckel gefunden, ergänzt David Khalil. Die gesamte Erfolgsquote liege bei einem Drittel der Abos, die durchschnittliche Verweildauer bei 18 Monaten. Mehr als 100 Zuschriften dankbarer Paare, die ihre Geschichte erzählen, Bilder von ihrer Hochzeit oder ihrem Baby schicken, würden das Unternehmen pro Woche erreichen. Eine ganze Wand zwischen den Großraumbüros ist mit Fotos glücklicher Paare beklebt.
So sehr man bei „eDarling“ die eigene Exklusivität unterstreicht: Auf dem stetig wachsenden Markt digitaler Beziehungsanbahner ist man nur ein Player von vielen. Egal ob „Parship“, „ElitePartner“ oder „FriendScout24“: Sie alle haben mit der Möglichkeit, unabhängig von örtlicher oder zeitlicher Gebundenheit nach dem Herzblatt zu fahnden, die Partnersuche revolutioniert – und damit gutes Geld gemacht: Längst ist das Online-Dating ein Milliarden-Euro-Geschäft geworden, das sogar die weltweite Wirtschaftsflaute mit satten Gewinnen überstanden hat.
Umso vorsichtiger sollten bindungswillige Singles sein – zumal so manche Vorwürfe gegen diverse Anbieter kursieren: Sie reichen von Gratis-Lockangeboten, die unversehens in kostenpflichtige Abos münden, bis hin zur Vermittlung absichtlich unpassender oder gar fingierter Kontakte, um Kontaktsuchende länger als Kunden zu halten.
Dazu kommt noch die Gretchenfrage: Sind Online-Partnerbörsen tatsächlich so treffsicher und erfolgreich, wie sie auf ihren Werbebannern verkünden? Ein Team von US-Psychologen um Eli J. Finkel von der Northwestern University hat zahlreiche Dating-Seiten untersucht – und ihnen ein nicht allzu schmeichelhaftes Urteil ausgestellt. Laut einer 2012 im Fachblatt „Psychological Science in the Public Interest“ (PSPI) publizierten Studie würden die meisten Anbieter schlicht Personen zusammenführen, die einander ähneln – und nur in Ausnahmefällen nach dem Motto „Gegensätze ziehen sich an“ agieren. Doch ob der Grad der Ähnlichkeit mit dem Beziehungserfolg korreliere, sei nach wie vor ungeklärt.

Beschönigen und schummeln

Dazu kommt, dass die meisten Partnerbörsen Singles mit „passenden“ Profilen regelrecht überschütten, die jedoch kaum Rückschlüsse darauf erlauben, welche Partner tatsächlich vielversprechend sind. Beim Durchblättern der Profile neigen Interessenten deshalb oft dazu, völlig irrelevante Merkmale überzubewerten. Von den Beschönigungen und Schummeleien in Fragebögen oder E-Mails gar nicht zu reden.
Bei einem persönlichen Kontakt von Angesicht zu Angesicht – oder selbst bei einem Telefonat – sei dies nicht so leicht möglich, heißt es in der Studie. Um die Treffsicherheit von Dating-Seiten zu erhöhen, schlägt Finkel deshalb etwa Speed-Dating via Webcam vor.
Bei „eDarling“ hat man indes eine andere Ideen geboren: So wurde etwa in Deutschland die Schiene „Shop a Man“ entwickelt, wo Männer von Frauen wie Waren virtuell „in den Einkaufswagen“ gelegt werden können, was laut Psychologin Wiebke Neberich „locker-flockig mit großem Fun-Faktor“ sei. Dazu passt auch die „Dating-Timeline“ an der Wand des Berliner Lofts: Hier ist vermerkt, nach dem wievielten Date es zum ersten Kuss kommt – und nach dem wievielten ein Paar im Bett landet. Eine Art Knigge für Rendezvous auf elektronischer Basis also. „In Amerika ist das viel stärker reguliert: Ab dem dritten Date wird dort geküsst“, sagt Neberich. „Aber in Europa hat sich dieser normative Dating-Prozess völlig aufgelöst, wobei es nun das Problem gibt, dass beide Partner warten, aber keiner sich meldet.“
Da stößt offenbar auch ein logarithmisches Wunderwerk wie „eDarling“ an seine Grenzen.

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  20:59:36 07.17.2005