ro ro

Themen-Optionen Ansicht

39/2013 - „Ewig wachsen geht nicht“
  #1  
Ungelesen , 10:56
„Ewig wachsen geht nicht“

Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer über realitätsverweigernde Parteien und die Illusion, durch Klimagipfel oder Masterpläne die Welt retten zu können.

Das Gespräch führte Doris Helmberger

Dass es auf Erden immer wärmer wird, gilt als Tatsache. Zwar heizen sich die Luftmassen weniger stark auf als noch vor wenigen Jahrzehnten, wie es im fünften Weltklimabericht heißt, dessen erster Teil dieser Tage präsentiert wird. Doch zugleich nehmen Ozeanerwärmung und Polschmelze dramatisch zu. Entsprechend betroffen werden im November tausende Politiker, Experten und Lobbyisten zum UN-Klimagipfel nach Warschau fliegen. An diesem „Weltrettungskonferenzbetrieb“ übt Harald Welzer, Direktor der Zukunftsstiftung „Futurzwei“, heftige Kritik – ebenso wie am Schlagwort „grünes Wachstum“. „Die Wahrheit ist nicht schön“, schreibt der Sozialpsychologe in seinem neuen Buch „Selbst denken“: Um in eine nachhaltige Moderne zu gelangen, müsse man vielmehr endlich „die Komfortzone verlassen“ und „auf Wohlstand verzichten“. Was das bedeutet – und warum er letzten Sonntag die Deutsche Bundestagswahl boykottierte –, hat Welzer während der 16. GLOBArt Academy in Krems der FURCHE erklärt.

DIE FURCHE: Herr Professor Welzer, Sie haben sich bereits am 27. Mai dieses Jahres in einem „Spiegel“-Essay als Wahlverweigerer geoutet. Haben Sie jeden Glauben an die Politik verloren?
Harald Welzer: Ich sehe bei den etablierten Parteien einfach keine Thematisierung der relevanten Zukunftsprobleme – etwa der ekla*tanten Generationenungerechtigkeit oder der radikalen Gefährdung der Demokratie durch Überwachungstechnologien einerseits und Machtkonzentration auf Seiten von Kapitalgesellschaften andererseits. Ich erwarte von der Politik ja überhaupt nicht, dass sie mir Antworten auf diese Probleme gibt, aber sie müsste sie zumindest benennen. Selbst die Grünen sind heute so gemainstreamt, dass sie sich mit Schlagworten wie „green jobs“ oder „green growth“ behelfen, statt offen darüber zu sprechen, dass dieser Typus von Wirtschaft nicht nachhaltig sein kann. Ewig wachsen geht halt nicht!
DIE FURCHE: Eine Partei, die offen Schrumpfung propagiert, hätte wohl noch schlechter abgeschnitten als die Grünen mit ihrer Forderung nach einem „Veggie Day“ …
Welzer: Das weiß ich nicht. Aber es kann auch nicht der Sinn von Politik sein, seine Inhalte nur an Umfragen auszurichten. Vor 15 Jahren haben die deutschen Grünen gefordert, dass der Liter Benzin fünf Mark kosten soll – woraufhin sie in Umfragen und Wahlen nach unten gerasselt sind. Bis heute wird dieses Trauma bemüht, wenn man sie auffordert, klare Inhalte zu vertreten. Zur surrealen Diskussion über die Einführung einer Autobahnmaut hat der Grüne Spitzenkandidat (Jürgen Trittin, Anm.) nur gesagt: „Wir wollen keine deutschen Autofahrer abzocken!“ Das ist die Pervertierung des grünen Gedankens!
DIE FURCHE: Die Wiener Grünen haben die Einführung eines Parkpickerls gefordert – und sind damit kolossal gescheitert. Offenbar kann man keine Politik gegen Autofahrer machen …
Welzer: Es scheint so. In Deutschland wird nicht einmal über die Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen diskutiert – geschweige denn über das Fliegen, die energieaufwändigste Mobilitätsform, die noch dazu extrem subventioniert wird.
DIE FURCHE: Eine Ihrer „Zwölf Regeln für erfolgreichen Widerstand“ lautet: „Es hängt ausschließlich von Ihnen ab, ob sich etwas verändert“. Hand aufs Herz: Wie sind Sie selbst hierher nach Krems gereist?
Welzer: Ich habe eine Kombination von Flug und Bahn gewählt und mehrere Termine zusammengelegt, sodass sich der Mobilitätsaufwand in einigermaßen vertretbarem Rahmen hält. De facto ist er natürlich zu hoch, aber es geht eben immer um eine Abwägung. Ich würde von niemandem – auch von mir selber nicht – erwarten, dass man von einem Augenblick zum anderen zum Öko-Mönch wird. Aber es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, den eigenen Aufwand zu reduzieren: in der Ernährung, in der Mobilität, beim Arbeiten oder beim Wohnen. Das kann auch sehr angenehm sein: Wir wohnen etwa in einem Haus, das keine Energie verbraucht. Wenn ich zu Beginn der Wintersaison aus dem Fenster schaue, sehe ich ringsherum Rauch aus den Schornsteinen kommen – nur bei uns nicht. Das ist doch fein!
DIE FURCHE:Nur muss man sich ein Passivhaus auch leisten können. Kritiker werfen Ihnen darob vor, „Luxusprobleme“ zu artikulieren.
Welzer: Also erstens hat unser Gesellschaftstyp alle großen Probleme in der Welt verursacht. Und zweitens stimmt es zwar, dass eine Milliarde Menschen nicht einmal Zugang zu Wasser haben, aber daraus können wir doch nicht ableiten, dass wir so weitermachen können wie bisher! Dazu dient nämlich oft dieses Argument: Ich bin unheimlich schlau und super politisch, aber ich kann leider nichts machen. Das kotzt mich an!
DIE FURCHE: Sie sagen, dass „drei bis fünf Prozent in allen Gesellschaftsschichten“ reichen, um einen Wandel herbeizuführen. Ist es nicht schwierig, sozial schwachen Menschen einen reduzierten Lebensstil schmackhaft zu machen?
Welzer: Ich halte das für ein elitäres Vorurteil. Erstens verbrauchen Menschen mit weniger Einkommen von sich aus erheblich weniger Ressourcen. Und zweitens ist die Intelligenz in allen Gesellschaftsgruppen gleich verteilt: Es gibt unter Professoren die gleichen 30 Prozent Holzköpfe wie unter Friseurinnen. Nur die Handlungsspielräume sind unterschiedlich: Deshalb haben wir es weniger mit der Ignoranz einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe als mit einem riesigen Elitenversagen zu tun! Man braucht sich nur anzuschauen, wie schwierig es ist, in der politischen Klasse die Dienstwagen auszutauschen.
DIE FURCHE: Dieses Versagen orten Sie auch bei Klimagipfeln – wohin nebst tausenden Politikern und Experten auch Lobbyisten fliegen, um im Auftrag der Industrie „Klimalügen“ aufzudecken …
Welzer: Hier wird tatsächlich permanente Aufwandserhöhung betrieben – ohne Erfolg. Dieser ganze Hype ist nur für Fluggesellschaften, Hotels und Taxis lukrativ. Aber dem Klima hilft das gar nicht. Vermutlich würde es reichen, wenn sich nur eine Gruppe engagierter Experten trifft.
DIE FURCHE: Auch für Ihre Vision einer „enkeltauglichen Gesellschaft“ braucht es eher Engagierte als einen Masterplan. Warum?
Welzer: Weil wir noch Gefangene eines alten Erfolgsmodells sind und uns Vieles einfach nicht vorstellen können. Aber es existiert eine Fülle wahnsinnig interessanter Realexperimente, etwa Unternehmer, die nicht mehr wachsen wollen oder ihr ganzes, betriebliches Gefüge anders organisieren.
DIE FURCHE: Wie Heini Staudinger, der Chef der Waldviertler Schuhfabrik „Gea“, den Sie in Ihrem Buch als „Selbstdenker“ loben …
Welzer: Ja, wobei er als Chef sogar am wenigsten verdient. Solche „Best Practice“-Beispiele kann man einerseits konkret nachahmen; andererseits sind sie auch eine reiche Quelle des Wissens über Veränderung. Das heißt nicht, dass es nur noch Staudingers geben darf. Aber man kann moderne Technologien mit altmodischen Ansätzen kombinieren – und plötzlich wird daraus etwas Interessantes.
DIE FURCHE: Sie bezeichnen sich als Utopist. Sind Sie oder Realisten näher dran an der Wahrheit?
Welzer: Für mich sind jene Menschen die eigentlichen Illusionisten und Romantiker, die am derzeitigen Business as usual festhalten wollen, obwohl die Erosion dieses Systems längst mit Händen zu greifen sind. Jene, die sagen: „Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen!“, das sind für mich die eigentlichen Realisten!

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  09:10:52 07.15.2005