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39/2013 - Erzähltes, gewoben aus Seemannsgarn
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Ungelesen , 10:40
Erzähltes, gewoben aus Seemannsgarn

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Wer keine Reise tut, der auch. Vielleicht vor allem der. Reise zu den phantastischen und doch realen Ländern der Literatur.


Von Brigitte Schwens-Harrant

Ich will euch etwas erzählen. So setzen sie ein, die Geschichten von fernen Ländern und sonderbaren Dingen, von gebratenen Hühnern, die fliegen, und Fliegen so groß als hier die Ziegen. Schon hängen Zuhörerinnen und Zuhörer gebannt an den Lippen der Erzähler. „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“, sagt der Volksmund und denkt sich den Erzähler als einen, der von weither kommt. Wer nichts erlebt hat oder gar nicht erst fort war, der muss nun gut erfinden.
Zuallererst den Zeugen, damit die Geschichte, so unglaublich sie sich auch anhört, dennoch verlässlich klingt. Ihr Kaiser, Könige, Herzöge, Fürsten, Grafen und Ritter und alle anderen ... – lest dieses Buch und ihr werdet darin die wunderbarsten und merkwürdigsten Beschreibungen der Völker, besonders in Armenien, Persien und im Lande der Tataren finden, wie sie in dem vorliegenden Werke von Marco Polo niedergelegt worden sind, einem weisen und gelehrten Bürger der Stadt Venedig, der einen scharfen Unterschied macht zwischen dem, was er mit eigenen Augen sah, und dem, was ihm andere mitgeteilt haben. Denn dieses Buch soll nur wahre und zuverlässige Angaben enthalten.
Aufgezeichnet werden solche wahren und zuverlässigen Angaben, gesehen angeblich mit eigenen Augen, freilich nicht selten von einem anderen: hier von dem Herrn Rustigielo, einem Bürger der Stadt Pisa, der in Genua in demselben Gefängnis weilte wie Marco Polo. Falls diese Geschichte wahr ist. Falls nicht, ist sie so gut erfunden, dass sie bis heute wirklich ist.
Es ist die Neigung der Erzähler, ihre Geschichte mit einer Darstellung der Umstände zu beginnen, unter denen sie selber das, was nachfolgt, erfahren haben, wenn sie es nicht schlichtweg als selbsterlebt ausgeben. Vorworte beglaubigen die Zeugenschaft – oder setzen Positionslichter, die hellhörig machen: Über dem Ganzen liegt ein Schimmer offensichtlicher Wahrheit; und wirklich war der Verfasser wegen seiner Wahrheitsliebe so berühmt, daß es unter seinen Nachbarn zu Redriff zur sprichwörtlichen Redensart wurde zu sagen: „Es ist so wahr, als ob Herr Gulliver es gesagt hätte“, wenn einer etwas behauptete.

Das Erfundene im Realen


Der Autor Jonathan Swift bereiste freilich nicht wie sein Protagonist Gulliver Liliput, Brobdingnag, Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Glubbdubdrib und das Land der Houyhnhnms, es wäre ihm wohl auch schwer gefallen, diese Länder auf einer Karte zu finden. Seine Kritik galt der Heimat England. Seemannsgarn umgeht die Zensur.
Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Wer keine Reise tut, der auch. Vielleicht vor allem der? Ich war nicht dabei, aber ich weiß ganz genau, sagt die Autorin. Aber es ist nichts erlogen, ich habe alles ehrlich erfunden, sagt ihre Literatur. Sitzen die wahren Erfinder des Seemannsgarns also im Warmen und auf dem Trockenen? Es scheint so.
Und überhaupt, was heißt wahr erzählen? Sicher, was wüssten wir vom Russland zur Zeit der Napoleonischen Kriege ohne Tolstois Krieg und Frieden? Was vom Leben in der französischen Provinz im späten 19. Jahrhundert ohne Flaubert? Aber gibt es denn eine Stadt namens Moskau, so wie Tolstoi sie beschreibt, eine Stadt namens Berlin, von der Fontane erzählt, eine Stadt namens Paris, wie Maupassant sie schildert, wirklich, oder hat es sie jemals gegeben?
Nein. Alles bloß Sprache. Und doch mehr als bloß Sprache.
Auch wundert man sich bald nicht mehr. Selbst wenn auf einmal ein weißes Kaninchen mit roten Augen vorbei läuft. Daran war an und für sich nichts Besonderes; auch fand es Alice noch nicht übermäßig seltsam, daß das Kaninchen vor sich hin murmelte: „Jemine! Jemine! Ich komme bestimmt zu spät!“ (als sie später darüber nachdachte, fiel ihr ein, daß sie sich eigentlich darüber hätte wundern müssen, aber im Augenblick erschien ihr das alles ganz natürlich).
So ist das, wenn Seemannsgarn gesponnen wird: Man könnte sich darüber wundern, wenn man möchte, aber man möchte gerade nicht: Man will eintauchen in das Unwahrscheinlichste. So nehmen die Dinge rasch ihren Lauf und Alice läuft mit: Denn seht ihr, Alice waren bis jetzt schon so viele ungewöhnliche Dinge zugestoßen, daß sie langsam nur noch das wenigste für unmöglich hielt. Nun wird immer mehr, bald alles möglich. Und wie gerne wir uns dabei belügen lassen ...

Kein Volk ohne Seemannsgarn

Wie und wo entsteht das Seemannsgarn, das fesselt? Matrosen spinnen es, während sie Taue und Netze flicken. Eltern spinnen es, wenn sie ihren Kindern die Geschichte der Familie erzählen. Partner spinnen es, wenn sie einander erinnern, wie sie sich kennengelernt haben – damals. Reisende spinnen es, wenn sie nach Hause kommen und darstellen wollen, was sich nicht darstellen lässt. Erzählt wird zu allen Zeiten, an allen Orten und in allen Gesellschaften. Das Seemannsgarn beginnt mit der Geschichte der Menschheit; nirgends gibt und gab es jemals ein Volk ohne Seemannsgarn. Es ist international, transhistorisch, transkulturell, und damit einfach da, so wie das Leben.
Matrosen spinnen es, während sie Taue und Netze flicken. Ein Zeitvertreib, der weit weg führen kann oder tief ins Innere. Auch auf der nächtlichen Themse sitzen Männer, zusammengehalten durch das Band der See, und warten, bis die Ebbe kommt, doch erst als er nach langem Schweigen zögernd wieder ansetzte: „Ich nehme an, ihr erinnert euch, dass auch ich eine Zeit lang Süßwassermatrose war“, wussten wir, dass wir dazu verdammt waren, uns bis zum Ablaufen der Flut eine von Marlows endlosen Abenteuergeschichten anzuhören.
Marlows Geschichte, erzählt in dieser Londoner Nacht auf der Hochseejacht Nellie, wird direkt ins Herz der Finsternis führen, und zwar alle, nicht nur die anwesenden Seemänner: Wer einer Geschichte zuhört, der ist in Gesellschaft des Erzählers; selbst wer liest, hat an dieser Gesellschaft teil. Und hat Teil am Grauen, das dann erzählt wird wie auf dieser Jacht. Und Teil an der Erleichterung, dass das ja alles nur Erzählung ist. Oder doch nicht?
Das Seemannsgarn hält auch Trost bereit in Situationen der Bedrängnis, hilft Furcht zu vertreiben, den Tod wenigstens eine Zeitlang zu töten. Etwa in jenem Landhaus in den toskanischen Hügeln bei den zehn Flüchtlingen, die einander Geschichten erzählen, während in Florenz die Pest wütet. Aus dieser trostlosen Situation folgen bald der Zauber und das Vergnügen der Geschichten.
Dank des Seemannsgarns sind wir mehr und sind wir andere und doch immer wir selbst. In diesem Flechtwerk lösen wir uns auf und vervielfältigen wir uns, weil wir sehr viele Leben mehr leben als das, was wir besitzen, und als die, die wir leben könnten, wenn wir auf das Wahrhafte beschränkt blieben und das Gefängnis der Geschichte niemals verließen.
Das Seemannsgarn verbindet jene, die gemeinsam auf dem Schiff sitzen, es überzeugt und ordnet, macht Sinn. Es erklärt, was geworden ist: Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser. Gott sprach: Licht werde! Und es festigt Gemeinschaften und Nationen.
Das Seemannsgarn, müsst Ihr wissen, ist kein seidener Faden. Es spinnt starke Taue. Scheherazade wusste das: Sie erzählte sich durch 1001 Nacht und rettete nichts weniger als ihr Leben.
Seht ihr, das war eine richtige Geschichte!


Gekürzter Ausschnitt aus dem Kapitel
Seemannsgarn, erschienen in: Schrift ahoi!
Literatur als Seefahrt. Ein Lexikon, von Brigitte Schwens-Harrant und Jörg Seip. Es erscheint am 7. Oktober im Klever Verlag.


Folgende Literatur ist kursiv zitiert:

Brüder Grimm: Das Dietmarsische Lügenmärchen.
Walter Benjamin: Der Erzähler.
Marco Polo: Die Beschreibung der Welt.
Walter Benjamin: Der Erzähler.
Jonathan Swift: Gullivers Reisen.
Felicitas Hoppe: Sieben Schätze.
Felicitas Hoppe: Pigafetta.
Urs Widmer: Vom Leben, vom Tod
und vom Übrigen auch dies und das.
Michael Ende: Vierundvierzig Fragen von Michael Ende an den geneigten Leser.
Lewis Carroll: Alice im Wunderland.
Felicitas Hoppe: Sieben Schätze.
Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer.
Joseph Conrad: Herz der Finsternis.
Walter Benjamin: Der Erzähler.
Giovanni Boccaccio: Das Decameron.
Mario Vargas Llosa: Die Wahrheit der Lügen.
Bibel, Gen 1,1-3 (Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig).
Hans Christian Andersen: Die Prinzessin auf der Erbse.

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