ro ro

Themen-Optionen Ansicht

41/2013 - Das große Ich-bin-ich
  #1  
Ungelesen , 12:09
Das große Ich-bin-ich

Individualität steht hoch im Kurs – doch das Ich gerät verschiedentlich in Bedrängnis. Wir sollten es uns dennoch nicht schlechtreden lassen.


Von Rudolf Mitlöhner

Ist ein Netz eigentlich was Gutes oder was Schlechtes? Wenn sich eine Tagung wie das diesjährige Philosophicum Lech mit dem „Einzelnen in seinen Netzen“ befasst – was ist dann die Primärassoziation? Ein heillos verstricktes, hilflos zappelndes Wesen – oder ein autonom in sich ruhendes, interaktiv agierendes, seine Netzwerke strategisch klug nutzendes Subjekt? Bei Philosophen ist natürlich nie etwas eindeutig, sie sehen immer die Ambivalenz aller Dinge, also stimmt beides irgendwie. Auch wenn durch das große „Ich“, welches im Titel dem „Einzelnen in seinen Netzen“ vorangestellt wurde, der Blick zunächst auf das Subjekt gelenkt zu werden schien. Aber dieses Ich wurde im Lauf der Tagung ganz schön zerzaust. Nicht nur vom – einem Ich-Bewusstsein gewiss nicht gänzlich abholden – deutschen Starphilosophen Richard David Precht, der verkündete: „Wir stehen vor den Scherben der Ich-Philosophie.“

„Ich bin ein Massentourist“

Ist es wirklich so schlimm? Dabei halten wir uns doch soviel auf unsere Individualität zugute. Hier konstatiert freilich Konrad Paul Liessmann, wissenschaftlicher Leiter des Philosophicums, eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Massenverhalten und Individualisierung. Er sprach in seinem Eröffnungsvortrag von einem „Ideal normierter Durchschnittlichkeit“, das eigentümlich dazu kontrastiere, dass jeder sich einbildet (und ihm auch eingeredet wird), etwas Unverwechselbares, Einzigartiges zu sein. Oder kennen Sie jemanden, der etwa von sich sagt: „Ich bin ein Massentourist.“? Auf eines von Liessmanns Lieblingsthemen, die Bildung, heruntergebrochen bedeutet das: „Kein Bildungsreformer findet etwas daran, einerseits die Individualisierung des Unterrichts und die Förderung der besonderen Begabungen des Einzelnen zu fordern, und gleichzeitig für Bildungsstandards, Zentralmatura und den Einsatz von Testbatterien einzutreten, die alles an einem global gültigen Mittelwert ausrichten.“ Und es gehöre, so Liessmann, „zum Credo der Reformpädagogik, dass jedes Kind eine besondere Begabung habe“ (s. Streitgespräch S. 12/13).
Eine ähnliche Zeitdiagnose hat übrigens der Grazer Soziologe Manfred Prisching in seinem 2009 erschienenen Buch „Das Selbst. Die Maske. Der Bluff“ vorgelegt. Prisching ortete darin einen „konformistischen Individualismus“ und spitzte zu: „Jeder benötigt, was ihm aufgenötigt wird. Jeder denkt, was ihm zugedacht wird. Jeder tut, was ihm angetan wird. Jedem ist so zumute, wie es ihm zugemutet wird.“ (s. FURCHE Nr. 42/09).

Kultur der Abhängigkeit

Nun war das völlig autonome Subjekt wohl immer schon eine Fiktion – aber viele der Entwicklungen hin zur Normierung und Nivellierung einschließlich des damit verbundenen sozialen Drucks haben erst durch die digitale Revolution ihre wahre Brisanz entfaltet. Von Mobbing via Facebook oder Youtube bis hin zum NSA-Überwachungsskandal – heute sollte zumindest theoretisch jedem die Ambivalenz der Communication 2.0 deutlich sein: Ungeahnte Freiheiten gehen mit früher unvorstellbaren Restriktionen des Privaten Hand in Hand. Die Möglichkeit allumfassender Mobilität und Transparenz ist ohne den Zwang zu allumfassender Mobilität und Transparenz nicht zu haben. Hier muss man den Einzelnen wohl ebenso sehr als in seinen Netzen gefangen sehen wie als souveränen Fädenzieher und -knüpfer.
Aber es gibt noch einen ganz anderen Grund, das Konzept der Autonomie zu relativieren. Darauf wies Gernot Böhme, emeritierter Philosophieprofessor aus Darmstadt, hin: In einer alternden Gesellschaft werde es zunehmend darauf ankommen, den bei uns absolut negativ konnotierten Begriff der Abhängigkeit in ein neues Licht zu rücken – Stichwort Pflegebedürftigkeit. Böhme verwies in diesem Zusammenhang auf die japanische Kultur, die auch eine positive Sicht von Abhängigkeit kenne. Wie immer man dazu stehen mag – dass eine stark steigende Zahl an alten, hilfsbedürftigen, gar hilflosen Menschen an unserem überkommenen Verständnis von Würde und Selbststand kratzen, ist unabweislich.
Vor lauter – berechtigter – Infragestellung des Ichs durch technologische, soziale Entwicklungen wie auch wissenschaftliche Erkenntnisse (Hirnforschung!) sollten wir freilich den großen Bogen nicht aus den Augen verlieren: die (westliche) Erfolgsstory des Individualismus, die mühsam erkämpfte Errungenschaft, „Ich“ sagen zu können und zu dürfen. Gewiss, der Mensch ist vom Anfang seiner Existenz im Mutterleib bis zu seiner letzten Stunde – und auch dazwischen – immer auch ein Abhängiger. Niemand ist „Ich“ ohne „Dus“, ohne die anderen – also ohne Netze, die in diesem Sinn auch Sicherungsnetze sind. Aber dort, wo versucht wird, das Ich in ein Wir hinein gewissermaßen aufzulösen, droht die Gefahr des Totalitarismus. Wo der Einzelne zugunsten einer vermeintlich übergeordneten höheren Idee zurückzutreten hat oder gar geopfert werden soll, hat die Inhumanität gesiegt. „Wir dürfen gar nicht säumen, / dem Staate liegt daran, / den bösen Untertan / schnell aus dem Weg zu räumen“, lässt Beethoven seinen diktatorischen Gouverneur Pizarro raunen.

Ich – Ausdruck der Freiheitsgeschichte

Es muss nicht der Staat sein, es müssen schon gar nicht die mörderischen Ideologien des Nationalsozialismus oder Kommunismus sein, in denen der Einzelne nichts zählte, das – freilich unterschiedlich gefasste – kollektivistische „Wir“ aber alles. Es gibt auch unter demokratischen und friedlichen Verhältnissen die Versuchung, die Freiheit(en) des Individuums einzuschränken. Schlagworte wie Gemeinwohl, Gerechtigkeit, Gesundheit, Nachhaltigkeit sind da wohlfeil und stets schnell zur Hand. Nocheinmal – die Hinordnung des Einzelnen auf diese Begriffe ist sinnvoll und berechtigt, eine Verabsolutierung der individuellen Freiheit kann letztlich wieder nur in Unfreiheit münden. Aber die Beweislast sollte bei jenen liegen, die Restriktionen fordern.
Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sind letztlich auch Ausdruck einer langen und von vielen Windungen gekennzeichneten Freiheitsgeschichte. Es ist, wenn man einen Kinderbuchtitel von Mira Lobe paraphrasieren will, die Geschichte des „großen Ich-bin-ich“. Sie hat, nehmt alles nur in allem, dort, wo sie bestimmend wurde, allen Schattenseiten zum Trotz für ein Höchstmaß an Wohlstand, Frieden und Sicherheit gesorgt. Es gibt jedenfalls keine andere Erzählung, die eine vergleichbare Attraktivität aufweisen würde. Sie hat ihre Wurzeln, auch das soll nicht verschwiegen werden, in der jüdisch-christlichen Tradition mit ihrem Verständnis von Gottebenbildlichkeit – auch dann noch, wenn diese Wurzeln im allgemeinen Bewusstsein kaum noch präsent sind. An dieser Erzählung sollten wir festhalten.


18. Philosophicum Lech
17. bis 21. September 2014
Thema: „Schuld und Sühne.
Nach dem Ende der Verantwortung“
Anmeldungen ab 1. April 2014
www.philosophicum.com

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  07:18:26 07.14.2005